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Entwicklungsländer

Pharmafirmen engagieren sich in Afrika bei Aids-Kampagnen

16.11.2010
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Von Liva Haensel, Berlin / Im weltweiten Vergleich sterben in Afrika immer noch die meisten Menschen an Aids. Nachdem forschende Pharmahersteller inzwischen hitzebeständige Aids-Medikamente entwickelt haben, setzen sie auf verstärkte Aufklärung und bessere Infrastrukturen.

Der Weg ist lang, und er ist nicht einfach. Die afrikanische Frau trägt ihr Baby schon seit fünf Stunden auf dem Arm. Das Krankenhaus aber ist zwei Tagesmärsche entfernt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die HIV-infizierte Mutter mit ihrem kleinen Kind tatsächlich im Hospital ankommen wird, um ihr Medikament einzunehmen, ist – unwahrscheinlich.

 

Anhand dieses Beispiels verdeutlichte Karl Addicks, ehemaliges Mitglied im Deutschen Bundestag und bis 2009 Sprecher für Entwicklungszusammenarbeit der FDP-Fraktion, wie Theorie und Praxis in Afrika auseinanderklaffen können. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) hatte kurz vor dem Welt-Aidstag am 1. Dezember zu der Veranstaltung »Zugang zu Aids-Medikamenten in Entwicklungsländern – die Programme der forschenden Pharma-Unternehmen« in Berlin eingeladen. Vertreten waren die Pharmaunternehmen ViiV-Healthcare, Merck & Co., Abbot-Pharmaceuticals und Boehringer Ingelheim.

 

Hindernisse im Kampf gegen Aids

 

In den afrikanischen Ländern südlich der Sahara hatten sich bis Ende 2007 rund 33 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert, berichtete Addicks. Rund 50 Prozent davon hätten keinen Zugang zu Medikamenten im Kampf gegen die Immunschwäche. »Wir können große Erfolge im Umgang mit Aids vermelden, aber noch nicht davon sprechen, dass die Krankheit besiegt ist«, resümierte Addicks. Zwar vertrieben Pharmaunternehmen dort Medikamente, doch die Tatsache, dass diese nicht zu den Patienten gelangen, läge sowohl am Preis als auch an großen Problemen der politischen Systeme und mit der Infrastruktur. Addicks berichtete in diesem Zusammenhang von eigenen Erfahrungen in Uganda: Dort habe er erlebt, wie Aids-Medikamente containerweise gestapelt wurden und nicht transportiert werden konnten, weil die Straßen in einem zu schlechten Zustand gewesen seien.

 

Manuel Goncalves von ViiV-Healthcare, einem von Glaxo-Smith-Kline (GSK) und Pfizer auf HIV spezialisierten Gemeinschaftsunternehmen, berichtete, dass sein Unternehmen in 69 Ländern tätig sei, in denen große Armut herrsche. Anfangs seien in Russland und Brasilien noch HIV-Medikamente zu 80 Prozent aus Eigenproduktion und zu 20 Prozent aus Generika bezogen worden; inzwischen sei das Verhältnis umgedreht. ViiV-Healthcare hätte durch eine freiwillige Lizenzpolitik bisher rund 450 000 Menschen erfolgreich behandelt, erklärte der Firmenvertreter.

 

Mehr Prävention ist wichtig

 

»Jahrelang haben wir in der Aids-Prävention versagt«, sagte Goncalvez. Die tödliche Immunerkrankung sei vor allem durch Safer Sex abzuwehren und dadurch, dass von Drogen abhängige Menschen kein schmutziges Spritzenbesteck benutzen. Notwendig sei außerdem die Auseinandersetzung mit der Stigmatisierung und Diskriminierung von Aids-Kranken. Dieses Problem, sagte der Arzt, werde jetzt mit speziellen Aufklärungsprojekten, etwa für Mütter und ihre Kinder, angegangen. »Dazu arbeiten wir zum Beispiel in Nairobi mit Projekten vor Ort zusammen.« Bis 2015 wolle ViiV-Healthcare so das Problem in den Griff bekommen. Allerdings sei es besonders schwer, Kleinkindern zu erreichen, räumte Goncalvez ein.

 

Dr. Lukas Pfister von dem Unternehmen Merck & Co. hob in seinem Referat vor allem die Bedeutung der Forschung hervor. In den 1980er-Jahren habe sein Pharmaunternehmen als erstes versucht, einen Impfstoff zu entwickeln, allerdings ohne Erfolg. Diese Erfahrungen seien aber »wertvoll gewesen, denn heute weiß man viel mehr über die Krankheit«. Der Bericht der Vereinten Nationen zur Lage von Aids im vergangenen Jahr dokumentiere die Erfolge. Pfister nannte Botswana als gutes Beispiel für eine progressive Regierung. Das Land konnte mithilfe der Melinda-und-Bill-Gates-Foundation die Sterberate durch Aids um 50 Prozent senken.

 

Aus Produktionsfehlern gelernt

 

Dirk van Eeden von Abbot-Laboratories führte aus, das anfängliche Fehler bei der Produktion von Medikamenten behoben seien. Mittlerweile hätte seine Firma hitzebeständige und eigens für Kinder entwickelte Medikamente auf den Markt gebracht, die in den heißen afrikanischen Ländern praktikabel seien. Nach seiner Aussage kostet ein Aids-Medikament von Abbot 700 Dollar im Jahr – »ein Bruchteil von dem, was es in Europa kosten würde«. Folglich sei sein Unternehmen viel günstiger als Generika-Hersteller.

 

Dies träfe nicht zu, konterte ein kritischer Vertreter der Organisation »Ärzte ohne Grenzen«. Er wollte wissen, warum Abbot noch immer generische Medikamente blockiere. Darauf konnte van Eeden keine ausreichende Antwort geben. Es würde »keinen Unterschied im Fundament machen«, sagte er.

 

Die Pharmafirmen waren sich darin einig, dass sie Aids-Medikamente zu einem günstigen Preis herstellen. Das Fördern von Klinikpersonal und Aufklärungskampagnen sowie das Verbessern der Infrastruktur seien nun die Aufgaben der Zukunft. /

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