Pharmazeutische Zeitung online
Wochenendworkshop

Neue Wege gehen

26.11.2014
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Von Christiane Berg und Daniela Hüttemann / Um den Herausforderungen der gesellschaftlichen Entwicklungen und des demografischen Wandels gewachsen zu sein, muss die Pharmazie neue Wege beschreiten. Dies wurde beim Wochenendworkshop Patient und Pharmazeutischen Betreuung am 22. und 23. November in Postdam deutlich.

»Was können Sie in der Apotheke für die Patienten tun«? Das muss oberste Frage auch beim Einsatz von Zytostatika sein, so Dr. Andrea Liekweg, Apothekerin am Universitätsklinikum Köln, im Seminar »Zielgerichtete Therapien in der Onkologie«. »Erklären, schulen, unterstützen, motivieren, erinnern«: Aufgabe des Apothekers sei die Gewährleistung des bestimmungsgemäßen Gebrauchs der Zytostatika sowie die optimale Organisation des Medikationsprozesses mit dem Ziel, unerwünschte Arzneimittelereignisse insbesondere durch Medikationsfehler zu vermeiden.

 

»Nicht nur gesellschaftlich, auch juristisch sind in der Pharmazie neue Zeiten angebrochen«, unterstrich Liekweg. So habe das Oberlandesgericht Köln eine grundsätzliche Entscheidung zur Haftung von Apothekern getroffen: »Gibt ein Apotheker ein vom Arzt falsch verschriebenes Medikament ab und der Patient erleidet gesundheitlichen Schaden, muss der Pharmazeut beweisen, dass daran nicht die Fehlmedikation Schuld ist«. Liekweg sprach von einem Paradigmenwechsel im Patientenrecht durch die Beweislastumkehr vom Patienten hin zum Arzt und Apotheker.

 

Die Krankenhausapothekerin betonte im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen, dass der Apotheker detailliert nicht nur über Wirkungen und Nebenwirkungen von Zytostatika, sondern auch über die Therapie und Prophylaxe von Nebenwirkungen der Zytostatika-Therapie wie Nausea und Emesis, Fatigue, Mukositis-assoziierte Komplikationen, Hautreaktionen oder aber tumor(un)abhängige oder therapiebedingte Schmerzen informieren muss, um zur Verbesserung der Lebensqualität und Adhärenz der Krebspatienten auch auf diesem Weg beizutragen. Es müsse Chefsache sein, auch das Apothekenteam entsprechend zu schulen.

 

Veränderungen bewirken

Der demografische Wandel geht mit einer Zunahme der Multimorbidität und Polypharmazie einher. Der grundsätzliche Beratungs- und Informationsbedarf seitens der Apotheke steigt, unterstrich Dr. Hiltrud von der Gathen, Apothekerin aus Recklinghausen, in dem Seminar »Förderung der Kommunikation Apotheke – Arzt«.

 

Die »neuen« Alten sind nicht mehr die »alten« Alten. Das müsse stets bedacht werden, wenn es darum geht, optimale Therapierfolge zu erzielen. Die Behandlung der Patienten werde sich zunehmend hin zu einer Verhandlung mit dem Patienten entwickeln, der auf die jeweiligen Therapieziele durch Stärkung der Adhärenz eingeschworen werden muss.

 

Auch mit Blick auf die Kommunikation zwischen Arzt und Apotheker sei es daher »Zeit, neue Wege zu gehen« und das Miteinander durch Bewusstmachen des eigenen attraktiven Fachwissens, durch Reflexion der eigenen inneren Einstellung und durch systematische Planung des Kontakts auch zum Praxisteam zu stärken.

Von der Gathen betonte, dass Apotheker mehr Flagge und Kompetenz im Umgang mit pharmazeutischen Bedenken zeigen müssten. Das Apothekenteam müsse intern auch hier entsprechend geschult werden. Es empfehle sich, den Kontakt zum Arzt und Praxis­team bereits im Vorfeld aktueller Probleme zu suchen und zu pflegen.

 

Dabei könne und müsse unter anderem der generelle Umgang mit Rabattverträgen und aut idem, häufigen Interaktionen, Lieferengpässen, BtM-Rezepten, Medikationsmanagement und -analyse oder auch mit Möglichkeiten der Ausstellung eines Grünen Rezeptes geklärt werden.

