Pharmazeutische Zeitung online

Verzockt

17.11.2008  11:34 Uhr

Verzockt

»Mir ist fremd, etwas aufzugeben.« Mit diesem Satz wird Adolf Merckle in diesen Tagen häufig zitiert. Dabei scheint der milliardenschwere Unternehmer seinem Motto untreu zu werden und sich damit anzufreunden, etwas aufzugeben. Angeblich erwägt er, das Herzstück seines Familien-Imperiums zu verkaufen, den Generikahersteller Ratiopharm (siehe dazu Merckle-Gruppe: Was wird aus Ratiopharm?). Nun könnte man die Achseln zucken und denken: »Schön blöd.« Sollte sich mitten in der Finanzkrise ein Käufer finden, der die Übernahme stemmen kann, wird er sicher nicht die fünf Milliarden Euro zahlen, die der weltweit viertgrößte Generikahersteller unter weniger krisenhaften Umständen einbringen könnte. Erst vor wenigen Tagen hat der Vorsitzende des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, Dr. Bernd Wegener, darauf hingewiesen, dass die Gelegenheit für Zukäufe auf dem Pharmasektor so günstig ist wie nie (siehe dazu Pharmaunternehmen: Warnung vor Demontage der Industrie).

 

Skandalös wird die Verkaufsabsicht Adolf Merckles aber mit Blick auf die Hintergründe. Der Unternehmer soll sich mit Volkswagen-Aktien verspekuliert und durch verpatzte Leerverkäufe mehr als eine Milliarde Euro verloren haben. Wenn das stimmt, ist es nicht nur ein weiteres Beispiel für Raffgier und die aus dem Ruder gelaufenen Geschäfte auf dem Finanzmarkt. Viel schlimmer ist, dass die Folgen der gescheiterten Spekulationen nun womöglich die 5400 Ratiopharm-Mitarbeiter ausbaden müssen, sollte das Unternehmen tatsächlich veräußert werden.

 

Merckle versucht offenbar, seine Finanzschwierigkeiten durch einen Überbrückungskredit zu bewältigen, und die Banken scheinen auf eine Bürgschaft des Landes Baden-Württemberg zu bestehen, um sich selbst abzusichern. Es kann jedoch nicht die Lösung sein, dass der Staat einspringt, wenn ein privater Unternehmer sich auf dem Aktienmarkt verzockt. Merckle ist durch das Unternehmen Ratiopharm reich geworden. Firmenchefs kritisieren gern jegliche Einmischung des Staates und fordern lauthals, der Staat solle sich heraushalten aus dem Markt, damit der Wettbewerb sich im freien Spiel der Kräfte entfalten kann. Das muss auch gelten, wenn es mal nicht so gut läuft. Statt dann nach dem Staat zu rufen, sollten sich gute Unternehmer ihrer Verantwortung stellen und die Krise aus eigener Kraft bewältigen.

 

Dr. Uta Grossmann

Ressortleitung Wirtschaft und Handel

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