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Pandemievirus

Unter genetischer Überwachung

17.11.2009  18:07 Uhr

Von Christina Hohmann / Die Schweinegrippe verläuft in der Regel mild. Dies könnte sich aber im Laufe der Zeit ändern, wenn der Erreger mutiert. Wie sich das H1N1-Virus genetisch entwickelt, untersucht das Nationale Referenzzentrum für Influenza.

Der Erreger der Schweinegrippe ist entfernt mit anderen saisonalen H1N1-Stämmen verwandt. Doch genetisch unterscheidet es sich deutlich von den saisonalen H1N1-Stämmen, erklärte Dr. Brunhilde Schweiger, Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Influenza, gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. »Unser Immunsystem erkennt diesen Erreger nicht.« Alle bisherigen Tests hätten gezeigt, dass trotz der Verwandtschaft mit anderen H1N1-Stämmen kein Immunschutz in der Bevölkerung vorhanden ist. Geprüft wird dies mit Seren von Personen, die in den vergangenen Jahren einen saisonalen Grippeimpfstoff erhalten haben. Die im Serum enthaltenen Antikörper erkennen neue saisonale H1N1-Varianten im Test gut. Beim Schweinegrippe-Erreger dagegen zeigte sich gar keine Reaktion, sagte Schweiger. In der älteren Bevölkerung könnte durch frühere Infektionen dagegen ein Teilschutz vorhanden sein, räumte die Wissenschaftlerin ein. Außerdem bestünde die Möglichkeit, dass bei den zellulären Immunreaktionen, die von diesen Testsystemen nicht erfasst werden, ein gewisser Teilschutz bestehen könnte.

Darauf weisen auch neue Forschungsergebnisse aus den USA hin. Björn Peters und seine Kollegen vom La Jolla Institut for Allergy and Immunology in Kalifornien verglichen dreidimensionale Strukturen an der Oberfläche, sogenannte Epitope, von verschiedenen H1N1-Stämmen. Ihrer Analyse zufolge stimmen 31 Prozent der Epitope, die von den Antikörper-produzierenden B-Zellen erkannt werden, zwischen Schweinegrippevirus und anderen H1N1-Grippeviren überein. Dies reiche nicht aus, um Infektionen zu verhindern, folgern die Forscher. Dagegen sind immerhin 69 Prozent der sogenannten T-Zellen-Epitope der Schweinegrippe bereits bekannt. Diese Übereinstimmung auf der zellulären Ebene der Immunantwort könnte eventuell den weitestgehend milden Verlauf der Erkrankung erklären.

 

»Diese Homologie auf der Ebene der zellulären Immunantwort, kann dazu beitragen, dass die Verläufe der Schweinegrippe nicht so schwer sind«, bestätigt auch Schweiger. Dies sollte aber nicht als Entwarnungszeichen interpretiert werden, da aus früheren Pandemien bekannt ist, dass einer milden ersten Welle eine schwerere zweite und dritte Welle folgten. »Wir wissen nicht, wie sich das Virus weiter entwickelt.«

 

Diese Entwicklung des Erregers überwachen Schweiger und ihre Kollegen vom Nationalen Referenzzentrum für Influenza. Sie erhalten Proben von Schweinegrippe-Patienten und überprüfen das für die Immunantwort wichtige virale Oberflächenprotein Hämagglutinin (HA). Dafür sequenzieren sie das HA-Gen aus den Isolaten und überprüfen, ob es sich verändert. Zudem verwenden sie speziell entwickelte Testsysteme, die nach Mutationen suchen, die nachweislich mit einer erhöhten Pathogenität verbunden sind. »Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass sich das Virus verändert hat«, sagte Schweiger.

 

Mutationsdruck auf das Virus

 

Wenn sich aber immer mehr Menschen infizieren oder durch eine Impfung immun gegen den Erreger werden, könnte ein Selektionsdruck auf das Virus entstehen. Durch eine Reihe von Punktmutationen könnte es dann eine neue Qualität entwickeln. Diese Veränderungen in kleinen Schritten werden derzeit als wahrscheinlicher angesehen als ein Reassortment, also eine Vermischung des Erbguts von verschiedenen Virusstämmen bei einer Coinfektion wie zum Beispiel mit H5N1, erklärte Schweiger.

 

Darauf weisen auch Ergebnisse von Bruno Lina und seiner Arbeitsgruppe vom französischen Institut INSERM hin. Die Forscher versuchten, das Genom von H1N1- und H5N1-Stämmen zu mischen – mit mäßigem Erfolg. Es entstanden nur wenige Reassortanten und diese waren nicht existenzfähig. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch Daniel Perez mit seinem Team von der University of Maryland in Tierversuchen. Die Forscher infizierten Frettchen mit dem Schweinegrippe-Erreger und mit einem von zwei saisonalen Viren der H3N2-Gruppe. Sie analysierten Abstrichproben von Nasenmuschel und Luftröhre der coinfizierten Tiere. Es bildete sich kein Mischtyp aus saisonalem und Schweinegrippevirus, berichten die Forscher auf der Internetplattform »Public Library of Science«.

 

Die Gefahr, dass sich das Virus sprunghaft stark verändert und damit wieder neu für das menschliche Immunsystem ist, wird als gering eingestuft. Bei solchen starken Veränderungen würde eine durchgemachte Erkrankung und eine Impfung kaum Schutz bieten. Wahrscheinlicher sind jedoch geringfügige Veränderungen durch Punktmutationen. Gegen solche Drift-Varianten bietet eine Impfung mit adjuvantiertem Impfstoff wahrscheinlich einen recht guten Schutz. Untersuchungen mit dem H5N1-Impfstoff hatten gezeigt, dass eine breite Kreuzreaktivität aufgetreten ist. Zu erwarten ist, dass Menschen nach durchstandener Schweinegrippe einen vergleichbaren Schutz entwickeln. /

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