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Pharmazie an der Humboldt-Universität zu Berlin von 1990 bis 2002

08.11.2007
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Pharmazie an der Humboldt-Universität zu Berlin von 1990 bis 2002

Von Hans-Hubert Borchert und Siegfried Pfeifer

 

Die Verteidigung der biopharmazeutischen Dissertation des letzten Doktoranden des Instituts für Pharmazie der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät I der Humboldt-Universität (HU), Herrn Mark Goldamner, am 23. Mai 2007 beendete endgültig die fast 200-jährige Ausbildung von Apothekern seit der Gründung der Berliner Universität 1810, nachdem das Institut bereits am 1. Oktober 2002 geschlossen worden war. Den damaligen Doktoranden war Bestandsschutz bis 30. September 2006 zur Einreichung ihrer Dissertation zugesichert worden, sodass alle begonnenen Arbeiten erfolgreich beendet werden konnten. Die Entwicklung der Pharmazie an der HU nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur deutschen Einheit ist in dieser Zeitschrift bereits ausführlich geschildert worden (1). Nachfolgend wird sie für den Zeitraum bis 2002 ergänzt. Dabei werden auch die Gründe für die Schließung des Institutes und die Versuche, diese zu verhindern, dargestellt sowie ein kurzer Überblick über die gesamte Forschung gegeben.

 

Mit der politischen »Wende« und der deutschen Einheit begann auch für die pharmazeutische Ausbildung und Forschung an der HU ein neues, allerdings nur kurzes Kapitel. Trotz nunmehr moderner Ausstattung sowie Bezug eines neu ausgebauten fünfgeschossigen Labor- und Bibliotheksgebäudes und eines Verwaltungsgebäudes zusätzlich zu dem bereits bestehenden Labor- und Versorgungstrakt sowie der von zwei externen Fachkommissionen bestätigten hohen Qualität der Ausbildung und eines eigenständigen Forschungsprofils führten die dramatischen Haushaltsprobleme des Landes Berlin zum Beschluss von Universitätsleitung und Senat zur Einstellung der Apothekerausbildung an der HU.

PZ-Originalia

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Es darf daran erinnert werden, dass sich unter den Eintragungen im ersten Matrikelbuch von 1810 bereits ein Pharmazeut befand (1).

 

Da das ursprünglich zur Berliner Universität gehörende Pharmazeutische Institut, das Hermann Thoms 1902 in Dahlem eröffnet hatte, nach der Spaltung Berlins als Folge des Zweiten Weltkriegs der neu gegründeten Freien Universität (FU) angegliedert wurde (1, 2), sah sich die Leitung der HU Ende 1949 gezwungen, für die in Ostberlin und der DDR beheimateten Studenten, die bis dahin in Dahlem studierten und an der HU beziehungsweise der Technischen Universität (TU) immatrikuliert waren, ein Pharmazeutisches Institut zu etablieren (1).

 

Ein 1950 bezogenes Gebäude mit Laboratorien einer Lackfabrik in Berlin-Weißensee war zunächst als Provisorium gedacht und auf 25 Jahre gepachtet worden in der Erwartung, dass während dieser Zeit ein Neubau errichtet würde. Tatsächlich gab es auch drei ernsthafte Ansätze für ein solches Vorhaben. Ein Neubau kam jedoch aus unterschiedlichen Gründen letztlich nicht zustande.

 

Das Pharmazeutische Institut war seit der III. Hochschulreform in der DDR 1968 als Wissenschaftsbereich Teil der Sektion Chemie. Obwohl die Chemiker die Lehr- und Forschungsleistungen jederzeit anerkannten, überwogen doch die negativen Erfahrungen der Pharmazeuten (3). So blieb auch eine räumliche Entwicklung der Pharmazie bis Mitte der 1980er-Jahre aus. Erst als eine Erhöhung der Absolventenzahlen für Apotheker in der DDR dringend erforderlich und ab 1987 einige räumliche Voraussetzungen geschaffen wurden, konnte die Bildung einer selbstständigen Sektion Pharmazie an der HU vorbereitet werden. Mit der »Wende« wurde der Prozess der Verselbstständigung im Rahmen der Umgestaltung der Universität beschleunigt und per Beschluss der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät vom 15. Juni 1990 der Fachbereich Pharmazie etabliert. Damit konnten die mit der deutschen Vereinigung entstandenen Probleme und Aufgaben von Pharmazeuten wieder direkt gelöst und gestaltet werden.

 

Fachbereich Pharmazie 1990 bis 1994: Umgestaltung

 

Die weitere Entwicklung des Fachbereichs ist zunächst durch zwei Phasen gekennzeichnet, nämlich:

 

die Entscheidung, ob es an den Universitäten Berlins zwei pharmazeutische Einrichtungen geben soll oder nur eine und, nachdem diese Entscheidung getroffen war,

wie sich der Fachbereich Pharmazie an der HU räumlich und personell entwickeln soll.