 

Ignorieren oder intervenieren? Grundsätzlich geklärt werden müsse, ob sich der Arzt bei problematischen Verordnungen den möglichen Einwänden der Apotheke gegenüber aufgeschlossen oder verschlossen zeigt. Eine einvernehmliche Kooperation bedeute, die Vorstellungen des Gesprächspartners zu kennen. »Kommunikation kann man lernen. Sie setzt Selbstreflexion, Geduld und Offenheit voraus«, so von der Gathen.

 

Als Instrument, das die Kommunikation erleichtert, nannte die Referentin die von Dr. Guido Schmiemann, Universität Bremen, im Rahmen einer Untersuchung mit der Apothekerkammer Niedersachsen entwickelte Faxvorlage, die unter http://apothekerkammer-niedersachsen.de/download.php zu finden ist. »Gut vorbereiten, stets höflich bleiben, aktiv zuhören und SEP (selbsterfüllende Prophezeiung) in SEPP (selbsterfüllende positive Prophezeiung) verwandeln«: Im oftmals nicht immer leichten Miteinander mit der Arztpraxis müsse der Apotheker seine innere Einstellung optimieren. »Energie folgt dem Gedanken«, konstatierte von der Gathen.

 

MS-Patienten motivieren

 

In Deutschland leben etwa 130 000 Menschen mit Multipler Sklerose (MS) – das sind rein rechnerisch rund sechs Patienten pro Apotheke. Da MS-Patienten von spezialisierten Neurologen oder Facharztzentren betreut werden, können es je nach Lage jedoch deutlich mehr oder auch weniger pro Apotheke sein, berichtete Apotheker Dr. Franz Bossle aus Dittelbrunn.

»MS-Patienten sind in der Regel bereits sehr gut aufgeklärt«, so Bossle. Doch würden viele ihre Erkrankung am Anfang oft verdrängen und die nebenwirkungsreiche Therapie abbrechen, da sie nach Abklingen eines Schubes oft keine Symptome haben. Dabei entwickelt sich bei der Hälfte der Patienten mit anfangs schubförmig remittierender MS eine sekundär chronisch progrediente MS. »Im Gegensatz zu früher wird daher heute von Anfang an medikamentös behandelt«, erklärte der Referent. Mit Arzneimitteln wie Interferonen und Glatirameracetat als Mittel der Wahl und den neuen oralen Arzneistoffen in der Reserve lassen sich die Schubraten reduzieren und dauerhafte Behinderungen zumindest aufschieben, wenn auch nicht vollständig verhindern.

 

Der Apotheker kann die Patienten unterstützen, am Ball zu bleiben. Zum Beispiel sollte er erklären, dass Interferone und Glatirameracetat ihre volle Schutzwirkung erst nach drei bis sechs Monaten entfalten, während Nebenwirkungen wie Schüttelfrost und Fieber (Ibuprofen oder Paracetamol-Gabe möglich) vor allem zu Therapiebeginn auftreten und sich bei vielen Patienten mit der Zeit bessern. 

Gegen Hautreaktionen an der Einstichstelle hilft es, den Applikationsort häufiger zu wechseln und nach der Injektion zu kühlen. In Bezug auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen seien die vier verfügbaren β-Interferon-Präparate vergleichbar. Sie unterscheiden sich jedoch in der Applikationshäufigkeit und ob sie subkutan oder intramuskulär injiziert werden. Das neueste Interferon (Peginterferon-β-1a, Plegridy®) ist pegyliert und muss nur alle zwei Wochen gespritzt werden.

 

»Fast alle Patienten werden immer noch zuerst auf ein Interferon eingestellt«, so Bossle. »Wenn das gut klappt, gibt es keinen Grund, sie auf ein neueres orales Mittel umzustellen.« Denn auch hier sind zahlreiche, teils schwere Nebenwirkungen möglich. Daher gilt es aufzuklären und zu unterstützen. Zusätzlich kann der Apotheker helfen, Komorbiditäten wie Schlafstörungen, Fatigue, Depressionen oder Schmerzen aktiv anzugehen und die symptomatische Therapie zu optimieren. Außerdem gibt es Studien, die auf einen positiven Effekt von Vitamin D hindeuten. Zwar sei die Evidenz noch nicht eindeutig. Da Vitamin D jedoch auch in hohen Dosen (außer bei Niereninsuffizienz) als sicher gelte, könne man MS-Patienten die tägliche Supplementation von 2000 bis 3000 Internationalen Einheiten pro Tag empfehlen. /

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