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Insulin

Alternativen zur Spritze

17.11.2009  18:42 Uhr

Ähnlich wie Asthmatiker greifen Diabetiker zu ihrem Spray und applizieren sich so die benötigte Insulinmenge bukkal, Ablagerungen in der Lunge sind der Firma zufolge dabei nicht zu befürchten. Auch in anderen europäischen und nordamerikanischen Ländern laufen bereits Studien mit dem Spray. Ob es tatsächlich auch hierzulande auf den Markt kommt, bleibt abzuwarten. Auf der gemeinsamen Tagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft und der Deutschen Adipositas-Gesellschaft vergangene Woche in Berlin äußerte Professor Dr. Helmut Schatz aus Bochum zumindest Bedenken, was die Dosiergenauigkeit betrifft.

 

Insulin zum Inhalieren

 

Bessere Chancen räumt der Diabetes-Experte einem neuen Insulin zum Inhalieren (Afresa®) ein. Dieses wurde umfangreich getestet, an Studien der Phase II und III nahmen mehr als 4500 Patienten teil. Schatz zufolge hat es die Studien erfolgreich abgeschlossen und wurde in den USA bereits zur Zulassung eingereicht. Entwickelt wurde das Präparat, das auf der Technologie von Fumaratkügelchen (Technospheres®) als Träger des Insulins beruht, von dem US-amerikanischen Unternehmen MannKind Corporation.

 

Inhalieren statt Injizieren: Ganz neu ist die Idee nicht. Bereits vor einigen Jahren gab es ein inhalierbares Insulin auf dem deutschen Markt, jedoch nur für kurze Zeit. Im Jahr 2007 wurde die Vermarktung von Exubera® wieder eingestellt. Das geschah laut Angaben des Herstellers Pfizer nicht aufgrund von Sicherheitsbedenken, sondern aus wirtschaftlichen Erwägungen.

 

Bei dem zur Zulassung eingereichten, neuen Präparat handelt es sich um ein Kombiprodukt aus Arzneimittel und Dosiergerät. Es besteht aus dem Insulin-Inhalationspulver in Patronenform und einem Inhalator. Nach der Zulassung soll es bei erwachsenen Typ-1- und Typ-2-Diabetikern zum Einsatz kommen. Diese würden dann per Inhalation die zuvor eingestellte Insulinmenge vor den Mahlzeiten zu sich nehmen. Das Präparat löst sich direkt nach der Inhalation auf, sodass das Insulin schnell ins Blut übergeht. Spitzenkonzentrationen wurden innerhalb von 12 bis 14 Minuten nach der Einnahme gemessen.

 

Insulin zum Schlucken

 

Bei der Applikation über die Mundschleimhaut oder die Lunge endet die Vorstellungskraft der Wissenschaftler noch nicht. Einige von ihnen arbeiten zum Beispiel daran, die Insulinaufnahme über ein transdermales Pflaster zu steuern, andere erproben die Gabe über die Nase. Schatz informierte, dass sich ein nasales Insulin derzeit in Phase II der klinischen Erprobung befindet.

 

Und was ist mit Insulin in Tablettenform? Das wäre für viele Diabetiker wahrscheinlich die beliebteste Alternative. Zudem dürfte dieser Ansatzpunkt aus wirtschaftlichen Erwägungen für die Pharmaindustrie sehr inte-ressant sein. Völlig grundlos sind die Hoffnungen auf eine Insulinpille nicht. Weltweit verfolgen Forscherteams unterschiedliche Ansätze. Als »guten Trick« bezeichnet Schatz das Vorhaben, Insulin an Vitamin B12 (Cyanocobalamin) zu binden. Normalerweise wird das Hormon nach Einnahme von der Magensäure zersetzt und auch die Resorption aus dem Darm ins Blut ist schwierig. Beide Hürden lassen sich Forschern zufolge überwinden, indem man Insulin an Vitamin B12 koppelt, es sozusagen als Trojanisches Pferd in den Körper einschleust. Die orale Resorptionsrate für Insulin lässt sich damit deutlich erhöhen, so Schatz. Bis ein solches Präparat jedoch zur Marktreife gelangt, wird vermutlich noch einige Zeit vergehen. »Nicht alle Ideen werden sich letztlich umsetzen lassen, jedoch wäre es für Diabetiker schon ein Erfolg, wenn ein Teil davon zur Marktreife gelangt«, fasste Schatz zusammen. /

Schnelleres Anfluten von Insulin

Das US-amerikanische Unternehmen Halozyme hat ein Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe die Insulinaufnahme nach subkutaner Injektion erhöht und beschleunigt werden kann. Die sogenannte Enhanze™-Technology beruht auf dem rekombinant hergestellten Enzym r-PH-20-Hyaluronidase. Wie das beim Menschen natürlicherweise vorkommende Enzym PH-20-Hyaluronidase ist r-PH-20-Hyaluronidase in der Lage, Hyaluronsäure, einen wichtigen und raumfüllenden Bestandteil des Gewebes, abzubauen. Folge des kurzzeitigen Abbaus der Gel-ähnlichen Substanz: Die Aufnahme von subkutan injizierten Arzneistoffen wie Insulin ist erleichtert, die Bioverfügbarkeit erhöht. Da das Enzym innerhalb von Minuten wieder abgebaut wird, ist dieser Prozess vollständig reversibel. Halozyme entwickelt zwei neue Insulin-Produkte: rekombinantes humanes Insulin mit r-PH-20-Hyaluronidase und ein schnell wirksames Insulin­analogon mit r-PH-20-Hyaluronidase. Klinische Studien der Phase I und II sind angelaufen. Erste positive Ergebnisse liegen bereits vor. Ferner eignet sich diese Technologie nicht nur für die Applikation von Insulin. Deshalb hat zum Beispiel die Firma Roche mit Halozyme eine Vereinbarung getroffen, dass sie das Verfahren für ihre biologischen Therapeutika nutzen darf.

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