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Geruch und Geschmack

Arzneimittel als Störfaktoren

14.11.2016
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Von Nicole Schuster / Schon eine Erkältung kann das Geruchs- und Geschmacksempfinden deutlich beeinträchtigen. Diverse ­Erkrankungen sowie etliche Arzneistoffe können zu bisweilen ­anhaltenden, belastenden Störungen führen. Erfreulicherweise sind viele Beeinträchtigungen reversibel. So verschwinden ­medikamentös bedingte Riech- und Schmeckstörungen meist nach Absetzen des Präparats.

»Das schmeckt wie bei Oma« oder »Das Parfüm erinnert mich an meine Frau«: Gerüche und Geschmack sind oft mit Erinnerungen und Emotionen verknüpft. Zu Unrecht vernachlässigen wir die Riech- und Schmeckleistung oft zugunsten der visuellen und akustischen Wahrnehmung. Der Geruchssinn rückte 2004 in den Fokus, als die US-amerikanischen Forscher Richard Axel und Linda Buck den Medizin-Nobelpreis für die Aufklärung seiner Funk­tion bekamen.

 

Die Wahrnehmung von Gerüchen ist ein komplexer Vorgang, der in der Nasenschleimhaut und den Riechsinneszellen beginnt (Grafik). In deren Zellmembran befinden sich Rezeptoren vom Typ der G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (G-protein-coupled receptor, GPCR). Diese Rezeptoren bestehen aus einer Kette von Aminosäuren, die eine spezifisch geformte »Tasche« bilden, an die nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip Geruchsmoleküle binden. Jede Riechsinneszelle exprimiert nur einen bestimmten Rezeptortyp. Daran bindet aber nicht nur ein spezielles Molekül, sondern auch verwandte Verbindungen, die allerdings Signale einer anderen Stärke auslösen. Umgekehrt kann ein Duftstoff mehrere Arten von Rezeptoren aktivieren. Ändert der Rezeptor dadurch seine Form, wird eine Signalkaskade bis in die Hirnrinde in Gang gesetzt (Grafik, rechts).

 

Im Gehirn entsteht aus den einzelnen Geruchsinformationen das spezifische Geruchsmuster. Die Verarbeitung geschieht in Arealen, die auch an der Entstehung von Emotionen und Erinnerungen beteiligt sind. Das erklärt, ­wa­rum Gerüche bestimmte Gefühle ­auslösen können (1, 2, 3).

 

Was schmeckt, ist ­individuell

 

Im Gegensatz zu den unzähligen Duftempfindungen hat der Mensch nur fünf anerkannte Geschmacksrichtungen, nämlich süß, sauer, bitter, salzig und umami, der Geschmack von Glutamat. »Es gibt zwar Hinweise auf weitere, etwa Fett oder Calcium«, sagt Professor Dr. Wolfgang Meyerhof von der Abteilung Molekulare Genetik (MOGE) am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) in Nuthetal gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. »Allerdings ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend belegt, dass es sich tatsächlich um eigenständige Geschmacksrichtungen handelt.«

 

Die Sinnesorgane für den Schmecksinn sind die Geschmacksknospen, die in der gesamten Mundhöhle verteilt sind. Diese zwiebelförmigen Anordnungen von etwa hundert Rezeptorzellen kann man mit bloßem Auge auf der Zunge als rote Papillen erkennen (1). »Die zahlreichen Sensorzellen einer Geschmacksknospe lassen sich in fünf verschiedene Klassen einteilen, die ganz unterschiedliche Geschmacksstoffe binden und dadurch stimuliert werden. So lässt sich erklären, warum wir eben über fünf verschiedene Geschmacksrichtungen verfügen«, berichtet der Experte. Wie beim Riechen entstehe auch hier aus den aufgenommenen Informationen in der Groß­hirnrinde die bewusste Geschmackswahrnehmung. »Sinneseindrücke wie Temperatur, Konsistenz und Reizung, etwa das Brennen nach dem Genuss von Chili, ergänzen dabei das Geschmacksempfinden.«

