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Wochenendworkshop

Richtige Lösungen für wichtige Fragen

19.11.2014  09:48 Uhr

Von Christiane Berg und Daniela Hüttemann, Hannover / Wie kann der Apotheker Psychiatrie-Patienten helfen? Was bringen Antipsychotika? Wie kann Senioren der Umgang mit ihren Arzneiformen erleichtert werden? Diese und weitere Fragen stehen im Fokus der diesjährigen Wochenendworkshops »Patienten und Pharmazeutische Betreuung« in Hannover und Potsdam.

Der demografische Wandel geht mit neuen Herausforderungen auch in der pharmazeutischen Betreuung einher. Ein Plenarvortrag und sechs Seminare boten am 15. und 16. November in Hannover die Gelegenheit, pharmazeutische Kompetenzen aufzufrischen und zu erweitern. Der Workshop wird am kommenden Wochenende in Potsdam wiederholt.

 

Zwiegespräch Arzt/ Apotheker

 

Im Eröffnungsvortrag hoben Apothekerin und Klinische Pharmazeutin Professor Dr. Kristina Friedland von der Universität Erlangen und Privatdozent Dr. Bernd Lenz, Oberarzt der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik in Erlangen, die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker als bedeutend und notwendig hervor. 

Mit Blick auf die Steigerung der Remission und Senkung des Rezidivrisikos seien Medikationsmanagement und die Adhärenz-Förderung psychiatrischer Patienten durch Apotheker wichtig. Die Effektivität der Weiterführung der verordneten psychiatrischen Medikation und somit die entsprechende »Obacht« der Pharmazeuten sei essenziell. Das konnten die Erlanger Pharmazeuten in einer Studie mit 269 depressiven Patienten zeigen, berichtete Friedland. Dabei betreuten die beiden Doktorandinnen Anne Pauly und Carolin Wolf 133 Patienten von zwei offenen Stationen der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik in Erlangen intensiv pharmazeutisch, während eine Kontrollgruppe mit 136 Patienten die derzeitige Standardbetreuung erhielt.

 

Die unter anderem auch auf der Bewertung entsprechender Fragebögen basierende Untersuchung, so Friedland, habe gezeigt, dass die gemeinsame Betreuung der Patienten durch Psychiater und Apotheker eine signifikante Verbesserung der Adhärenz bewirkt. Es konnte eine deutliche Reduktion Arzneimittelbezogener Probleme (ABP) sowie eine signifikante Steigerung der Behandlungssicherheit verzeichnet werden.

 

Die vertiefte Zusammenarbeit von Apothekern und Psychiatern sei sinnvoll, da Letztere zumeist nicht nur über begrenzte Zeit für den einzelnen Patienten, sondern auch über nur begrenztes Wissen zu den Charakteristika der eingesetzten Medikamente verfügen.

 

»Auch werden die Gesundheitsberufe Arzt/Apotheker durch den Patienten unterschiedlich wahrgenommen«, so Friedland. »Patienten haben vor ärztlichen Kollegen oftmals größeren Respekt, die Kommunikationsschwelle gegenüber Apothekern ist geringer.« Apotheker können zudem einen anderen Blickwinkel in die medikamentöse Therapie einbringen. »Ärzte schauen von der Seite der Symptome, Apotheker von der Seite der Arzneimittel«, konstatierte die Referentin.

 

»Nie ein Konflikt, immer harmonische Zusammenarbeit«: Die Rückmeldung der Ärzte zum Studienprojekt schilderte Lenz als »durchweg positiv«. Die Erweiterung des multidisziplinären Teams durch Apotheker und somit die Verbesserung der Qualität der Psychopharmakotherapie sei in Erlangen einstimmig begrüßt worden. Die an der Studie beteiligten Mediziner hätten die Möglichkeit zum unkomplizierten Abgleich und Austausch von Kenntnissen zu Wechsel- und Nebenwirkungen als hilfreich begrüßt.

 

Frage der Finanzierung bleibt offen

Neben der unabhängigen Aufklärung über Medikamente sei auch die Unterstützung bei entsprechender Literaturrecherche als wertvoll eingestuft worden. Die schärfer definierte und fokussierte Form der Zusammenarbeit, also eine klare Definition der Aufgabenteilung, sowie der Einbezug von Pharmazeuten in die psychopharmakologische Fort- und Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sei erstrebenswert.

 

Es bleibe die »offene Frage der Finanzierung«, so Friedland und Lenz. Ziel müsse sein, die »Erlösfähigkeit« von Leistungen der Apotheker infolge von Kostensenkungen durch die Reduktion des Rezidivrisikos, durch die Verkürzung von Liegedauern beziehungsweise durch die Vermeidung von kostenintensiven und gefährlichen Nebenwirkungen zu prüfen.

 

Friedland und Lenz zeigten sich auch über die schnelle Akzeptanz der Apothekerinnen durch Ärzte und Pflegepersonal als gleichwertige Mitglieder des Teams sowie die gleichermaßen hohe Patientenzufriedenheit erfreut. »Das Programm konnte gut in den Stationsalltag implementiert werden, die Empfehlungen der Apothekerinnen wurden zu 9o Prozent akzeptiert und umgesetzt. Die Patienten haben im Laufe der Studie mit Blick auf ihre Therapie eine deutlich verbesserte Einstellung entwickelt. Gerade jene, die zunächst Zweifel bezüglich der Medikation hegten, haben die Intervention als positiv bewertet«, betonten sie.