 

In kollegialen und konstruktiven Vorgesprächen ab 1990 zwischen Hochschullehrern der Fachbereiche der FU und der HU wurden zunächst die Situation in Berlin und die sich aus Lehre und Forschung an beiden Einrichtungen ergebenden Varianten diskutiert, mit dem Ergebnis, dass für Berlin mit seinem brandenburgischen Umfeld zwei pharmazeutische Institute angemessen sind, vor allem auch unter Berücksichtigung der zu erwartenden wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklung Berlins. Die Fachbereichsräte haben dies in einer gemeinsamen Stellungnahme bekräftigt und beschlossen, in der es heißt:

 

»Beide Fachbereiche sprechen sich dafür aus, dass Berlin über zwei leistungsfähige Ausbildungsstätten an der FU und HU mit eigenen wissenschaftlichen Profilen verfügen sollte. (. . .) Eine Zusammenlegung der beiden Fachbereiche der FU und HU ist nur als von außen aufgezwungene Notlösung vorstellbar. (. . .) Für das Fortbestehen des selbstständigen Fachbereiches an der HU, wie er auch vom Fachbereich der FU gewünscht wird, ist hervorzuheben, dass sich die Forschungsgebiete beider Fachbereiche harmonisch ergänzen und hiermit auch eine gute Chance für eine hohe Attraktivität der Pharmazie in Lehre und Forschung in Berlin gegeben ist. Neben den klassischen Lehr- und Forschungsgebieten zeichnet sich der Fachbereich an der HU durch die Entwicklung der Arzneimittelkontrolle, Biopharmazie und Sozialpharmazie zu selbstständigen Lehr- und Forschungsgebieten aus.«

 

Diese Stellungnahme und die dazu gegebene Begründung überzeugten die Landeshochschulstrukturkommission und den Senator für Wissenschaft und Forschung, die Pharmazie an der HU im Herbst 1991 zu bestätigen.

 

Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass es vonseiten des Senats schon damals Bestrebungen gab, die Pharmazie an der HU zu schließen, zumal aufgrund der zunächst massiv betriebenen Kündigung des bisherigen Nutzungsvertrages mit der Lackfabrik die Unterbringung des Fachbereichs zu einem Schlüsselproblem geworden war. Es bedurfte großer Anstrengungen der Fachbereichsleitung, schon damals eine Schließung zu verhindern. Erfreulicherweise setzten sich auch Vertreter der Landeshochschulstrukturkommission für den Erhalt der Pharmazie an der HU ein. Schließlich wurde von dieser im September 1991 festgestellt: »Angesichts des Lehrbedarfs im Fach Pharmazie und der offensichtlichen Kompetenz, mit der sich der Fachbereich Pharmazie der HU dieser Aufgabe stellt, ist die Weiterführung dieses Fachbereichs uneingeschränkt zu empfehlen. Dazu trägt auch bei, dass sich die Fachbereiche der FU und HU in ihren Forschungsgebieten abgestimmt haben und sich ergänzen. Die Ausbildung am Fachbereich Pharmazie der HU erfolgt bereits seit dem Wintersemester 1990/91 nach der allgemein im Bundesgebiet gültigen Approbationsordnung für Apotheker (AAppO vom 19. Juli 1989); eine entsprechende Studienordnung des Fachbereichs liegt vor.«

 

Bereits im Frühjahr 1991 hatte eine von den Mitarbeitern gewählte Personal- und Strukturkommission des Fachbereiches, deren Bildung für alle Fachrichtung am 9. Dezember 1990 in einem Sonderkonzil der HU beschlossen worden war, die Prinzipien für die Angleichung des Studienplanes an die Approbationsordnung von 1989 bestätigt und dabei auch profilgebende Besonderheiten berücksichtigt. Gleichzeitig wurde entsprechend des obigen Beschlusses die Eignung der Mitarbeiter untersucht (4).

 

Nach dem am 26. Juli 1991 verabschiedeten Ergänzungsgesetz (ErgG) zum Berliner Hochschulgesetz (BerlHG) setzte der Senator für Wissenschaft und Forschung im Herbst 1991 eine Struktur- und Berufungskommission in paritätischer Zusammensetzung von Hochschullehrern der alten Bundesländer mit den Professoren Ebel (Vorsitzender der Kommission), Müller-Goymann (später Nürnberg) und Rücker und des Fachbereiches mit den Professoren Hiller und Pfeifer, der Dozentin Keipert sowie je einem Vertreter des Mittelbaus (Dr. Witte) und der Studenten (stud. pharm. Stolle) ein.

 

Die Kommission hat nach ausgiebiger Diskussion die von der Personal- und Strukturkommission vorbereitete Struktur sowie den künftigen Personalbestand, der eine Aufstockung der Stellen für Hochschullehrer, wissenschaftliche Mitarbeiter und sonstiges Personal gegenüber dem Stand von 1990 vorsah (3), weitgehend bestätigt. Sie erarbeitete ferner Vorschläge für die Berufung der von der Senatsverwaltung bestätigten fünf C4- und drei C3-Professuren. Die Kommission hatte bei allen Entscheidungen die spezifischen Belange des Fachbereiches im Auge und entschied nach dem Prinzip »Bewahrung von Bewährtem und notwendige Erneuerung«.