 

Ob etwas schmeckt oder nicht, ist individuell verschieden. Die Genausstattung führt dazu, dass Rezeptoren für Geschmacksrichtungen in verschiedenen Ausprägungen vorkommen. Je nach Ausstattung schmeckt etwas für den einen bereits bitter, ist aber für den anderen noch nicht wahrnehmbar. »Die Bewertung von Geschmäcken kommt auch durch Erfahrung zustande und kann sich im Lauf des Lebens ­ändern«, so Meyerhof.

Einbußen an ­Lebensqualität

 

Im Lauf des Lebens verschlechtern sich die Geruchs- und Geschmacksleistung. Das liegt an der nachlassenden Teilungsfähigkeit von Zellen, von der auch die Sinneszellen betroffen sind. Die ­olfaktorische und gustatorische Funktion kann sich aber auch aus anderen Gründen verändern. Es gibt viele verschiedene Formen von Störungen (Tabelle 1).

 

Wenn der Schmeck- und/oder Riechsinn nachlässt, wirkt sich das negativ auf die Lebensqualität aus. Ohne Geschmackswahrnehmung beim Essen vergeht vielen Menschen der Appetit. Resultiert daraus eine Gewichtsabnahme, kann dies besonders bei älteren oder schwer kranken Patienten, etwa während einer Chemotherapie, gefährlich werden. Auch besteht die Gefahr, dass sie verdorbene Speisen essen, ohne einen schlechten Geschmack zu bemerken.

 

Wer nicht mehr richtig riechen kann, nimmt weder Gefahren wie einen Brandgeruch noch den eigenen Körpergeruch wahr. Das macht im Alltag unsicher und kann dazu führen, dass Betroffene die Gesellschaft anderer Menschen scheuen und sich zurückziehen.

 

Mitunter gefährdet die nachlassende Sinnesleistung sogar die berufliche Existenz. Köche oder Parfumeure sind darauf angewiesen, gut schmecken und riechen zu können (2, 4). Entsprechend wichtig ist die Ursachensuche und Behandlung der Erkrankung.

 

Störungen auf vielen ­Ebenen

Bei Störungen des Riechsinns unterscheiden die Experten zwei Gruppen: sinunasale und nicht-sinunasale. Bei viralen Effekten, beispielsweise einer Erkältung, versperren die angeschwollene Nase und der übermäßig produzierte Schleim den Duftstoffen den Weg zu den Rezeptoren. Diese Art von Riechstörung zählt ebenso zu den sinunasalen Formen wie die nasale Polyposis, Entzündungen in Nase oder Nasennebenhöhlen oder die allergische und die unkomplizierte chronische Rhinosinusitis.

 

Zu den nicht-sinunasalen Ursachen zählen Verletzungen von Riechnerven, etwa durch Traumata. Nervenschäden im Gehirn können infolge von Krankheiten wie Diabetes mellitus, Epilepsie oder neurodegenerativen Krankheiten wie Morbus Alzheimer oder Morbus Parkinson auftreten (1).

 

Der Geschmackssinn leidet, wenn Infektionen, Autoimmunerkrankungen wie das Sjögren-Syndrom oder Zellgifte wie Nicotin und Alkohol die Geschmacksknospen schädigen. System­erkrankungen wie Diabetes mellitus, Refluxösophagitis oder Nierenerkrankungen beeinflussen möglicherweise ebenfalls das Geschmacksvermögen. Ursachen einer gestörten Wahrnehmung können auch ein Vitamin-B12- oder Eisenmangel sowie mangelhafte Mundhygiene sein.