 

Die Medikationsanalyse und das Medikationsmanagement psychiatrischer Patienten seien nicht nur stationär, sondern auch ambulant sinnvoll und umsetzbar. Die intensive Kenntnis der Pathophysiologie und Pharmakotherapie psychiatrischer Erkrankungen, so Friedland, ist Vorrausetzung, um als kompetenter Partner des Arztes Anerkennung zu finden.

 

Patienten vom Nutzen überzeugen

Im Rahmen des Seminars »Antipsychotika – Richtig einordnen, kompetent beraten« gab Pauly einen strukturierten Überblick über Indikationsgebiete sowie über die in der Psychiatrie eingesetzten medikamentösen Wirkstoffklassen mit jeweils typischen Dosierungen und Besonderheiten.

 

Mit Blick auf die klassischen nieder-, mittel- und hochpotenten sowie die atypischen Antipsychotika zeigte die Referentin die Charakteristika der Substanzen inklusive substanzspezifischer Nebenwirkungen, Risiken, vorbeugender Maßnahmen und notwendiger Kontrolluntersuchungen auch bei besonderen Patientengruppen auf.

 

Ob Schizophrenie, bi- oder unipolare Störung, Manie oder Behavioural and Psychological Symptoms of Dementia (BPSD) mit Halluzinationen, Wahn, Ängstlichkeit, Apathie, Agitation, Depression und Aggressivität: »Der Apotheker kann und muss die Adhärenz bei der Verordnung von Antipsychotika sichern, indem er den Grund und die Notwendigkeit sowie die Bedeutung der langfristigen und regelmäßigen Einnahme im Patientengespräch immer wieder unterstreicht«.

 

Gehen klassische, aber auch atypische Antipsychotika mit charakteristischen Nebenwirkungen einher wie ex­trapyramidal-motorische Störungen (EPS), endokrinen Effekten, Agranulozytose-Risiko, Hypersalivation, Kreislaufproblemen, Tachykardie oder Gewichtszunahme, so müsse gemeinsam mit dem behandelnden Arzt gegebenenfalls eine Dosisreduktion oder Umstellung auf ein Alternativmedikament in Erwägung gezogen und eingeleitet werden.

 

Service für Senioren

Das pharmazeutische Personal sollte insbesondere älteren Patienten anbieten, ihre Arzneimittel aus der Packung zu nehmen und für die erste Anwendung bereit zu machen. Denn vielen Senioren, aber auch jüngeren Patienten mit rheumatischen Beschwerden fehle die Kraft oder das Sehvermögen, um zum Beispiel kindersichere Verschlüsse zu öffnen oder Aufreißlaschen abzuziehen, zum Beispiel bei Augentropfen. »Es klingt banal, aber so werden Sie zu einer seniorengerechten Apotheke«, erläuterte Apotheker und Arzneiformenexperte Dr. Wolfgang Kircher. Er zeigte anhand zahlreicher selbst durchgeführter Untersuchungen, welche ungeahnten Probleme gerade ältere Patienten mit der Handhabung vieler Arzneimittel haben – und hatte jede Menge Tipps parat.

 

Zum Beispiel ein Inhalator, der mit Hartkapseln gefüllt wird: Zunächst erfordert es feinmotorische Fähigkeiten, die Kapsel aus dem Blister zu drücken, korrekt in den Inhalator einzulegen und mit genügend Kraft die Kapsel zu zerdrücken – schwierig für Patienten mit Arthrose, Parkinson oder Schlaganfall. Beim Inhalieren zeigen leise Drehgeräusche die korrekte Anwendung an – kaum hörbar für viele Senioren. Dann muss noch die vollständige Entleerung der Kapsel visuell überprüft werden, was visuelle Fähigkeiten voraussetzt.

 

Kircher hat sich verschiedene Hartkapsel-Inhalatoren von innen angesehen und gemessen, dass ein bestimmtes Modell deutlich weniger Kraftaufwand erfordert als viele andere. Tatsächlich wird bei einer zu geringen Krafteinwirkung nur ein Fünftel der normalen Dosis freigesetzt, wie er nachweisen konnte. Bei einem Rabattaustausch könne man daher bei einem gehandicapten Patienten pharmazeutische Bedenken einwenden und ein leichtgängigeres Produkt abgeben. In anderen Fällen hilft es beispielsweise, die Kindersicherung aus Verschlusskappen mit dem Schraubenzieher auszuhebeln. »Aber Achtung: Sie verändern die Integrität des Fertigarzneimittels und machen es zu einem Rezepturarzneimittel«, warnte Kircher. »Das müssen Sie auf jeden Fall dokumentieren, den Arzt darüber informieren und dem Patienten erklären.« Und natürlich müsse ein so manipuliertes Arzneimitteln sicher vor Kindern aufbewahrt werden. 

 

Weitere Seminare werden in der folgenden Ausgabe im Rahmen der Berichterstattung zum Wochenendworkshop Patient & Pharmazeutische Betreuung vom 22. und 23. November in Potsdam besprochen.  /

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