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Ebola

Aufklären statt Abwiegeln

19.11.2014  09:48 Uhr

Von Daniela Hüttemann / Bei der aktuellen Ebola-Epidemie wird das Risiko für die Bevölkerung in westlichen Ländern nicht korrekt dargestellt und Unsicherheiten nicht kommuniziert, heißt es in aktuellen Meinungsbeiträgen in zwei Fachjournalen. Das könne dazu führen, dass die Glaubwürdigkeit von offiziellen Institutionen leidet, warnen die Wissenschaftler. Sie fordern Information statt Abwiegeln.

Das Risiko für jeden Einzelnen, an einer Ebola-Infektion zu erkranken, ist in Deutschland derzeit gering. Dass ein Ebola-Fall hier auftreten wird, ist dagegen sehr wahrscheinlich. Der Unterschied zwischen dem individuellen und dem populationsbezogenen Risiko werde derzeit von Politik, Behörden und Medien häufig nicht klar getrennt und kommuniziert, kritisiert der Evidenzforscher Professor Dr. Gerd Antes vom Deutschen Cochrane-Zentrum an der Uni Freiburg im Fachmagazin »Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen« (DOI: 10.1016/j.zefq.2014.10.026). »Alles, was sich um Ebola herumrankt, scheint direkt aus der evidenzfreien Zone zu kommen«, schreibt er in einem Newsletter.

 

Antes kritisiert, Politik und Behörden spielten das Risiko für die deutsche Bevölkerung herunter. Eine Wortwahl wie »das Risiko ist quasi null« oder »es ist nahezu ausgeschlossen«, gebe eine falsche Sicherheit. Die Menschen verdienten es, nicht nur beruhigt zu werden, sondern auch über die Unsicherheiten informiert zu werden. Mit der Entsendung von Hilfskräften in die betroffenen Länder Westafrikas steige das Risiko für kleinere Ausbrüche hierzulande. Es steige aber auch, wenn man keine Hilfe leiste, denn dann ließe sich die Epidemie in Westafrika überhaupt nicht kontrollieren, und mehr Infizierte könnten Europa erreichen.

 

Er geht davon aus, dass Kontrollen an Flughäfen den Import des Ebola- Virus nicht aufhalten können, da der Inkubationszeitraum zu lang und zu ungenau definiert ist. Nach aktuellen Studien liege die Inkubationszeit zu 95 Prozent zwischen einem und 21 Tagen und zu 98 Prozent zwischen einem und 42 Tagen. Auch mit Quarantäne-Maßnahmen bleibt somit eine Un­sicherheit.

 

Unzuverlässige Daten

 

Über Ebola wisse man zu wenig, um sichere Aussagen machen zu können. Statt sich mit Maßnahmen wie Flug­hafenkontrollen und Quarantäne in falscher Sicherheit zu wiegen und Risiken herunterzuspielen, sei es daher wichtig, die Bevölkerung über das korrekte Verhalten im Fall eines Ausbruchs aufzuklären. Beruhigende Beteuerungen seien dabei kontraproduktiv. Der Verlust von Glaubwürdigkeit der verantwortlichen Behörden und Institu­tionen sei derzeit die größte Gefahr. Antes erinnert an die katastrophale Krisenkommunikation bei der Schweinegrippe im Jahr 2009.

 

Auch ein aktueller Beitrag im »New England Journal of Medicine« beschäftigt sich mit der Problematik (DOI: 10.1056/NEJMp1413816). Forscher müssten die Unsicherheit, mit der ihre Aussagen und Vorhersagen behaftet sind, kommunizieren, um langfristig glaubhaft zu bleiben, schreibt die Journalistin und Medizinerin Dr. Lisa Rosenbaum. Dabei würde das Vermitteln von Unsicherheiten nicht die Kompetenz infrage stellen.

 

Welche gravierenden Auswirkungen es haben kann, die Bevölkerung in zu großer Sicherheit zu wiegen, zeige der Fall in Dallas. Trotz Beteuerungen vonseiten der Centers for Disease Control and Prevention (CDC), das US-amerikanische Pflegepersonal sei auf den Umgang mit Ebola-Patienten gut vorbereitet, steckten sich zwei Krankenschwestern dort an. Nach ersten Bekundungen, dies könne durch Missachten des Protokolls geschehen sein, stellte sich später heraus, dass es gar kein Protokoll gab. Die Glaubwürdigkeit der CDC wurde hierdurch massiv beschädigt.

 

Angst ist ein Risikofaktor

 

Die korrekte Kommunikation des Risikos sei eine Gratwanderung: Das Risiko dürfe nicht beschönigt, aber auch nicht übertrieben werden, da sonst Angst entstehe. Angst sei ein Risiko an sich, so Rosenbaum. Die Überschätzung des Risikos einer gesundheitlichen Bedrohung könne mehr Schaden verursachen als die Bedrohung an sich. /

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