 

Während der Beratungen dieser Kommission konnte schließlich auch das drängende Raumproblem zufriedenstellend gelöst werden. Mit der sukzessiven Reduzierung der Produktion und des Personalstandes der Lackfabrik standen Fabrikations- und Büroräume zur Verfügung, die der neue Eigentümer in Vereinbarung mit der HU ab 1993 ausbauen ließ. In einem langfristigen Mietvertrag überließ er der Universität die Nutzung für die Pharmazie. Zusammen mit dem bereits genutzten Labor- und Hörsaalgebäude, einem rekonstruierten Verwaltungsgebäude und einem fünfgeschossigen Labor- und Bibliotheksgebäude nach Ausbau ehemaliger Fabrikationsräume, der einem Neubau gleichkam, waren nun die Voraussetzungen für die Immatrikulation von jährlich 100 Studierenden geschaffen.

 

Die Struktur- und Berufungskommission beendete am 9. Februar 1994 ihre Tätigkeit. In einem akademischen Festakt in Gegenwart der Stellvertreterin des Regierenden Bürgermeisters, des Staatssekretärs für Wissenschaft und Forschung sowie der Präsidentin und des 1. Vizepräsidenten der HU fand die Einweihung des Labor- und Bibliotheksgebäudes statt. Es war praktisch der erste Neubau der HU nach der Vereinigung.

 

Im März 1994 konstituierte sich die Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät I der HU mit den Instituten für Biologie, Chemie, Pharmazie und Physik, womit die Übergangs- und Erneuerungsphase nach der deutschen Vereinigung für die Pharmazie ihr vorläufiges Ende fand.

 

Institut für Pharmazie der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät I: 1994 bis 2002

 

Trotz der erheblich verbesserten Studien- und Forschungsbedingungen gingen die Leitungen der HU und des Instituts davon aus, dass der Standort Berlin-Weißensee nur eine Zwischenlösung darstellt. Langfristig war eine Zusammenführung der naturwissenschaftlichen Institute einschließlich der Pharmazie auf einem Mathematisch-naturwissenschaftlichen Campus in Berlin-Adlershof vorgesehen. Hier sollte für die Pharmazie neben der Mitbenutzung zentraler Einrichtungen ein Institutsgebäude in der Größenordnung von 50 Millionen DM gebaut werden.

 

Die ersten Berufungen auf Vorschlag der Struktur- und Berufungskommission waren nach dem BerlHG zügig realisiert worden: Pharmazeutische Biologie (C4; K. Hiller, 1992), Pharmazeutische Technologie (C4; S. Keipert, 1993), Biopharmazie (C4; H.-H. Borchert, 1993), Pharmazeutische Analytik (C4; P. Surmann, 1993). Danach kam es zu Stagnationen bei der Besetzung der C4-Professur für Pharmazeutische Chemie (Ruferteilung am 19. Juni 1993, überraschende Rufablehnung durch H.-D. Höltje am 25. Juli 1994 trotz großzügiger und mit der Institutsleitung einvernehmlich geregelter personeller und materieller Bedingungen für die Tätigkeitsaufnahme zum Wintersemester 1994/95) sowie der C3-Professuren für die Pharmazeutische Biologie (Rufablehnung durch Dr. I. Merfort), Pharmazeutische Chemie (verzögerte Entscheidung durch den Senator) und Pharmazeutische Technologie (Ablehnung wegen des Vetos der Frauenbeauftragten). Wie sich später zeigte, resultierte daraus eine entscheidende Schwächung der Position des Instituts, da bereits im Juni 1994 die Existenz der Pharmazie und anderer Fächer an der HU vor dem Hintergrund von Sparmaßnahmen im Land Berlin zur Diskussion gestellt wurde.

 

In der Klausurtagung des Senats von Berlin zum Doppelhaushalt 1995/96 am 10. und 11. Juli 1994 (Beschluss Nr. 17) wurde der Senator für Wissenschaft und Forschung aufgefordert, umgehend einen »Vorschlag zum raschen Abbau von Doppel- und Mehrfachangeboten« an den Berliner Universitäten vorzulegen. Die Institutsleitung reagierte unverzüglich mit Argumentationspapieren für den Erhalt von zwei pharmazeutischen Hochschuleinrichtungen, die an den Senator für Wissenschaft und Forschung sowie weitere Senatoren sowie an die Präsidentin und die Vizepräsidenten der HU gerichtet wurden. Resolutionen der Studenten sowie der Teilnehmer aus 20 Ländern am 8. Internationalen Workshop Sozialpharmazie unterstützten diese Aktivitäten ebenso wie namhafte Vertreter der deutschen Pharmazie.

 

Anlässlich einer Lagebesprechung mit den Dekanen und den Institutsdirektoren bei der Präsidentin der HU am 21. September 1994 wurde festgestellt, dass die Existenz der Naturwissenschaften der HU aufgrund der politischen Zielstellung, Adlershof zu einem bedeutenden naturwissenschaftlich-technischen Forschungs- und Wirtschaftsstandort zu entwickeln, insgesamt kaum bedroht sei. Gefahrenmomente wurden jedoch trotz aller positiven Argumente bei der Pharmazie gesehen, und zwar wegen der geringen Vernetzung dieses sogenannten endständigen Faches mit anderen Fächern, der gegenwärtigen hohen Mietkosten und der Stellenbesetzungssituation (siehe oben).