 

Ebenso kann die Weiterleitung der Sinneseindrücke über die Hirnnerven behindert oder unterbrochen sein. Als Auslöser kommen Verletzungen bei Operationen infrage, etwa bei der Entfernung der Gaumenmandeln. Störungen in der Reizverarbeitung im Gehirn treten auf, wenn die zuständigen ­Hirn­areale beispielsweise infolge von neurodegenerativen Erkrankungen, ent­zündlichen Nervenerkrankungen wie Multiple Sklerose, Hirnverletzungen, Hirntumoren oder Epilepsie zugrunde gehen.

Tabelle 1: Quantitative und qualitative Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns (5, 11, 12)

Störungen der Geschmackswahrnehmung Erklärung
Normogeusie subjektiv als normal empfundenes Schmeckvermögen
Dysgeusie Störung des normalen Schmeckvermögens
Hypergeusie überempfindliches Schmeckvermögen
Hypogeusie reduziertes Schmeckvermögen
Ageusie vollständiger Verlust des Schmeckvermögens
Parageusie verändertes Schmeckvermögen in Gegenwart einer Reizquelle
Phantogeusie Geschmackswahrnehmung trotz Abwesenheit einer Reizquelle
Störungen der Geruchswahrnehmung
Normosmie subjektiv als normal empfundene Riechleistung
Dysosmie gestörte Riechleistung
Hyperosmie überempfindliche Riechwahrnehmung
Hyposmie verminderte Riechwahrnehmung
Anosmie vollständiger Verlust der Riechleistung
Parosmie veränderte Riechwahrnehmung in Gegenwart einer Reizquelle
Phantosmie Geruchswahrnehmung in Abwesenheit einer Reizquelle

Interaktionen mit ­Arzneimitteln

 

Der Apotheker sollte besonders auf medikamentös induzierte Geruchs- und Geschmacksstörungen achten, auch wenn diese noch wenig erforscht sind. Sie wurden bisher kaum in kon­trollierten Studien untersucht und sind mitunter nur als Einzelfallberichte bekannt.

 

»Ärzte nehmen Klagen von Patienten über Veränderungen beim Schmecken oder Riechen oft gar nicht als ­Nebenwirkungsmeldung wahr«, sagt Professor Dr. Thomas Hummel von der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. »Patienten wiederum fühlen sich oft nicht ausreichend beeinträchtigt, um mit einem schlechteren ­Geruchs- oder Geschmackssinn den Arzt aufzusuchen. Zudem verwechseln viele Personen Riech- und Schmeck­störungen.«

 

Betrachtet man die komplexen Wege, auf denen Geschmacks- und Geruchswahrnehmungen entstehen, sind vielfältige Interaktionen mit Arzneimitteln denkbar. Oft sind die Mechanismen aber auch unbekannt.

 

Tröstlich ist, dass die Störungen meist reversibel sind. »Ist ein Arzneimittel für den nachlassenden Geruchs- oder ­Geschmackssinn verantwortlich, verschwinden die Beschwerden in vielen Fällen wenige Monate nach Absetzen der Therapie. Ausschlaggebend ist wahrscheinlich die Zeit, in der sich die Zellen wieder regenerieren«, erklärt Hummel. Kann die Therapie nicht beendet oder kein anderes Medikament eingesetzt werden, können die Sinnesstörungen die Compliance gefährden. Lösen andauernde Störungen seelische Probleme aus, können eine Psychotherapie oder entsprechende Selbsthilfegruppen helfen.

 

Therapieversuche etwa mit Zink, verschiedenen Vitaminen, etwa aus der B-Gruppe, oder Glucocorticoiden könnten bei bestimmten Arten von ­Geschmacks- und Geruchsstörungen eventuell erfolgreich sein. Die Studienlage dazu ist aber unzureichend. Eine systemische Glucocorticoid-Therapie ist zudem wegen des hohen Nebenwirkungspotenzials problematisch.

Praktische Hinweise zum Umgang mit Riechstörungen

Wenn der Geruchs- oder Geschmackssinn nachlässt, fühlen sich Patienten in vielen Alltagssituationen hilflos (12).

