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Pflege

Angehörige entlasten

06.12.2011
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Von Werner Kurzlechner, Berlin / Experten fordern einen konsequenten Ausbau ambulanter Pflegedienste und eine Verbesserung der Versorgungs- und Lebensqualität in Heimen. Auch bauliche Veränderungen in den Wohnungen älterer Menschen seien ein wichtiger Ansatzpunkt, um den Pflegenotstand zu entschärfen.

Mehrgenerationenhäuser sind nicht die Antwort auf den steigenden Pflegebedarf unserer Gesellschaft – allenfalls ein Baustein in einer Landschaft, die sich in den kommenden Jahrzehnten differenzieren wird. Das machte Professor Dr. Adelheid Kuhlmey, Medizinsoziologin an der Berliner Charité, auf einer Konferenz über Gesundheits- und Pflegeimmobilien des Veranstalters IIR Deutschland in Berlin klar.

 

Kuhlmey bettete die baulichen Fragen in den Kontext der Nutzerbedürfnisse und aktuellen Realitäten ein. Ein entscheidender Aspekt dabei: Die Deutschen wollen im Pflegefall in eindeutiger Mehrheit zu Hause betreut werden; so lange es irgendwie geht, und das am liebsten von ihren eigenen Angehörigen. Rund 1,6 Millionen überwiegend weibliche Senioren, Kinder und Jugendliche werden hierzulande zu Hause versorgt. Ihnen helfen etwa 4,2 Millionen privat Pflegende.

Kuhlmey betonte das Ausmaß der Belastung, dem diese ausgesetzt sind. Das beginne bei der nötigen Reduktion beruflicher Pflichten und setze sich über die psychischen Sorgen fort bis zu Einbußen der eigenen körperlichen Gesundheit. Die Forscherin nannte hier neben Muskel- und Skelettleiden durch häufiges schweres Heben auch Schlaf- und Essstörungen, Kopfschmerzen und Burnout als typische Leiden. In den kommenden Jahren dürfte sich das weiter potenzieren. Zum einen verlängert sich durch höhere Lebenserwartung auch die Dauer der Pflegetätigkeit; zum anderen wird mit dem Altwerden der Nachkriegsgenerationen die Zahl pflegebedürftiger alter Männer steigen.

 

Dennoch führe an einer Stärkung der Pflegeinstanz Familie kein Weg vorbei, so Kuhlmey. Für Alternativen fehle es an professionellem Personal, das hierzulande viel besser qualifiziert werden müsste als bisher. Insbesondere stünden viele Pflegerinnen und Pfleger mit modernen Technologien auf Kriegsfuß, die eine entscheidende Erleichterung im Pflegealltag sein könnten. Auf der baulichen Seite mahnte Kuhlmey an, für ausreichend Beleuchtung und sichere Böden in den Wohnungen älterer Menschen zu sorgen, um das Sturzrisiko zu verringern. An einer Entlastung der pflegenden Angehörigen führe auf Sicht kein Weg vorbei, so die Expertin. Es bestehe insbesondere Bedarf an professionellen Pflegediensten, die sich die Aufgaben mit den Angehörigen teilten. »Deshalb verstehe ich nicht, warum man die ambulante Versorgung nicht viel stärker ausbaut«, sagte Kuhlmey.

 

Heime sind hierzulande meist der allerletzte Ausweg. Mehr als 700 000 Menschen werden in der Bundesrepublik in Heimen versorgt. Zwei Drittel der Pflegeheimplätze seien mit Patienten belegt, die an einer Demenz leiden, so Kuhlmey. Die Zahl der Demenzkranken in Deutschland wird laut Prognosen von derzeit etwa einer Million auf mehr als zwei Millionen steigen. Das heißt, dass auch an einer Verbesserung der Situa­tion in den Heimen kaum ein Weg vorbeiführt.

 

Kuhlmey stellte einen Vergleich mit der Schweiz her: Dort gingen deutlich mehr Patienten ins Heim; diese Bereitwilligkeit liege letztlich daran, dass die Heime in der Alpen­republik kleiner seien – mit mehr und besser ausgebildetem Personal. Kuhlmey forderte ferner, stärker auf Prävention und Rehabilitation zu setzen und verwies auf die regionalen Unterschiede im Pflegebedarf. Insbesondere in vielen Gebieten der neuen Bundesländer stellt sich die Situation wegen der Abwanderung junger Leute besonders dramatisch dar. / 

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