 

Diese Befürchtungen fanden ihre Bestätigung durch ein Schreiben des Wissenschaftssenators vom 27. September 1994, in dem er die Präsidentin der HU über die Erteilung eines Rufes auf eine C3-Professur für Pharmazeutische Chemie an B. Göber informiert, jedoch gleichzeitig mitteilt, dass er »in der Pharmazie solange keine Rufe an auswärtige Wissenschaftler auf C-Stellen erteilen werde, bis Klarheit über die Auswirkungen der Umsetzung des Senatsbeschlusses wegen der Überprüfung von Doppel- und Mehrfachangeboten an den Berliner Hochschulen besteht.«

 

Mit dieser Begründung wurde auch am 26. Januar 1995 eine Entscheidung über einen Berufungsvorschlag für die C3-Professur für Pharmazeutische Biologie zurückgestellt. Bereits am 25. November 1994 hatte der Hauptausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses auf Antrag der SPD-Fraktion die Aufforderung an den Senat beschlossen, »bis zum 31. März 1995 in einem Schlussbericht ein schlüssiges Konzept vorzulegen, wie die pauschalen Minderausgaben nach Maßgabe der Strukturentscheidungen im Hochschulbereich aufgelöst werden sollen«.

 

Dem Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses vom 8. Dezember 1994 kam der Senator für Wissenschaft und Forschung am 7. März 1995 mit Vorschlägen zur Auflösung der pauschalen Minderausgaben in Höhe von 136,7 Millionen DM nach. Davon entfielen Einsparungen bis zu 90 Millionen DM nach Verabschiedung des Universitätsmedizingesetzes auf den Medizinbereich und 27,17 Millionen DM auf nichtmedizinische Einrichtungen der HU. Neben Stellenreduktionen in fast allen Fächern enthielt der Vorschlag die Einstellung der Pharmazie.

 

Fassungslosigkeit, Bestürzung und eine Flut von Protesten von Universitätsangehörigen waren die Reaktionen, in denen unter anderem darauf hingewiesen wurde, dass nach dem Abbau von über 3000 Stellen ausgerechnet die HU über 27 Millionen DM sparen soll. In der Presseerklärung der Leitung der HU heißt es hierzu:

 

»In seiner Begründung verweist der Wissenschaftssenator auf die Sparleistungen, die FU und TU durch den Hochschulstrukturplan (HSP) derzeit schon zu erbringen hätten, die HU sei von diesen auf das Jahr 2003 bezogenen Belastungen verschont worden. Das ist richtig. Es war das Ziel des HSP, die bis zur Wende deutlich zu groß geratenen westlichen Universitäten auf eine vernünftige Sollstruktur zu reduzieren. Da die HU von vornherein in einer sinnvollen Sollstruktur aufgebaut wurde, war sie an dem Prozess des »Abspeckens« naturgemäß nicht zu beteiligen. Die Behauptung, die HU habe deshalb bis heute keine Sparleistungen erbracht und sei erst jetzt in einen Sparprozess einzubinden, ist grob falsch. Die HU hatte nicht nur eine neue Sollstruktur aufzubauen, sondern zugleich den aus der DDR übernommenen Ist-Bestand zu einem großen Teil abzubauen. Von den 1989 circa 780 Professoren sind nur circa 170 in die neue Soll-Struktur überführt worden. Von ursprünglich etwa 6730 Beschäftigten hat die HU circa 3500 gekündigt oder sonst zum Ausscheiden bewogen (alle Zahlen ohne Charité). Dieser Prozess des Stellenabbaus ist bei Weitem noch nicht abgeschlossen, er wird zudem durch eine Vielzahl verlorener Arbeitsgerichtsprozesse beeinträchtigt. Der dadurch bestehende Überhang ist nicht ausfinanziert. Dem Sparvorschlag des Wissenschaftssenators liegt kein nachvollziehbares Konzept zugrunde. . . Die HU, die sich zusammen mit FU und TU um gemeinsame Konzepte bemüht hat, fühlt sich düpiert. Die einseitig zu ihren Lasten vorgesehenen Maßnahmen werden einzelne Fakultäten in ihrem Lebensnerv treffen. . . Die HU wird das Gesamtkonzept keinesfalls hinnehmen«.

