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EU

Mehr verständliche Informationen über Medikamente

30.11.2010  17:21 Uhr

Von Daniel Rücker / Die Menschen in der Europäischen Union sollen in Zukunft noch einfacher an valide Informationen über verschreibungspflichtige Arzneimittel kommen. Mit deutlicher Mehrheit hat das EU-Parlament einem entsprechenden Richtlinienentwurf zugestimmt, über den allerdings noch mit dem Rat verhandelt werden muss.

Nach dem jahrelangen Hin und Her bekommt die als Bestandteil des EU-Pharmapakets bekannt gewordene Richtlinie neue Konturen. Der pharmazeutischen Industrie dürfte dies nicht gefallen, denn im Vergleich zu dem vom damaligen EU-Kommissar Günther Verheugen konzipierten sehr pharmafreundlichen Entwurf ist die aktuelle Version ziemlich restriktiv. Die vom Parlament verabschiedete Richtlinie beschränkt die Informationsmöglichkeiten der Industrie deutlich stärker als dies die EU-Kommission vorhatte. Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel bleibt in der EU weiterhin untersagt.

Der schwedische EU-Abgeordnete Christofer Fjellner (EVP), der die Berichte vorgelegt hat, sagt dazu: »Das Wichtigste, was wir in diesem Verfahren getan haben, war, den Fokus dieser Gesetzgebung zu ändern, von den Rechten der pharmazeutischen Unternehmen, Informationen zu verbreiten, hin zu den Patientenrechten auf Informationen, die sie benötigen und wollen. Dieser Vorschlag bietet nur Verbesserungen in Bezug auf Qualität und Umfang von Informationen, die den Patienten zur Verfügung stehen.« Ähnlich formulierte es der CDU-Politiker Peter Liese: »Wichtig ist, was der Patient wissen will, und nicht, was die Industrie verkaufen will.«

 

Die Parlamentarier wollen nun dafür sorgen, dass in jedem Land ein industrieunabhängiges Internetangebot eingerichtet wird, dass Verbraucher barrierefrei über Nutzen, Wirkung und Nebenwirkungen von Arzneimitteln informiert. »Was wir uns vorstellen, sind allgemeinverständliche Erklärungen in einer Sprache, die jeder versteht.« In einer Rubrik »Häufig gestellte Fragen« sollen Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente zusammengefasst werden.

 

Völlig außen vor bleibt die Industrie aber nicht. Nach dem Willen der EU-Abgeordneten dürfen Pharmaunternehmen sich direkt an die Patienten wenden, solange sich die Informationen auf die Inhalte der Packungsbeilage und neutrale Informationen zur Wirksamkeit der Medikamente beschränken. Außerdem dürfen die Pharmafirmen aktiv auf die Patienten zugehen; sie dürfen nur auf Anfrage tätig werden.

 

Offene Werbung bleibt verboten

 

Ebenfalls erlaubt werden soll es, diese Informationen auf der eigenen Website bereitzustellen. Grundsätzlich müssen sich die Unternehmen ihre Informationen von der dafür zuständigen Behörde genehmigen und freigeben lassen. Offene Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente ist in der EU bereits verboten. Das gilt nicht nur für Fernsehen und Radio, sondern auch für Printmedien.

 

Weil seit Jahren über dieses Thema kontrovers diskutiert wurde, dürfte nach Ansicht von Liese eine Einigung mit den EU-Regierungen nicht vor Ende 2011 zustande kommen. Da sich im Parlament eine Mehrheit von rund 90 Prozent für den Vorschlag fand, stehen die Chancen generell jedoch sehr gut.

 

Der ursprüngliche Vorschlag der EU-Kommission 2008, das bestehende Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente zu lockern, hatte massiven Protest bei Parlamentariern, Krankenkassen und Ärzten und Apothekern ausgelöst. Pharmaindustrie, Medien und die Werbebranche waren dagegen begeistert. Letztlich schob die Politik jedoch dem damaligen Entwurf einen Riegel vor, da die Zulassung von Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel in den USA zu einem deutlichen Mehrverbrauch rezeptpflichtiger Arzneimittel geführt hatte. / 

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