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Durchfall

Arzneistoffe als Auslöser

28.11.2017
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Von Sven Siebenand / Durchfall zählt zu den häufigsten Nebenwirkungen einer Pharmakotherapie. Von mehr als 700 Arzneistoffen ist bekannt, dass sie Diarrhö verursachen können. Die auslösenden Mechanismen sind dabei sehr unterschiedlich. In der aktuellen Ausgabe der DPhG-Mitgliederzeitschrift »Pharmakon« informiert Professor Dr. Ralf Stahlmann von der Berliner Charité über typische Durchfall-Auslöser und die entsprechenden Wirkprinzipien.

Dass die Einnahme eines Antibiotikums zu Durchfall führen kann, wissen auch viele Patienten. Die Ursache dafür ist in den meisten Fällen eine Veränderung der intestinalen Mikroflora. Das kann eine gestörte Verdauung von Kohlenhydraten und eine verminderte Syn­these kurzkettiger Fettsäuren zur Folge haben, wodurch die Absorption von Flüssigkeit im Darm reduziert ist. Oft handelt es sich nur um leichte Durchfälle.

 

Die Veränderung der Darmflora kann aber auch eine sehr gefährliche mikrobielle Fehlbesiedlung zur Folge haben. Vor allem der pathogene Erreger Clostridium difficile ist hier zu nennen. Breitet sich dieses anaerobe Bakterium im Darm aus, kann das lebensbedrohlich sein. Clostridien bilden Toxine, die eine schwere pseudomembranöse Kolitis mit Fieber und krampfartigen Bauchschmerzen auslösen können. Grundsätzlich können alle Antibiotika eine Clostridium-difficile-bedingte Diarrhö verursachen.

 

In seltenen Fällen ist der durch ein Antibiotikum verursachte Durchfall nicht die Folge einer veränderten Darmflora. Makrolid-Antibiotika lösen zum Beispiel Motilin-agonistische Effekte aus. Erythromycin und Co. wirken somit als Motilitätsbeschleuniger im Darm und können zu Diarrhö führen.

 

Stimulation des Parasympathikus

 

Die Stimulation des Parasympathikus erhöht die cholinergen Funktionen. Bei Acytlcholinesterase-Hemmern wie Donepezil, Rivastigmin und Galantamin ist dies zur Behebung der cholinergen Defizite bei Demenz-Patienten gewollt. Allerdings führt dies auch wenig überraschend zu gastrointestinalen Nebenwirkungen.

 

Zu fettigen Stuhlgängen kann es dagegen bei der Einnahme von Orlistat-haltigen Präparaten zum Abnehmen kommen. Der Lipase-Hemmer sorgt dafür, dass Triglyceride nicht in resorbierbare freie Fettsäuren und Monoglyceride hydrolysiert werden. Der Fettgehalt im Stuhl erhöht sich, was gastrointestinale Beschwerden hervorrufen kann. Pa­tienten sollten wissen, dass die Einnahme von Orlistat zusammen mit einer fettreichen Mahlzeit das Risiko für die sogenannte Steatorrhö erhöht.

 

Ähnliche Probleme bereitet die ­Ansammlung von Kohlenhydraten im Stuhl. Dazu kann es unter einer Dia­betestherapie mit den Glucosidase-Hemmern Acarbose oder Miglitol kommen. Die Wirkstoffe hemmen die Spaltung von Oligo- und Disacchariden durch α-Glucosidase. Sie verzögern so die Resorption von Kohlenhydraten und verhindern damit postprandiale Blutzuckerspitzen. Allerdings können durch die Malabsorption der Kohlen­hydrate so auch Blähungen und Durchfälle auftreten.

 

Auch das häufig bei Typ-2-Diabetes verordnete Biguanid Metformin löst oft Durchfälle aus. Warum dem so ist, ist nicht ganz klar. Eventuell liegt es an serotonergen Effekten von Metformin oder an der Beeinflussung des Serotonin-Transports. Wird Serotonin verstärkt im Darm freigesetzt, kann das zu Diarrhö führen. Einer anderen Hypothese zufolge wirkt sich Metformin dagegen auf den Histamin-Spiegel aus, indem es das Enzym Diaminoxidase hemmt, welches für den Histamin-­Abbau benötigt wird. Ein Zuviel an Hist­amin erhöht die Darmmotilität und das Durchfallrisiko.

 

Ähnlich wie bei Metformin ist auch bei dem Antihypertensivum Olme­sartan nicht genau bekannt, warum der Angiotensin-Rezeptorblocker bei einigen Patienten nach längerer Einnahmedauer zu Zöliakie-ähnlichen Symptomen, inklusive starkem Durchfall, führen kann. Tritt dieser auf, hilft der Wechsel auf einen anderen Blutdrucksenker. Die klinische Symptomatik bildet sich bei den Patienten dann in der Regel wieder vollständig zurück.

 

Zweimal Durchfall durch Irinotecan

 

Last but not least führen auch viele Krebsmedikamente sehr häufig zu Durchfall. Insbesondere bei einer Therapie mit dem Topoisomerase-I-Hemmer Irinotecan ist damit zu rechnen. Patienten sollten wissen, dass der Wirkstoff sowohl eine akute als auch eine verzögert einsetzende Diarrhö hervorrufen kann.

 

Die akuten Durchfallepisoden gehen auf das Konto der cholinergen Eigen­schaften von Irinotecan beziehungsweise dessen aktiven Metaboliten SN-38. Unabhängig davon, ob die Patienten akut Durchfall hatten, können einige Tage nach der Behandlung weitere Durchfälle auftreten. Diese sind wahrscheinlich durch SN-38 bedingt. Diese Substanz wird durch aktiven Transport in die Gallenflüssigkeit und den Darm transportiert und schädigt die Darmschleimhaut. Patienten sollten unverzüglich mit der Einnahme von elektrolythaltigen Getränken und Loperamid beginnen und ihren Arzt kontaktieren, wenn es zu diesem verzögert einsetzenden Durchfall kommt. /

Pharmakon – Zeitschrift der DPhG

Durchfallerkrankungen sind der Themenschwerpunkt der aktuellen Ausgabe von »Pharmakon«, der Zeitschrift für Mitglieder der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG). Sie enthält neben dem hier vorgestellten Beitrag von Professor Dr. Ralf Stahlmann unter anderem Artikel über Reise­diarrhö, die Pharmakotherapie von akuten und chronischen Durch­fällen sowie Stuhltransplantation bei Clostridium-difficile-Infektion. »Pharmakon« erscheint sechsmal jährlich. Jede Ausgabe hat einen inhaltlichen Schwerpunkt, der in mehreren Beiträgen aus unterschiedlichen Perspektiven aufbereitet wird. Ein kostenloses Abonnement ist in der DPhG-Mitgliedschaft inbegriffen. Die Zeitschrift ist auch als Einzelbezug erhältlich. Weitere Informationen finden Interessierte auf www.pharmakon.info.

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