 

In einer Sondersitzung des Akademischen Senats am 14. März 1995, in der die Proteste der betroffenen Fakultäten vorgetragen wurden, ist in diesem Sinne eine Stellungnahme der HU zu diesen Sparvorschlägen beschlossen worden. Darin heißt es unter anderem: »Die vorgesehene Abschaffung der Pharmazie ist unverständlich. Sie würde das Gesamtkonzept einer modernen Wissenschaft zerstören. Pharmazie ist im Übrigen ein »hartes« NC-Fach, seine Schließung würde die freie Berufswahl der Studierenden erheblich beschränken und wäre schon aus diesem Grund verfassungsrechtlich nicht hinzunehmen.«

 

Die zahlreichen Aktivitäten der Institutsleitung zur Abwendung der drohenden Schließung, insbesondere die Diskussionen zur Meinungsbildung innerhalb der Universität, Beratungen mit maßgeblichen Vertretern der im Berliner Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien und die offensive Öffentlichkeitsarbeit, sowie die breite Unterstützung unter anderem durch die Universitätsleitung, namhafte Hochschullehrer aus dem In- und Ausland, die DPhG, APV, ABDA, die Apothekerkammern Berlin und Brandenburg, den Apothekerverband Brandenburg, Vertretern von Verbänden der pharmazeutischen und chemischen Industrie und nicht zuletzt durch die Mitarbeiter und Studenten hier nur annähernd zu skizzieren, würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen. Sie führten zunächst dazu, dass am 21. Juni 1995 eine von der Regierungskoalition eingebrachte neue Vorlage vom Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses beschlossen wurde, die eine Verminderung der jährlichen Sparbelastung der HU von 27 auf 20 Millionen DM beinhaltete. Gleichzeitig wurde die HU aufgefordert, diese Vorgabe durch eigene Sparvorschläge aufzulösen.

 

Der Akademische Senat sprach sich darauf in einer Grundsatzentscheidung am 25. Juli 1995 für den Erhalt der Pharmazie aus. Eine Einigung auf die notwendigen Stelleneinsparungen in den einzelnen Fakultäten erfolgte am 8. August 1995. In der Pharmazie musste eine C3-Professur gestrichen werden.

 

Nach diesem Erfolg konnten nun auch die ausstehenden Berufungen weiterbetrieben werden. Während die Wiederzuweisung, Zweckbestimmung und Freigabe der C4-Professur für Pharmazeutische Biologie (Nachfolge Hiller) und Pharmazeutische Chemie neu beantragt werden mussten, erging nach einer aktualisierten Begründung der erweiterten Berufungsliste der Ruf auf die C3-Professur für Pharmazeutische Biologie am 21. Oktober 1995 an Dr. M. F. Melzig (Rufannahme zum Sommersemester 1996).

 

Die Ausschreibung zur Wiederbesetzung der C4-Professur für Pharmazeutische Biologie konnte eingeleitet werden, nachdem die Hauptkommission des Kuratoriums am 17. November 1995 der bereits früher erfolgten Zustimmung des Akademischen Senats entsprochen hatte. Dagegen wurde der Antrag auf Besetzung der C4-Professur für Pharmazeutische Chemie vom gleichen Gremium am 16. Februar 1996 nach vorheriger Zustimmung durch den Akademischen Senat wegen der erneuten Diskussion über eine Schließung der Pharmazie abgelehnt. Aus diesem Grund musste auch das weitere Berufungsverfahren für die Besetzung der C4-Stelle für Pharmazeutische Biologie im Frühjahr 1996 abgebrochen werden, nachdem die in die engere Wahl gezogenen Bewerber von der Berufungskommission bereits zu Vorträgen eingeladen waren.

 

Was zunächst ab Mitte Januar 1996 bruchstückhaft aus den Koalitionsverhandlungen zwischen der CDU- und SPD-Fraktion an die Öffentlichkeit gelangte, wurde spätestens am 28. März 1996 mit der Verabschiedung des Haushaltsstrukturgesetzes durch das Berliner Abgeordnetenhaus zur Gewissheit. Darin wird unter anderem ohne die entsprechende gesetzlich geforderte Mitwirkung der Universitäten mit der Pharmazie an der HU und der Zahnmedizin an der FU die Einstellung von zwei harten Numerus-clausus-Fächern praktisch über Nacht allein von den Fraktionsspitzen und Haushaltspolitikern der großen Koalition verfügt. Das Haushaltsstrukturgesetz löste erneut eine Welle der Kritik, machtvolle Demonstrationen der Berliner Hochschulen und andere Formen des Protestes aus, wie Veranstaltungen auf Straßen und öffentlichen Plätzen.

 

Noch zwei Tage vor der Verabschiedung des Haushaltsstrukturgesetzes forderte die Präsidentin der HU in einem Schreiben die Mitglieder des Abgeordnetenhauses auf, »keine rechtswidrigen Beschlüsse zu fassen«. Darin heißt es unter anderem: »Ohne auf die wiederholten Einwände der Hochschulen zu reagieren, sollen weiterhin mit der Pharmazie an der HU und der Zahnmedizin an der FU harte NC-Fächer geschlossen werden. Dies ist rechtswidrig. Erstens ist die Schließung angesichts der gesetzlichen Vorschriften des BerlHG durch ein Haushaltsstrukturgesetz nicht möglich. Zweitens haben die Verwaltungsgerichte dem Berliner Gesetzgeber wiederholt vorgehalten, er würde bei Regelungen, die die Studienplatzzahlen in NC-Fächern betreffen, nicht die verfassungsrechtlich vorgeschriebene Abwägung vornehmen. Hiergegen wird wiederum verstoßen und die Folgen auf die Universitäten abgewälzt, das heißt gerichtlich verfügte Weiterführung der Studiengänge ohne Finanzierung durch das Land«.