 

Die Gefahr, etwas Verdorbenes zu essen, lässt sich mindern, wenn Lebensmittel optimal und nur bis Ende des Verfalldatums gelagert werden. Eine gründliche visuelle Kontrolle ist vor Verbrauch empfehlenswert. Bei Zweifeln lieber entsorgen. Um das Anbrennen beim Kochen zu vermeiden, sollte man den Topf nicht aus den Augen lassen . Beim Würzen ist ein striktes Einhalten der Vorgaben im Rezept ­ratsam.

 

Körperpflege und Wäschewechsel sollten zu festgelegten Zeiten sowie nach körperlicher Anstrengung oder starkem Schwitzen erfolgen. Bei der Auswahl von Parfums und Deodorants kann eine vertraute Person helfen, ebenso wenn es darum geht, wie viel aufgetragen wird.

 

Attacke auf das ­Riechvermögen

 

Beim Riechsinn ist an alle Wirkstoffe zu denken, die das G-Protein-gekoppelte Rezeptor-(GPCR)-System beeinflussen. So ist bei Opioiden, Cannabinoiden oder Sildenafil bereits bekannt, dass sie mit der Signalkaskade interagieren und dadurch die Wahrnehmung von Duftstoffen verändern. Ähnliche Effekte könnten auch für andere Arzneimittel, die auf GPCR wirken, nachweisbar sein. Entsprechende Hinweise gibt es beispielsweise für einige Betablocker, ­Antidepressiva und Triptane.

 

Da sich im Riechkolben auch Dopamin-Rezeptoren befinden, beeinflussen womöglich auch Wirkstoffe, die direkt auf das dopaminerge System wirken, die Geruchsempfindung. Zumindest im Tierversuch behindert der Dopamin-D2-Rezeptor-Agonist Bromocriptin die Signalweiterleitung. Auch Arzneimittel, die auf bestimmte Enzyme wirken, sind möglicherweise zu bedenken. Nebenwirkungen auf das olfaktorische System können beispielsweise Inhibitoren des Angiotensin-konvertierenden Enzyms (ACE) wie Captopril mit sich bringen (Tabelle 2). Die genauen Zusammenhänge sind allerdings noch unklar. Fallberichte über Arzneimittel-induzierte Riechstörungen liegen zudem für Lovastatin, bestimmte Antibiotika wie Aminoglykoside, Tetracyclin und Doxycyclin sowie für das Tuberkulostatikum Pyrazinamid vor. Ein Verlust des Riechvermögens kann eventuell bei Einnahme der Calcium-Kanalblocker Diltiazem und Nifedipin auftreten, ebenso beim Natrium-Kanalblocker Amiodaron sowie dem auf verschiedene Ionenkanäle einwirkenden Antiepileptikum Topiramat.

 

Während hier eine Interaktion an Ionenkanälen als Mechanismus zugrunde liegt, dämpfen intranasal applizierte ­Vasokonstriktoren wie Xylometazolin den Geruchssinn, indem sie lokal die Funktion der Nasenschleimhaut beeinträchtigen. Methotrexat beeinflusst den Geruchssinn eventuell dadurch, dass es das Zellwachstum der Schleimhaut hemmt (2, 5, 6).

 

Ein negativer Einfluss auf die olfaktorische Wahrnehmung ließ sich auch für das Thyreostatikum Propylthiouracil nachweisen. Dem entspricht auch die Beobachtung, dass Funktionsstörungen der Schilddrüse zu einer Veränderung des Geruchssinns führen können.

 

Arzneimittel können den Geruchssinn jedoch nicht nur verändern, indem sie intrazelluläre Prozesse beeinflussen. Stoffe, die auf das zentrale Nervensystem einwirken, könnten die Unterscheidung und Wahrnehmung von ­Geruchsinformationen stören. Für Di­azepam gibt es Hinweise darauf. Besser untersucht ist der Effekt für Opioide und Tetrahydrocannabinol (2).

