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Personalisierte Medizin

Bessere Versorgung, niedrigere Kosten

15.11.2011
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Von Annette Mende, Berlin / Welches Arzneimittel ist für welchen Patienten in welcher Situation am besten geeignet? Das ist die zentrale Frage der personalisierten Medizin. An der Uni Greifswald ist man erfolgreich auf der Suche nach Antworten. Auf der Sitzung der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) kamen neben diesem aber noch weitere Themen zur Sprache.

»Eine Gesellschaft wie die unsere wird auf Dauer ihr Gesundheitssystem nicht so weiter betreiben können wie bisher«, warnte Professor Dr. Heyo K. Kroemer, der die Abteilung Allgemeine Pharmakologie an der Universität Greifswald leitet. Denn der Altersdurchschnitt der Bevölkerung steigt. Gleichzeitig gibt es in der Medizin erfreuliche, aber auch sehr kostspielige Fortschritte zu verzeichnen. Das Interesse an der personalisierten Medizin ist daher aus Kroemers Sicht kein rein akademisches, sondern eine schiere Notwendigkeit. Nur mithilfe von Prävention und Individualisierung ließen sich die Kosten, die auf die Gesellschaft angesichts des »demografischen Desasters« zukommen, in den Griff bekommen, sagte er.

Unabdingbare Voraussetzung für den zielgerichteten Einsatz von Medikamen­ten sind große Populations­unter­suchun­gen, in denen Erkenntnisse über Asso­ziation und Interaktionen häufiger Risiko­fakto­ren und Erkrankungen gewonnen werden. In Greifswald läuft seit Jahren eine solche Studie, die Ship – Study of Health in Pomerania. Mittlerweile dient Ship unter anderem auch als Kontrollstu­die für ein weiteres Großprojekt, den Greifswald Approach to Individualized Medicine (Ganimed), in dem unter ande­rem Risikofaktoren für Volkskrankheiten wie kardiovaskuläre Erkrankungen, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes mellitus identifiziert werden.

 

Gentoxische Verunreinigungen

 

In einem weiteren Vortrag informierte Professor Dr. Dieter Schrenk, Fachrichtungsleiter für Lebensmittelchemie und Toxikologie an der Technischen Universität Kaiserslautern, die Mitglieder der AMK über genotoxische Verunreinigungen in Arzneimitteln. Dabei handelt es sich um kleinste Mengen von Substanzen, die erwiesenermaßen oder potenziell erbgutschädigend sind und die in vielen Medikamenten gefunden werden. »Es gibt keine Erfahrungswerte, was eine Verunreinigung mit solchen Stoffen im Nanogrammbereich in der Praxis bedeutet«, sagte Schrenk.

 

Um das Risiko für Verbraucher möglichst gering zu halten, hat die europäische Arzneimittelbehörde EMA 2006 die Guideline on the limits of genotoxic impurities herausgegeben. Gemäß dieser Richtlinie müssen entsprechende Verunreinigungen in neu gestellten Zulassungsanträgen diskutiert werden. »Auch bei einer signifikanten Änderung des Syntheseprozesses, wie es etwa bei der Herstellung in Asien häufig der Fall ist, ist eine Neubewertung vorgeschrieben«, sagte Schrenk. Sind für bestimmte Stoffe keine Toxikologie-Daten vorhanden, bedient man sich zur Festsetzung von Grenzwerten der Threshold of Toxicological Concern (TTC). Dabei handelt es sich um ein Konzept zur Risikoabschätzung, das auf empirischen Daten basiert.

 

Mehr Rote-Hand-Briefe

 

Einen Tätigkeitsbericht der AMK gab deren Vorsitzender Professor Dr. Martin Schulz. Ihm zufolge hat die AMK in der Zeit von März bis Oktober dieses Jahres 235 Bekanntmachungen veröffentlicht. Bemerkenswert sei dabei die steigende Zahl der Rote-Hand-Briefe. Über die Gründe für diesen Trend kann man nur spekulieren. »Entweder nimmt die Awareness zu oder die Probleme«, sagte Schulz. Auffällig sei, dass immer mehr Risikoinformationen zu Fälschungen und Verknappung von Medikamenten, aber auch zur richtigen Handhabung verschickt würden. »Daran zeigt sich, dass wir es heute zunehmend mit hochspezialisierten Arzneimitteln zu tun haben, bei denen der Informationsbedarf groß ist«, sagte Schulz.

 

Ein sehr gutes Instrument, um Arzneimittel-bezogene Probleme zu identifizieren, sind die bundesweit 321 Referenz-Apotheken der AMK. So habe man durch eine Umfrage in den Referenz-Apotheken Erkenntnisse über den Umfang des Missbrauchs von Tilidin- und Tramadol-haltigen Arzneimitteln gewinnen können, berichtete Schulz. Dieser sei in Wahrheit vermutlich größer als es die sinkenden GKV-Verordnungszahlen suggerieren. »Das Ergebnis der Umfrage hat gezeigt, dass Arzneimittel mit Missbrauchspotenzial zunehmend auf Privatrezept verordnet werden. Die GKV-Verordnungszahlen geben daher offenbar ein schiefes Bild der Wirklichkeit wieder«, sagte Schulz. / 

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