 

Mit der Verabschiedung des Haushaltsstrukturgesetzes waren die Möglichkeiten einer politischen Einflußnahme erschöpft, sodass den Leitungen der HU und FU nur der Weg der Verfassungsbeschwerde blieb. Darüber hinaus konnten die Fraktionen der Oppositionsparteien im Abgeordnetenhaus zu einer Normenkontrollklage bewegt werden. Beide Verfahren wurden am 11. Oktober 1996 vor dem Berliner Verfassungsgerichtshof verhandelt, wobei die Beschwerde der HU vom neu gewählten Präsidenten, dem Juristen Professor Dr. Dr. h. c. H. Meyer, persönlich vertreten wurde.

 

Im Urteil des Verfassungsgerichtshofes vom 22. Oktober 1996 zur Normenkontrollklage werden die Teile des Haushaltsstrukturgesetzes, die sich auf die Einstellung der Studiengänge Pharmazie und Zahnmedizin beziehen, als unvereinbar mit Art. 21 Satz 1 der Verfassung von Berlin nichtig erklärt.

 

Noch am Tag der Urteilsverkündung wurde der Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur vom Präsidenten der HU in einem Schreiben gebeten, der ZVS Zulassungszahlen für das 1. Fachsemester Pharmazie zu übermitteln, sodass im Nachrückverfahren noch Studenten für das Wintersemester 1996/97 immatrikuliert werden konnten.

 

Nachdem auch die Entsperrung der Stellen in der Pharmazie beantragt war, stellte die Institutsleitung erneut Anträge auf Wiederaufnahme der Verfahren zur Besetzung der C4-Professuren für Pharmazeutische Biologie und Pharmazeutische Chemie. Diese wurden jedoch am 19. November mit folgender Begründung vom 1. Vizepräsidenten der HU abgelehnt: »Aufgrund der vom Senat von  Berlin beschlossenen Einsparungen im Hochschulbereich und der bislang nicht vollzogenen Aufteilung dieser Summen auf die einzelnen Einrichtungen ist es für die Humboldt-Universität gegenwärtig nicht möglich, Entscheidungen über Stellenbesetzungen zu treffen. Angesichts der Dimension der auf uns zukommenden Einsparungen hat die Universitätsleitung beschlossen, zunächst erst Klarheit über die Haushaltslage herzustellen und dann in einem Abwägungsprozess mit den zuständigen Gremien Entscheidungen darüber herbeizuführen, in welchen Bereichen Berufungen oder Einstellungen trotz der dramatischen Haushaltslage zur Aufrechterhaltung des Betriebes erforderlich sind. Dabei werden die Überlegungen hinsichtlich neuer Berufungen die vordringlichsten und auch kompliziertesten sein.«

 

Auf Initiative der beiden Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultäten der HU wurde im Wintersemester 1996/97 eine Evaluierung der gesamten Berliner Naturwissenschaften durch eine externe Fachkommission des Wissenschaftsrates unter Leitung des Münchener Mathematikers Profssor Dr. Hoffmann durchgeführt.

 

Im Bericht der Kommission werden das eigenständige Profil sowie die hohe Qualität von Lehre und Forschung der HU-Pharmazie hervorgehoben, ferner Vorschläge für die ausstehende Besetzung von Professuren gemacht und der Fortbestand der Pharmazie im Rahmen eines gemeinsamen Instituts für Chemie und Pharmazie am Standort Adlershof empfohlen. In der Forschung wird dabei auf wichtige Synergieeffekte in folgenden Bereichen hingewiesen: Wirkstoffsynthese und -entwicklung, Analytik, Strukturaufklärung von Metaboliten und Naturstoffen, molekularbiologische Arbeiten.

 

Auf der Grundlage dieser Empfehlungen wurde daraufhin mit Vertretern der Chemie ein Konzept für ein Institut unter einem gemeinsamen Dach mit einer sinnvollen Vernetzung von Forschung und Lehre bei klarer Wahrung der Identität von Chemie und Pharmazie entwickelt.

 

Diese Überlegungen wurden durch zwei Ereignisse jäh durchkreuzt, nämlich durch die von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur verfügte Abkopplung der Pharmazie von der weiteren Planung des Campus Adlershof und durch die Vorschläge der Leitung der HU vom 4. Juni 1997 im Zusammenhang mit der Haushaltsabsenkung in den Jahren bis 2000, die im Haushaltsstrukturgesetz 1997 und in den Verträgen zwischen den Hochschulen und dem Land Berlin festgeschrieben waren. Allein im nichtmedizinischen Bereich sahen diese unter anderem die Streichung von 82 Professorenstellen inklusive durchschnittlicher Personal- und Sachmittelausstattung vor.

 

Nunmehr wurde von der Leitung auch die Einstellung der Pharmazie neben einer konkreten Verteilung der Sparlast auf die Geistes- und Naturwissenschaften vorgeschlagen. Damit waren die Bemühungen um eine objektive Diskussion von Alternativen erschwert und die endgültige Schließung des Instituts bereits vor den Beratungen in den Universitätsgremien und dem erforderlichen Beschluss des Akademischen Senats präjudiziert. Dieser Eindruck wurde dadurch verstärkt, dass in der Sitzung des Akademischen Senats am 13. Mai 1997 die Zulassung von Pharmaziestudenten zum Wintersemester 1997/98 auf null gesetzt werden sollte. Durch eine Tischvorlage der Institutsleitung konnte dies allerdings verhindert werden.

