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Gender-Medicine

HIV macht einen Unterschied

01.12.2009
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Von Daniela Biermann / Männer und Frauen reagieren unterschiedlich bei einer HIV-Infektion. Frauen zeigen tendenziell zu Beginn eine bessere Immunantwort, dann verläuft die Progression bei ihnen aber schneller. Forscher sind den biologischen Ursachen hierfür auf der Spur.

Nach neusten Zahlen des Robert-Koch-Instituts leben in Deutschland 67 000 Menschen mit HIV oder Aids. Davon sind 12 000 Frauen. Auch die Zahl der Neuinfektionen in diesem Jahr liegt für Frauen deutlich unter jenen der Männer (320 versus 2650). Weltweit ist das Geschlechterverhältnis laut Deutscher Aids-Gesellschaft allerdings ausgewogen. In einem der am stärksten betroffenen Gebiete, dem Teil Afrikas südlich der Sahara, sind jedoch mehr als 60 Prozent der Infizierten weiblich. Dort und in anderen weniger entwickelten Ländern ist eine Feminisierung der HIV-Epidemie zu beobachten.

Bei der Infektion und Progression spielen sehr viele sozioökonomische Faktoren eine Rolle, zum Beispiel fehlende Bildung, sexuelle Gewalt und der Zugang zu antiretroviralen Therapien. Doch auch die Biologie hat einen Einfluss auf den Verlauf einer Infektion. Beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr haben Frauen das höhere Infektionsrisiko – bis zu achtmal öfter infizieren sie sich im Vergleich zu den Partnern. Die exponierte Oberfläche der Genitalien ist bei ihnen größer als bei den Männern, und (kleine) Verletzungen treten häufiger auf.

 

Nach einer Ansteckung haben Frauen oft eine niedrigere Viruslast als Männer. Bei gleicher Viruslast entwickeln sie jedoch schneller Aids. Grund hierfür könnte eine unterschiedliche Rezeptorantwort kurz nach der Infektion sein, vermuten US-amerikanische Forscher vom Ragon-Institut des Massachusetts General Hospital, Massachusetts Institute of Technology und der Harvard-Universität. Uninfizierte sogenannte plasmazellähnliche dendritische Zellen von Frauen reagierten im In-vitro-Experiment stärker auf HI-Viren vom Typ 1 als Zellen von Männern. Nach Aktivierung des Toll-like-Rezeptors 7 produzieren weibliche Zellen mehr Interferon-α. Dies führt zu einer stärkeren, chronischen Aktivierung der Immunantwort in Form von T-Zellen, was die Untersuchung von Blutproben infizierter, noch nicht behandelter Frauen und Männer zeigten. Eine verstärkte Immunantwort fördert die Progression hin zu Aids; warum, ist noch unklar.

 

Das weibliche Sexualhormon Progesteron kurbelt die Interferon-α-Produktion in den plasmazellähnlichen dendritischen Zellen zusätzlich an, bestätigten weitere Untersuchungen. So ist die Immunantwort bei prämenopausalen Frauen stärker, während sie bei postmenopausalen ähnlich verläuft wie bei Männern. »Alles in allem bestätigen diese Ergebnisse ein Modell, in dem die gleiche Virusmenge eine stärkere Aktivierung der plasmazellähnlichen dendritischen Zellen bei Frauen als bei Männern induziert«, fasst Autor Dr. Marcus Altfeld die Ergebnisse der in »Nature Medicine« veröffentlichten Studie zusammen. »Während eine stärkere Aktivierung des Immunsystems in den frühen Stadien der Infektion von Vorteil sein könnte (resultierend in einem niedrigeren Grad der HIV-1-Replikation), kann die anhaltende Virusreplikation und stärkere chronische Immunaktivierung zur schnelleren Progression zu Aids führen, wie es bei Frauen beobachtet wurde.« Altfeld und sein Team wollen nun Antagonisten des TLR7-Rezeptors zur Drosselung der Immunantwort erproben.

 

Viele Fragen offen

 

Der Krankheitsverlauf hängt aber auch von genetischen Faktoren ab. So schützt eine Gen-Variante auf dem X-Chromosom die CD4-Zellen heterozygoter Trägerinnen vor dem Untergang und drückt die Viruslast, wie eine Studie koordiniert vom Fritz-Lipmann-Institut in Jena zeigte. Damit brauchen diese Frauen erst bis zu acht Jahre später eine antiretrovirale Therapie als Frauen ohne diese Variante und Männer, selbst wenn diese die Gen-Variante tragen. In Europa tragen etwa 15 Prozent der Frauen diese Variante; in Afrika nur 3 Prozent, in Asien dagegen mehr als 50 Prozent. Der Großteil der genetischen Faktoren, die den Infektionsverlauf beeinflussen, sei jedoch noch ungeklärt. Generell sind bei den immunologischen Grundlagen der HIV-Infektion noch viele Fragen offen, ebenso wie bei ihrem geschlechtsspezifischen Verlauf. /

 

Quellen

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www.rki.de

Floridia, M., et al., Gender differences in the treatment of HIV infection. Pharmacol Res. >(2008) Sep-Oct;58(3-4):173-182. Epub 2008 Jul 30. Review.

Meier, A., Sex differences in the Toll-like receptor-mediated response of plasmacytoid dendritic cells to HIV-1. Nat Med. (2009) Aug;15(8):955-959. Epub 2009 Jul 13.

Siddiqui, R. A., X chromosomal variation is associated with slow progression to AIDS in HIV-1-infected women. Am J Hum Genet. (2009) Aug;85(2):228-239.

 

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