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Sport

Sprungbrett in ein normales Leben

29.11.2011
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Von Ulrike Abel-Wanek / HIV und Sport? Das passt gut zusammen. Zu diesem Ergebnis kommt nicht nur eine Studie der Universitätsklinik Bonn. Auch mithilfe verschiedener Gesundheitsprogramme wie der neuen »Positiv gesund«-Initiative der Berliner Aids-Hilfe, bleiben HIV-positive Menschen länger fit.

»HIV hat sich verändert«, sagt Jens Ahrens von der Berliner Aids-Hilfe, eine der sechs großen Aids-Hilfen in Deutschland.* In Berlin leben rund 14 800 Menschen mit HIV. Die früher akut lebensbedrohliche Infektion sei dank wirksamer medikamentöser Therapien heute zu einer chronischen Erkrankung geworden. »Menschen mit HIV werden heute fast genauso alt wie nicht Infizierte«, so Ahrens. Und das erfordere ganz neue Maßnahmen.

Die Frage: Wie gestalte ich die fünf oder zehn Jahre, die ich noch habe, die sich viele HIV-Infizierte in den 80er-Jahren stellen mussten, ist einer anderen Fragestellung gewichen: Wie kann ich mein Leben langfristig – und gesund – planen? Mit HIV zu leben bedeutet heute, ein weitgehend normales Leben führen zu können. Das heißt auch: Erkrankungen wie Schlaganfälle und Herzinfarkte drohen älter werdenden Menschen mit HIV ebenso wie anderen Bevölkerungsgruppen. Wer raucht und HIV-positiv ist, muss sogar mit einem achtmal höheren Risiko rechnen als ein nicht infizierter Raucher, kardiovaskulär zu erkranken.

 

Das von der Berliner Aids-Hilfe 2010 entwickelte Gesundheitsprogramm »Positiv gesund« bietet Workshops, Seminare und Gruppenaktivitäten mit dem Ziel an: sich gesunder zu fühlen und gesund zu bleiben trotz HIV-Infektion. Zur Auswahl stehen Angebote zu medizinischen, psychologischen und Ernährungs-Themen und zu Sport und Bewegung.

 

Anstieg der Helferzellen

 

Sport kann HIV nicht heilen, aber er verbessert vieles. Sport hat eine allgemein positive Wirkung auf das Immunsystem, und die Anfälligkeit gegenüber Infektionskrankheiten wie Grippe lässt sich durch die Stärkung der körpereigenen Abwehrkräfte steigern. Auch bestimmte Arzneimittelnebenwirkungen wie die Stammfettsucht lassen sich mit sportlicher Betätigung minimieren. Bei Lipodystrophie oder Stammfettsucht wird Fett an Armen, Beinen und Gesicht abgebaut und in der Körpermitte angelagert.

 

Den Beweis, dass sich Sport und HIV nicht ausschließen, sondern im Gegenteil, auch Infizierte vom Sport profitieren, zeigt nun eine Studie der Universitätsklinik Bonn unter Leitung von Dr. Jan-Christian Wasmuth. Er und sein Team untersuchten in Zusammenarbeit mit der Sporthochschule Köln eine Gruppe von 21 HIV-positiven Frauen und Männern, die sich auf einen Marathon vorbereiteten. Die Wissenschaftler begleiteten die Sportler über ein ganzes Jahr und bestimmten in dieser Zeit mittels Blutuntersuchungen unterschiedliche medizinische Parameter des Immunsystems, kontrollierten Organwerte und Blutdruck.

 

Eine systematische Untersuchung über den positiven Effekt von Sport speziell bei HIV ist neu. »Es gab in der Vergangenheit zwar Studien, bei denen die körperliche Bewegung von HIV-Patienten in Relation zu medikamentösen Nebenwirkungen und Zuckerstoffwechselstörungen gesetzt wurde. Aber das war ein ganz anderer Ansatz«, sagt Wasmuth. »Mit diesem Projekt wurden erstmals ansonsten gesunde HIV-Patienten begleitet, die sich auf eine sportliche Herausforderung vorbereitet haben.«

 

Das Ergebnis der Untersuchung kann sich sehen lassen. »Wir haben einen bemerkenswerten Anstieg der T-Helferzellen bei allen Probanden beobachtet, etwa 150 pro Mikroliter Blut«, so der Mediziner. Er führt das auf die sportlichen Aktivitäten der Probanden zurück, räumt aber gleichzeitig ein: »Helferzellen steigen auch durch die HIV-Medikation an. Deshalb ist die Trennung hier schwierig.« Fast alle Teilnehmer nahmen ihre Medikamente jedoch schon über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren ein, so Wasmuth. »Ich denke, dass nach vier Jahren der Anstieg nur durch die Arzneimittel allein nicht so groß wäre«, so die Meinung des Arztes. Auch andere Werte wie Cholesterin, Zucker, Nierenwerte oder Blutdruck verbesserten sich unter dem Einfluss des Trainings. Niemand sei krank geworden in der Zeit, und sogar die Phosphat-Werte – problematisch bei vielen HIV-Patienten – hätten sich normalisiert.