 

Die vorgeschlagene Einstellung der Pharmazie stieß zwar selbst an der HU auf breites Unverständnis und scharfe Proteste, jedoch war die Solidarität im entscheidenden Moment angesichts der Höhe der Sparauflagen und möglicher Belastungen anderer Fächer begrenzt. Umso eindeutiger waren die vielen Stellungnahmen von Persönlichkeiten und Einrichtungen außerhalb der Universität. Beispielhaft sollen hier nur zwei Meinungen zitiert werden. So beklagt der ehemalige Vorsitzende der Evaluierungskommission Pharmazie, Professor Dr. B. W. Müller (Kiel), in einem Schreiben an den Präsidenten der HU: »Wir haben vor Kurzem den Evaluierungsbericht für die Naturwissenschaften abgegeben. Dieser Bericht spricht sich eindeutig für den Erhalt der Pharmazie an der Humboldt-Universität aus. Die Kommission hat unter meiner Leitung mit großem persönlichen Engagement aller Mitglieder dezidierte Vorschläge zur Optimierung der pharmazeutischen Ausbildung an den Berliner Universitäten gemacht. . . Diese Bewertung ist in einem mehr als 70 Seiten starken Gutachten begründet worden, das leider nur auszugsweise in den gemeinsamen Evaluierungsbericht eingegangen ist. Das Präsidium der Humboldt-Universität hat im vergangenen Jahr erfolgreich gegen den Schließungsbeschluss des Berliner Senates für ihr Pharmazeutisches Institut geklagt. Unter Berücksichtigung der positiven Evaluierung ist es für mich unfassbar, dass die gleichen Leute jetzt die Schließung der Pharmazie an Ihrer Universität betreiben. Warum haben Sie überhaupt gegen den Senatsbeschluß geklagt, und warum haben Sie uns als Evaluierungskommission arbeiten lassen? Ich beklage vier Wochen meines Lebens, die ich für Sie sinnlos geopfert habe. Sie haben uns missbraucht!«

 

In einem weiteren Schreiben von Prof. Müller an den Präsidenten der HU beklagt er erneut die viele Arbeit, die seine Kollegen und er in die Evaluierung gesteckt haben, und teilt mit, dass er es für falsch hält, gerade die Pharmazie schließen zu wollen, da

 

ein positiver Evaluierungsbericht vorliegt und

sich der Wissenschaftsrat für eine Pharmazie zusammen mit der Chemie in Adlershof aussprechen wird.

 

Im Hinblick auf die vielen Chemiker und angesichts des Vorhandenseins von Chemischen Instituten an FU, HU, TU und der Pädagogischen Hochschule Potsdam verweist er auf Folgendes: »In diesem Zusammenhang entspricht es unserer Hochschulpolitik, diejenigen Fächer (sogenannte Kernfächer) zu erhalten, die zu 40 Prozent ausgelastet sind (. . .) und diejenigen Randfächer zu schließen, die zu 200 Prozent ausgelastet werden könnten, wo ein Frauenanteil von 70 Prozent besteht und wo die Arbeitslosenquote 2,7 Prozent beträgt. Es ist enttäuschend, dass eine Evaluierung von Wissenschaft und Lehre völlig bedeutungslos ist, wenn universitäre Kommissionen andere Ziele haben. . .«

 

Professor Dr. Dr. h. c. (mult) H. Oelschläger schreibt in einem Brief an den Präsidenten der HU:

 

»Besonders bedeutsam erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass die von Ihrem Berliner Staatssekretär Professor Thies berufene Kommission, der ich angehörte, zur Überprüfung der Leistungsfähigkeit der Studiengänge Pharmazie an der Freien Universität und an der Humboldt-Universität eindeutig den guten Leistungsstand, zum Teil auch die modernen Lehr- und Forschungsintentionen der Humboldt-Pharmazie bestätigt hat.«

 

Nach langen kontroversen Diskussionen mit wechselnden Mehrheiten, in denen der Präsident der HU massiv gegen die Pharmazie auftrat, schloß sich im August 1997 auch die Entwicklungs- und Planungskommission der HU dem Vorschlag der Leitung an, obwohl von dieser anerkannt wurde, dass

 

die Pharmazie an der HU ein effektiver Studiengang ist, in dem die Studenten größtenteils in der Regelstudienzeit abschließen,

Pharmazie ein hartes NC-Fach mit guten beruflichen Möglichkeiten der Absolventen, insbesondere auch für Frauen ist,

in Brandenburg keine Pharmazieausbildung existiert und in den neuen Bundesländern eine relativ geringe Ausbildungskapazität besteht, die nicht bedarfsdeckend ist, und

nach Auffassung der Kommission zur Evaluierung der Berliner Naturwissenschaften von der Pharmazie für den geplanten Wissenschaftsstandort Berlin-Adlershof wichtige Impulse in Forschung und Lehre zu erwarten sind.

