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Pharmaunternehmen

Warnung vor Demontage der Industrie

17.11.2008  11:34 Uhr

Pharmaunternehmen

Warnung vor Demontage der Industrie

Von Uta Grossmann, Berlin

 

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie fordert eine Diskussion über die Frage, wie Innovationen in Zukunft bezahlt werden sollen. Die Schere zwischen dem medizinisch Möglichen und dem finanziell Machbare klafft immer weiter auseinander.

 

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) nutzte seinen Unternehmertag vergangene Woche in Berlin, um eine offene und faire Diskussion darüber zu verlangen, wie künftig die begrenzten finanziellen Ressourcen in der medizinischen Therapie verwendet werden sollen und wie die Mitglieder der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) an Innovationen teilhaben können. In dem Verband sind 260 überwiegend mittelständische Pharmaunternehmen organisiert.

 

»Wer als GKV-Versicherter den letzten Stand der Wissenschaft bei der Behandlung seiner Erkrankung erwartet, wird zunehmend enttäuscht werden, weil unser Finanzierungssystem an seine Grenzen stößt«, sagte BPI-Vorsitzender Dr. Bernd Wegener.

 

BPI steht zur öffentlichen Apotheke

 

Der Gesundheitsfonds werde zu einer Demontage der pharmazeutischen Industrie in Deutschland führen, prophezeite Wegener, weil die Innovationskomponente in den Berechnungen der zur Verfügung gestellten Mittel fehle. Er kritisierte, die Autoindustrie werde »gepampert«, während die Politik die Pharmaindustrie mit immerhin 120.000 Arbeitsplätzen in Deutschland im Regen stehen lasse. Wegener bekannte sich zum bewährten System der Arzneimitteldistribution. Der BPI stehe zur öffentlichen Apotheke, in der die Medikamente durch qualifiziertes, fachkundiges Personal abgegeben werden.

 

Durch die weltweite Finanz- und Bankenkrise befürchtet der BPI eine sinkende Konsumbereitschaft und abnehmende Kaufkraft, wenn die Arbeitslosigkeit steigt. Darunter könnte der Absatz von Präparaten der Selbstmedikation leiden. Durch die Kopplung der GKV-Beiträge an die Löhne würde eine steigende Arbeitslosigkeit zu sinkenden GKV-Einnahmen führen. Kleine Unternehmen wie zum Beispiel Start-ups der Biotech-Branche könnten wegen der zurückhaltenden Kreditvergabe auf dem Kapitalmarkt in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Das böte großen Pharmafirmen die Möglichkeit, zuzukaufen. »Die Gelegenheit, Allianzen zu schmieden, ist so günstig wie nie«, sagte Wegener. Die Stada AG sieht das ähnlich und kündigte nach dpa-Angaben vom Donnerstag an, die Finanzkrise für Zukäufe zu nutzen.

 

»Versorgungsqualität wird leiden«

 

Durch die Festsetzung eines einheitlichen GKV-Beitragssatzes mit Einführung des Gesundheitsfonds zum 1. Januar auf 15,5 Prozent und die schon jetzt erkennbaren Bemühungen der Krankenkassen, Zusatzbeiträge zu vermeiden, werde sich die Versorgungsqualität verschlechtern, befürchtet der BPI-Vorsitzende.

 

Nach Einschätzung des BPI sind die Einsparmöglichkeiten bei Rabattverträgen mit Generika weitgehend ausgereizt. Wegener erwartet, dass sich die Kassen nun zunehmend auf Rabattverträge mit patentgeschützten Arzneimitteln konzentrieren werden. Vonseiten der Kassen werde der »populistische Ruf nach Erhöhung der Zwangsabschläge für Arzneimittel lauter«. Es werde ignoriert, dass die Pharmaindustrie unter einem Margenverfall und der Erosion des Eigenkapitals leide, sagte Wegener.

 

Er erneuerte den Vorschlag des BPI, die Mehrwertsteuer auf Arzneimittel auf sieben Prozent zu senken, um das Gesundheitssystem um rund drei Milliarden Euro zu entlasten. Weitere vier Milliarden Euro könnte der Abbau versicherungsfremder Leistungen der GKV ersparen.

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