Tabelle 2: Beispiele für Arzneistoffe, die den Geruchssinn stören können (aus 5)

Arzneimittelgruppe Beispiele für Arzneistoffe
Calcium-Antagonisten Nifedipin, Felodipin, Amlodipin, Diltiazem
Antibiotika Doxycyclin, D-Penicillamin, Streptomycin
Antimykotika Terbinafin
Chemotherapeutika Methotrexat
α-Sympathomimetika chronischer Gebrauch lokaler vasokonstriktorischer Substanzen (Nasalia)
Weitere Lovastatin, Amitriptylin, Enalapril, Amiodaron

Arzneimittel als ­Geschmackstörer

 

Zahlreiche Arzneistoffe können den Geschmackssinn dämpfen oder gezielt stören (Tabellen 3 und 4). Wirkstoffe wie Anticholinergika oder Anti­depressiva mit anticholinergen Begleiteffekten können Mundtrockenheit ­hervorrufen. Die ungenügende Speichelproduktion beeinträchtigt wiederum die Geschmacksknospen. Apotheker sollten daran denken, den Patienten Speichelersatzpräparate (»künstlicher Speichel«) anzubieten.

 

Manche Arzneistoffe haben einen starken Eigengeschmack oder verursachen einen unangenehmen Nachgeschmack. Das trifft zum Beispiel auf ­einige Antibiotika wie Penicillin zu, die sehr bitter schmecken.

Probleme bereiten auch Wirkstoffe, die den Geschmacksrezeptor, die Fortleitung von Impulsen oder die Verarbeitung im Gehirn stören. Beispiele sind ­Lithium, Dihydropyridine, Captopril, ­Methylthiouracil und Metronidazol (5). Die Störung kann alle oder nur spezielle Geschmacksrichtungen betreffen. Beispielsweise ließ sich nach systemischer Einnahme von Terbinafin eine Beeinträchtigung der Wahrnehmung von salzig, bitter, süß und sauer nachweisen (7). Platin-basierte Arzneistoffe oder Taxane wirken sich Hinweisen aus Studien zufolge vor allem auf die Wahrnehmung des salzigen Geschmacks aus (8). Mundspülungen mit Chlorhexidin behindern vor allem die Wahrnehmung von salzig und bestimmten Bitter-Nuancen (9).

 

Eine Arzneitherapie kann das Geschmacksvermögen manchmal auch verbessern. So schnitten Patienten mit subklinischer Hypothyreose nach dreimonatiger Behandlung mit Levothyroxin besser in der Wahrnehmung des bitteren Geschmacks ab als vorher (10).

Tabelle 3: Beispiele für Arzneistoffe, die den Geschmackssinn stören können (aus 5)

Art der Störung Beispiele für induzierende Arzneistoffe
Hypogeusie Amphotericin B, Carbamazepin, Cisplatin, Diltiazem, ­Carboplatin, Levodopa, Nifedipin, Metronidazol
Ageusie Cisplatin, Diltiazem, Enalapril, Hydrochlorothiazid, ­Atorvastatin, Nifedipin, Ofloxacin, Spironolacton, ­Terbinafin, Triazolam
Dysgeusie Amiodaron, Captopril, Diltiazem, Enalapril, Losartan, ­Lisinopril, Morphinsulfat, Nifedipin, Nitroglycerin, Selegilin

Tabelle 4: Beispiele für Arzneistoffe, die spezifische Störungen des Geschmackssinns verursachen können (aus 5)

Art der Geruchsstörung Beispiele für induzierende Arzneistoffe
metallische Phantogeusie Allopurinol, Ethambutol, Vitamin D
metallische Dysgeusie Carbidopa, Cisplatin, Lidocain, Lithium, ­Methotrexat, Metronidazol, Zinksalze, Zopiclon
bittere Dysgeusie Amphetamine, Flurazepam
salzige Dysgeusie Amitriptylin, Captopril, Carboplatin
süße Dysgeusie 5-Fluorouracil
saure Dysgeusie Isotretinoin
salzige Hypogeusie Amilorid

