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Rotaviren

Rund und ungesund

16.11.2010
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Von Maria Pues / Nicht nur Noroviren setzen dem Darm zu. Weniger bekannt, doch nicht weniger infektiös sind Rotaviren. Im Winter sind Infektionen mit diesen Erregern besonders häufig.

Rund und ungesund – das ist wohl die kürzeste Formel, auf die man Rotaviren bringen kann. Die radförmigen Viren sind für zahlreiche Durchfallerkrankungen verantwortlich. Eine Infektion mit Rotaviren verläuft bei Erwachsenen häufig mild bis symp­tomlos, da diese durch mehrere durchgemachte Infektionen einen gewissen Immunschutz aufgebaut haben. Allerdings hält dieser nicht ein Leben lang an, weswegen Senioren wieder schwerer erkranken. Zudem gibt es verschiedene Serotypen des Erregers, die eine mehrfache Erkrankung ermöglichen. Vor allem die beiden ersten Rotavirusinfektionen gelten als Kandidaten für schwere Verläufe. Diese gibt es daher vor allem bei Säuglingen, bei denen die Erreger auf ein noch untrainiertes Immunsystem treffen. Bis zu seinem fünften Lebensjahr hat jedes Kind durchschnittlich mindestens eine Rotavirusinfektion durchgemacht.

 

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts mussten im Jahr 2009 in Deutschland fast 20 000 Säuglinge aufgrund dieser meldepflichtigen Erkrankung stationär behandelt werden, um einer drohenden Dehydratation zu entgehen. Wie hoch die Erkrankungszahlen insgesamt sind, weiß man allerdings nicht, da einerseits nicht jede Infektion einer ärztlichen Behandlung bedarf, andererseits häufig kein Erregernachweis geführt wird.

 

Rotaviren sind besonders hartnäckig

 

Als unbehüllte Viren sind Rotaviren besonders hartnäckig. Übliche Reinigungsmittel und zahlreiche Desinfektionsmittel können ihnen kaum etwas anhaben. Die Virus-RNA erhält zusätzlichen Schutz durch ein inneres und ein äußeres Kapsid und eine Coreschicht. Das macht sie umweltresistent. »Auf Legosteinen lassen sie sich auch nach zwei Wochen noch nachweisen«, erläuterte Kinderarzt Dr. Gerhart Hofmann, Würzburg, bei einem Pressegespräch von GlaxoSmithKline in Hamburg. So kann der fäkal-orale Übertragungsweg auch über ansonsten sauber wirkende glatte Flächen erfolgen. Um eine Verbreitung des Erregers zu vermeiden, ist neben einer konsequenten Händehygiene auch eine besonders sorgfältige Hygiene im Umgang mit Erkrankten zwingend erforderlich: Regelmäßige Reinigung glatter Flächen vor allem im Sanitärbereich, eigene Handtücher für jedes Familienmitglied, die häufig gewechselt und bei mindestens 60 °C gewaschen werden müssen. Eine Ansteckung weiterer Familienmitglieder lässt sich häufig nicht unterbinden.

 

Die Viren sind nämlich nicht nur sehr resistent, sondern auch effektiv: Zehn Partikel reichen bereits aus, um eine Erkrankung auszulösen. Nach durchschnittlich drei Tagen zeigen sich die Symptome, etwa eine Woche kann es dauern, bis sie wieder abgeklungen sind. Die Viren befallen die Epithelzellen der Dünndarmzotten. Da Polysaccharide aus dem Nahrungsbrei nicht mehr gespalten und resorbiert werden, wird auch das Wasser aus dem Darmlumen nicht mehr aufgenommen. Ein wässriger Durchfall, der häufig mit Schleim durchsetzt ist, tritt auf. Erbrechen und Fieber können hinzukommen. Die Symptomatik ist jedoch nicht hinreichend spezifisch, um Rotavirus- von anderen Infektionen zu unterscheiden. Elektrolytersatz kann sinnvoll sein, von Motilitätshemmern wird hingegen eher abgeraten.

 

Schwere Verläufe bei den Kleinen

 

Zu etwa 20 Anfällen von (Brech-)Durchfall täglich kann es bei schweren Verläufen kommen. Diese treten hauptsächlich bei Säuglingen und Kleinkindern zwischen einem halben und zwei Jahren auf, bei denen ein Flüssigkeitsverlust besonders schwere Konsequenzen nach sich ziehen kann. Eine leicht eingesunkene Fontanelle ist ein Anzeichen für eine drohende Dehy­dratation. Häufig sind die Kinder außerdem antriebsloser als gewöhnlich, sie spielen nicht und weinen ohne Tränen.

 

Eine stationäre Aufnahme ist häufig unumgänglich, da ausreichende Mengen Flüssigkeit infolge des Erbrechens nicht mehr mit der Nahrung aufgenommen werden können. Die häufigen wässrigen Durchfälle reizen zudem die Haut, sodass die Säuglinge schnell wundliegen und unter Schmerzen leiden. Häufig sei die Frequenz der Durchfälle höher, als man mit dem Windelnwechseln nachkomme, berichtete Kinderkrankenschwester Gabriele Niedermeyer von der Berliner Charité. Zudem sei infolge der Hygiene- und Quarantänemaßnahmen nur eine Bezugsperson in der Klinik erlaubt. Der Rest der Familie müsse zu Hause bleiben, um eine weitere Ausbreitung der Erkrankung, nicht zuletzt bei weiteren kleinen Patienten auf der Station, zu unterbinden.

 

Unterschiedliche Durchfälle

 

Im Verlauf schwerer Infektionen kann es zudem zu einer Umkehr des Flüssigkeitstransports im Darm kommen, erläuterte Hofmann im Gespräch. Man spricht dann von einem sekretorischen Durchfall. Die Darmschleimhaut gibt dabei aktiv Körperflüssigkeit in den Darm ab, auch wenn dieser bereits durch den osmotischen Durchfall entleert wurde. Nahrungskarenz stoppt diese Art der Diarrhö naturgemäß nicht. Die Durchfälle sind besonders flüssig. Eine Dehydratation wird weiter verstärkt. Daneben komme es zu einer Zerstörung der Darmzotten, erläuterte Hofmann. Im mikroskopischen Bild erscheinen diese nach einer Infektion deutlich verflacht. Bis zu drei Wochen könne es dauern, bis der Dünndarm seine ursprünglichen Funktionen wieder erfüllen kann.

 

Eine Impfung (Rotarix®, Rotateq®) kann diesen schweren Verläufen vorbeugen. Die Schluckimpfung wird je nach Impfstoff zwei- oder dreimal ab der sechsten Lebenswoche gegeben. Zwischen den Impfungen müssen mindestens vier Wochen liegen. Nach der 24. beziehungsweise 26. Lebenswoche muss die Impfung abgeschlossen sein. Sie kann gleichzeitig mit anderen Impfungen, zum Beispiel der obligaten Sechsfachimpfung, gegeben werden. Da es sich um einen Lebendimpfstoff aus vermehrungsfähigen, stark abgeschwächten Erregern handelt, sollten Eltern nach der Impfung in besonderem Maße auf die Hygiene achten. Eine generelle STIKO-Empfehlung gibt es für die Rotaviren-Impfung nicht. Viele gesetzliche Krankenkassen übernehmen jedoch inzwischen die Kosten. /

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