 

Natürlich bedeute das nicht, dass nun jeder Marathon laufen solle. Wichtig sei, dass sich die Sportart an der momentanen körperlichen Verfassung ausrichte. Überlastung sei bei HIV-Infizierten schneller erreicht als bei Gesunden, und die Regeneration brauche ihre Zeit. »Die Probanden der Studie waren aber alle sehr fit«, betont Wasmuth.

 

Nicht der Marathon-Lauf, der durch die kurzfristig hohe Belastung das Immunsystem auch schwächen könne, sei für das gute Abschneiden bei den medizinischen Untersuchungen verantwortlich, sondern das regelmäßige vorbereitende Trainieren der Probanden über den Zeitraum eines Jahres. Individuell angepasstes moderates Training, das den Körper nicht auszehre, sei für HIV-Patienten auf jeden Fall gesundheitsfördernd und empfehlenswert, fasst der Mediziner das Resultat seiner Beobachtungen zusammen. Am besten seien Laufen, Radfahren und Schwimmen. Auch in der Laufgruppe der Berliner Aids-Hilfe wird für den Marathon trainiert. In gut vier Stunden schaffte ein HIV-positiver Läufer kürzlich souverän die Strecke von gut 42 Kilometern.

 

Wurde früher viel über Therapien, Nebenwirkungen und Stigmatisierungen durch äußerlich sichtbare Veränderungen in den Sportgruppen diskutiert, spiele das dank der verbesserten Medikation heute nicht mehr die Hauptrolle, sagt Ahrens. Die Themen hätten sich über die Jahre verändert. Spaß am Sport und das Bestreben, sich fit, gesund und leistungsfähig zu halten, stehen im Vordergrund. Auch viele Freundschaften sind in den Gruppen entstanden. Man trifft sich zum Sport, aber auch um zu reden und gemeinsam etwas zu unternehmen.

 

Training für Körper und Seele

 

800 Mitglieder hat der FVV, bundesweit einer der größten Sportvereine für Schwule, in Frankfurt am Main. Mehr als 20 verschiedene Sportarten sind hier im Angebot. Innerhalb des Vereins leitet Volker Desch die kleine Gruppe PositHIVsport. Woche für Woche treffen sich zwischen 15 und 25 HIV-positive Mitglieder, um Herz, Kreislauf und Muskeln zu trainieren. »1993, das erste FVV-Mitglied war an Aids gestorben, hatte der Verein beschlossen, eine spezielle Gruppe für Aids-Kranke einzurichten«, sagt Desch. »Bis heute besetzen wir mit unserer Gruppe ein wichtiges Thema«, so der Übungsleiter. Denn die Gefahr, sich zu infizieren und zu erkranken, werde heute auch von den Betroffenen stark verdrängt.

 

Stellt der Arzt die Diagnose »HIV-positiv«, ist die Verunsicherung nach wie vor groß. »Wie sehr ist mein Immunsystem bereits geschwächt? Wa-rum fühle ich mich heute so schlapp? Was kann ich mir noch zutrauen? Ärzte aus Schwerpunktpraxen und Psychologen schicken Betroffene mittlerweile zu PositHIVsport. Jeder könne kommen, und wie nebenbei werde Nützliches zum Thema ausgetauscht, so Desch. Ohne viele Worte, nur mit dem Vehikel Sport, finden Betroffene hier Unterstützung. Speziell für junge Leute baut der FVV gerade eine neue Gruppe auf. »PositHIVsport 20 +« wendet sich an eine Altersgruppe, die ich nicht mehr ansprechen kann«, so der 52-Jährige.

 

Desch trainiert keine Leistungssportler. »Aber wir kommen schon ins Schwitzen«, so der Trainer. Eine halbe Stunde Herz-Kreislauf-Training, Muskeleinheiten mit dem Thera-Band, Boden- und Dehnübungen, abschließend ein Entspannungsteil bis hin zu autogenem Training: Er selber sei das beste Beispiel dafür, wie gut das funktioniere. »Als ich 1996 in die Gruppe kam, hatte ich überhaupt kein Immunsystem mehr, war schwach und ›klapprig‹. Heute bin ich muskulös und gut trainiert, Stoffwechsel und Immunsystem sind weitgehend stabil.«

 

Anders als beim reinen Ausdauertraining wie Radfahren, Laufen oder Schwimmen, geht es Desch neben der Verbesserung von Kondition vor allem auch um Entspannung. »Die Angst sitzt im Nacken«, weiß er. Richtiges Atmen und gute Haltung seien deshalb genauso wichtig wie das Muskeltraining.

 

Einige Mitglieder kommen schon jahrelang zu PositiHIVsport, andere bleiben vielleicht nur ein halbes Jahr. Mit wachsender Leistungsfähigkeit und steigendem Zutrauen suchen sie dann neue Herausforderung zum Beispiel beim Basketball- oder in der Schwimmgruppe. »So gesehen ist PositHIVsport auch ein Sprungbrett in ein ganz ›normales‹ Leben mit HIV«, so Desch. /

 

www.berlin-aidshilfe.de

www.fvv.org

 

* Außerdem in Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München, Stuttgart

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