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Universität München

Dufte Abschlussfeier

03.12.2012
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Von Hannelore Gießen, München / Staatsexamen der Pharmazie, Bachelor und Master of Pharmaceutical Sciences: Rund hundert Absolventen nahmen strahlend ihre Zeugnisse aus der Hand von Professor Dr. Angelika Vollmar, Direktorin des Departments für Pharmazie der bayerischen Ludwig-Maximilians-Universität München, entgegen.

Umrahmt wurde die Akademische Abschlussfeier von schwungvollen Klängen des Arcis Saxophon Quartetts sowie Grußworten des Dekans der Fakultät für Chemie und Pharmazie, Professor Dr. Herbert Mayr, der seiner Freude über hervorragende Abschlussexamina Ausdruck verlieh.

 

In allen Sparten wurden die besten Absolventen mit Preisen geehrt: Dr. Hermann Vogel, Vorsitzender des Stiftungsrates der Dr. August- und Dr. Anni Lesmüller-Stiftung, ehrte vier Staatsexamen-Absolventen mit der Lesmüller-Medaille. In seiner Rede ging der Ehrenpräsident der Bayerischen Landesapothekerkammer auch auf aktuelle Entwicklungen ein und zeigte sich erleichtert darüber, dass eine Spaltung in Haupt- und Filialapotheken habe verhindert werden können, die dem Ansehen der öffentlichen Apotheke sehr geschadet hätte.

 

Vogel hob die außergewöhnlich guten Chancen hervor, als approbierter Apotheker einen Arbeitsplatz zu finden. Auch Dr. Nora Urbanetz, Leiterin der pharmazeutischen Entwicklung von Daiichi Sankyo Europe, die zwei Master-Absolventen den Daiichi Sankyo Masterpreis überreichte, bestätigte: »Sie haben genau das Richtige studiert.« In der pharmazeutischen Industrie warten zahlreiche Arbeitsplätze auf Absolventen sowohl des Studiengangs Pharmazie als auch des Masterstudiengangs Pharmaceutical Sciences. Dr. Friedrich Richter, Geschäftsführer der Abbott GmbH & Co KG, mit der seit Jahren eine Zusammenarbeit besteht, überreichte den Abbott-Promotionspreis für die beiden besten Promotionsarbeiten.

 

Studiendekan Professor Dr. Franz Paintner sowie Professor Dr. Angelika Vollmar gratulierten den Absolventen und würdigten die großen Leistungen, die die beiden Studiengänge und deren Abschlussexamina den Studenten abverlangt hatten. Vollmar appellierte an die Absolventen, die jetzt ins Berufsleben treten, authentisch zu leben und einen Weg zu suchen, der zur eigenen Persönlichkeit passt.

Zur Persönlichkeit eines Menschen gehöre auch sein individueller Geruch, griff Professor Dr. Hanns Hatt das Thema auf. In seinem Festvortrag referierte der Zellphysiologe von der Ruhr-Universität Bochum über Düfte und Geruchswahrnehmung. Weit weniger erforscht als Sehen und Hören sei der evolutionär älteste Sinn, der Geruchssinn, berichtete der Wissenschaftler. Immerhin wisse man inzwischen, dass rund 350 unterschiedliche Riechrezeptoren den Düften auf die Spur kommen. Jeder Rezeptor ist für einen Duft zuständig – einer zum Beispiel für Vanille, ein anderer für Moschus. Doch erst von 5 Prozent dieser Rezeptoren ist bekannt, was sie genau riechen können. Wissenschaftler um Hatt entschlüsselten vor einigen Jahren den ersten menschlichen Geruchsrezeptor, die Empfangsstelle für den Maiglöckchenduft Cyclamal, und entwickelten dazu auch einen Antagonisten.

 

Duftrezeptoren befinden sich jedoch nicht nur auf den Riechzellen der Nase, sondern fast in jedem Gewebe des menschlichen Körpers, beispielsweise in der Haut, im Gastrointestinaltrakt, im Herzen und auf Spermazellen. Auch auf verschiedenen Wegen gelangen Düfte in den Körper: Beim Einatmen oder beim Einmassieren wandern sie nicht nur über die Nase ins Gehirn, sondern auch über die Haut oder die Atemluft.

 

Eine Aktivierung der Duftrezeptoren außerhalb der Nase wird allerdings nicht als Geruch wahrgenommen, sondern löst unterschiedliche Reaktionen in den Zellen aus.

 

So sind sechs verschiedene Duft­rezeptoren im Trigeminusnerv an Schmerz- und Temperaturwahrnehmungen beteiligt: Menthol aktiviert einen Rezeptor, der auf Temperaturen zwischen 10 und 20 °C anspricht. Deshalb wird Menthol als kühlend empfunden, ohne wirklich zu kühlen. Peperoni lösen den umgekehrten Effekt aus: Der Rezeptor für Capsaicin fungiert zugleich als Sensor für Temperaturen von 40 bis 50 °C.

 

Auf Prostatazellen, vor allem Prostata­karzinomzellen, konnte das Team um Hatt den Rezeptor für Veilchenduft nachweisen. Wird er aktiviert, sinkt die Zahl der Zellteilungen. Hatt sieht hier für die Zukunft ein besonders interessantes Forschungsfeld.

 

Düfte prägen Erinnerungen

 

Die Bewertung von Düften ist nicht genetisch verankert, sondern vom Kulturkreis und der Erziehung abhängig. So wird ein einmal als positiv gespeicherter Duft immer wieder mit einem angenehmen Empfinden verbunden und weckt die ursprünglichen Assoziationen. In der Literatur wird dieses Phänomen als »Proust-Effekt« bezeichnet: Marcel Proust beschreibt in seinem Buch »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«, wie ihn der Geruch des Gebäcks Madeleines sowie von Lindenblütentee in seiner Vorstellung an den Ort der frühen Kindheit zurückversetzt.

 

Der Proust-Effekt kann physiologisch erklärt werden: Duftmoleküle werden von den Riechzellen in der Nase in das für Gefühle zuständige limbische System sowie den Hippocampus geleitet, der für das Gedächtnis eine entscheidende Rolle spielt. Dort bewirken die Duftmoleküle eine Ausschüttung von Neurotransmittern, die angenehme oder weniger angenehme Gefühle vermitteln.

 

Ein aktuelles Beispiel aus der Erforschung des Proust-Effektes stieß beim Auditorium auf großes Interesse: Wenn Männer florale Düfte und pink Grapefruit zuerst bei jungen, schlanken Frauen kennengelernt haben, wirken ältere, rundlichere Frauen, die das gleiche Parfum auftragen, auf sie etwa sechs Kilogramm leichter und sechs Jahre jünger. Hatt bezeichnete diesen Effekt als »olfaktorischen Längsstreifen«. Umgekehrt ließe sie ein schwerer Duft wie Chanel No. 5 älter wirken, warnte Hatt die jungen Absolventinnen mit einem Augenzwinkern.

 

Riechen ist Trainingssache

 

Riechen bestimme unser Leben weit mehr, als wir glauben, fasste Hatt zusammen. Die Nase entscheide, was uns schmeckt, wen wir lieben oder wen wir nicht riechen können. Der Wissenschaftler empfahl, den Geruchssinn pfleglich zu behandeln und Duftkonzentrationen so niedrig wie möglich halten. Da man seine Nase trainieren und so zu einer immer differenzierteren Geruchswahrnehmung gelangen kann, plädierte Hatt dafür, nicht nur mit offenen Augen, sondern auch mit einer offenen Nase durch das Leben zu gehen. /

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