Ursachensuche beim ­Facharzt

 

Patienten, bei denen Störungen der Geruchs- oder Geschmackswahrnehmung neu auftreten, sollten die Ursache ärztlich abklären lassen. Der erste Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt, der bei Bedarf an einen Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde überweist. In einigen Städten gibt es auch Zentren für Riech- und Schmeckstörungen, die als Ambulanz an ein Krankenhaus angegliedert sind.

 

Bei der Anamnese wird der Arzt auch nach Arzneimitteln fragen, die der Patient regelmäßig einnimmt. Zur körperlichen Untersuchung gehören eine Endoskopie der Nase und die ­Untersuchung des Hals-, Nasen- und Rachenraums. Blutuntersuchungen, bildgebende Verfahren wie Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT), Biopsien der Schleimhäute, zahnärztliche Untersuchungen oder eine Überprüfung der Speicheldrüsen können zur Ursachenfindung beitragen.

 

Um die Schwere der Störung festzustellen, helfen subjektive Geruchs- und Geschmackstests. Beispiele für validierte Geruchtests sind der UPSIT (University of Pennsylvania Smell Identification Test) und der Sniffin-Sticks-Test. Bei Geschmackstests soll der Patient meist verschiedene Testlösungen in unterschiedlicher Verdünnung bewerten. Die Wahrnehmungsschwelle kann auch mit der Elektrogustometrie festgestellt werden, bei der ein sehr geringer Strom an die Zunge angelegt wird und dort einen Schmeckreiz auslöst. Mit neurologischen Tests prüft der Arzt die Hirnfunktion, da auch dort die ­Ursache für den veränderten Riech- oder Schmecksinn liegen kann (1).

Riechstörungen als ­Krankheitsvorbote

 

Olfaktorische Störungen können ein frühes Symptom neurodegenerativer Krankheiten sein (11). Die Riechleistung von Patienten mit idiopathischem Parkinson-Syndrom lässt oft bereits vier bis sechs Jahre vor dem Ausbruch motorischer Symptome schleichend nach. Wissenschaftler vermuten die Ursache in pathologischen Veränderungen im Nucleus olfactorius anterior.

 

Auch bei der Alzheimer-Demenz stellen olfaktorische Störungen ein Frühsymptom dar und fallen oft vor den kognitiven Defiziten auf. Im MRT lässt sich eine Volumenminderung des Bulbus olfactorius erkennen. Auch Pa­tienten mit anderen neurodegenera­tiven Krankheiten wie der Huntingtonschen Erkrankung oder Motoneuron-Erkrankungen, zum Beispiel der Spinocerebellären Ataxie, leiden – wenn auch in geringerem Maß – unter einer verminderten Riechleistung. /

Nasen und Zungen aus dem Labor

Schmeckt das Arzneimittel akzeptabel? Anstelle von menschlichen Probanden können Wissenschaftler zur Beantwortung mitunter auch auf elektronische Zungen zurückgreifen (13, 14). Dabei handelt es sich um Sensoren, die auf physikalische ­Weise Substanzen analysieren. Die erhaltenen Werte vergleichen Forscher mit Referenzwerten, etwa ­Angaben von menschlichen Testern. Ob das Produkt dann wirklich schmeckt, hängt unter anderem auch von seinem Geruch und der Konsistenz ab.

 

Elektronische Nasen kommen wie elektronische Zungen in verschiedenen Bereichen, etwa der Medizin und der Lebensmittel­industrie zum Einsatz. Ihre Sensoren analysieren flüchtige organische Verbindungen. Zur Detektion setzen Wissenschaftler Techniken wie Gaschromatografie oder Massenspektrometrie ein. Auch hier werden die erhaltenen Werte mit Referenzen verglichen.

Literatur 

  1. Hummel, T., et al., Umfangreiche Informa­tionen zum Thema Riech- und Schmeckstörungen. www.uniklinikum-dresden.de/de/das-klinikum/kliniken-polikliniken-institute/hno/forschung/interdisziplinaeres-zentrum-fuer-riechen-und-schmecken/neuigkeiten/umfangreiche-informationen-zum-thema-riech-und-schmeckstorungen.
  2. Lötsch, J., et al., Olfactory drug effects approached from human-derived data. Drug Discov Today 20 (11) (2015) 1398-1406.
  3. Pfleger, A., Medizin-Nobelpreis. Die Grundlagen des Geruchssinns. Nobelpreis für Erforschung des Geruchsinns. www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=27159.
  4. Lötsch, J., et al., Drug-target based cross-sectional analysis of olfactory drug effects. Eur J Clin Pharmacol. 71 (4) (2015) 461-471.
  5. Der Arzneimittelbrief. Arzneimittelindu­zierte Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns. AMB 44 (2010) 81.
  6. Doty, R. L., et al., Influences of antihypertensive and antihyperlipidemic drugs on the senses of taste and smell: a review. J Hypertens. 21 (10) (2003) 1805-1813.
  7. Doty, R. L., Haxel, B. R., Objective Assessment of Terbinafine-Induced Taste Loss. Laryngoscope 115 (11) (2005) 2035-2037.
  8. Steinbach, S., et al., Qualitative and quantitative assessment of taste and smell changes in patients undergoing chemotherapy for breast cancer or gynecologic malignancies. J Clin Oncol. 10; 27 (11) (2009) 1899-1905.
  9. Wang, M. F., et al., Taste Coding after Selec­tive Inhibition by Chlorhexidine. Chem ­Senses 34 (8) (2009) 653-666.
  10. Baskoy, K., et al., Is There Any Effect on Smell and Taste Functions with Levothyroxine Treatment in Subclinical Hypothyroidism? PLoS One. 2016 Feb 29; 11(2):e0149979.
  11. Hüttenbrink, K. B., et al., Riechstörungen. Häufig im Alter und wichtiges Frühsymptom neurodegenerativer Erkrankungen. Dtsch Arztebl Int 110 (1-2) (2013) 1-7. DOI: 10.3238/arztebl.2013.0001.
  12. Hummel, T., et al., Riech- und Schmeckstörungen. Informationen für Patienten. www.uniklinikum-dresden.de/de/das-klinikum/kliniken-polikliniken-institute/hno/forschung/interdisziplinaeres-zentrum-fuer-riechen-und-schmecken/downloads/downloads/Patienteninformationen_05.pdf.
  13. Lahrtz, S., Elektronische Zungen. Neue Zürcher Zeitung, Int. Ausgabe, Nr. 248, vom 24. 10. 2012, S. 34. www.nzz.ch.
  14. Müller von Blumencron, M., Elektronische Nasen. Instrumentelle Sensorik in der Ernährungswirtschaft Teil 1. DLG-Expertenwissen 2/2015, www.dlg.org/elektronische_nasen.html.

Die Autorin

Nicole Schuster studierte zwei Semester Medizin in Bonn, dann Pharmazie und Germanistik in Bonn und später in Düsseldorf. Während ihres Studiums machte sie Praktika bei verschiedenen wissenschaft­lichen Verlagen. Nach dem zweiten Staatsexamen und der Approbation 2010 absolvierte Schuster ein Aufbaustudium in Geschichte der Pharmazie in Marburg und arbeitet seitdem an ihrer Dissertation zu traditionellen pflanzlichen Heilmitteln.

 

Nicole Schuster

Zimmererstraße 9

92318 Neumarkt

nicole.m.schuster@gmx.de

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