 

Der Vorschlag zur Einstellung an der HU wird damit begründet, dass

 

sie nicht zu den »Kernbereichen« einer Universität gehört,

die fachlichen Verknüpfungen zu den anderen Naturwissenschaften eher gering sind,

sie mehr Lehrimporte in Anspruch nimmt, als sie selbst exportiert,

Berlin sich überdurchschnittlich an der Ausbildung von Pharmaziestudenten in der Bundesrepublik beteiligt und

für die Unterbringung in Adlershof zusätzliche Investitionsmittel notwendig wären, da die Pharmazie in der Ausbauplanung des Landes für diesen Standort ausgenommen wurde.

 

Dabei wurde offensichtlich bewusst nicht zur Kenntnis genommen, dass das Institut ein schlüssiges Konzept zur stärkeren Vernetzung von Lehre und Forschung innerhalb der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät, insbesondere mit der Chemie, für den Standort Adlershof vorgelegt hat, die Evaluierungskommission der Auffassung war, dass die in Berlin vorhandene Ausbildungskapazität der Hauptstadtfunktion angemessen und im Wesentlichen zu erhalten sei und bei entsprechendem Willen auch die Möglichkeit einer kostengünstigen Anmietung von Laboratorien in Adlershof bestanden hätte.

 

In der Sondersitzung des Akademischen Senats der HU am 9. September 1997 wurde neben der Vorlage der Entwicklungs- und Planungskommission (5) von der studentischen Mitgliedergruppe eine Vorlage eingebracht, die den Erhalt der Pharmazie im Rahmen eines Instituts für Chemie und Pharmazie mit 13 plus 5 Professoren vorsah. Dieser Vorschlag, der die Streichung von zwei Professuren in der Chemie bedeutet hätte, traf in der Diskussion auf heftigen Widerstand der Vertreter der Physikalischen und Theoretischen Chemie und wurde schließlich mit knapper Mehrheit (6:7:6 Stimmen) abgelehnt. In der daran anschließenden, auf Antrag eines Mitglieds des Akademischen Senats geheim durchgeführten Abstimmung wurde dann mit 12:6:4 gegen ein Minderheitenvotum der studentischen Mitglieder des Akademischen Senats die Einstellung der Pharmazie beschlossen.

 

Der Versuch des Präsidenten der HU, möglichst schnell auch noch den formalen Beschluss zur Aufhebung des Studienganges Pharmazie zum Wintersemester 1997/98 durchzusetzen, wurde allerdings vom Akademischen Senat in seiner Sitzung am 14. Oktober abgelehnt. Er entsprach damit den von der Institutsleitung vorgetragenen Einwänden wegen inhaltlicher Mängel der Vorlage und der noch ausstehenden endgültigen Empfehlung des Wissenschaftsrates. Trotzdem wurden zum Sommersemester 1998 keine Pharmaziestudenten mehr an der HU immatrikuliert, obwohl die endgültige Einstellung des Studienganges Pharmazie durch die Zustimmung des Staatssekretärs für Wissenschaft, Forschung und Kultur auf Antrag des Präsidenten der HU erst mit Schreiben vom 29. Mai 1998 besiegelt wurde.

 

Nachdem es nach Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten gelungen war, eine Verlängerung des Mietvertrages bis Ende 2002 zu erreichen, konnten, bis auf wenige Nachzügler, für die eine Option an der FU gefunden wurde, die an der HU immatrikulierten Pharmaziestudenten im Rahmen des Vertrauensschutzes ihr Studium in Berlin-Weißensee größtenteils abschließen.

 

Die Versetzung der noch länger im Amt verbleibenden Professoren sowie eines Teils der wissenschaftlichen und technischen Mitarbeiter an das Institut für Pharmazie der FU erfolgte offiziell am 1. Oktober 2002. Bis zu diesem Tag wurde auch das Institut in Weißensee freigezogen, wobei der größte Teil der Geräte, Bücher und sonstigen Materialien an die FU umgesetzt wurde. Alle weiteren Mitarbeiter erhielten Arbeitsplätze in anderen Einrichtungen der HU oder gingen Arbeitsverträge außerhalb der Universität ein.

 

Es bleibt festzustellen, dass die dramatischen Haushaltsprobleme des Landes Berlin seit 1994 zu scharfen Verteilungskämpfen geführt haben. Dabei blieb schließlich aus rein fiskalischen Gründen die Pharmazie der HU auf der Strecke. Diese Entscheidung, die aus vielfältiger Sicht inhaltlich falsch, rechtlich problematisch und nicht zuletzt aufgrund der Art und Weise ihres Zustandekommens kritikwürdig ist, konnte trotz Ausschöpfung aller Möglichkeiten durch die Leitung des Instituts und vieler Mitstreiter im Ringen um vernünftige Strukturentscheidungen nicht verhindert werden.

 

Forschung 1950 bis 2002

 

Bald nach Eröffnung des Pharmazeutischen Instituts stellte das Ministerium für Volksbildung, Abteilung für Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen, Mittel für die Forschung 1950/51 zur Verfügung, unter anderem für Untersuchungen zur Analytik von Sulfonamiden, zum Vorkommen von Rutin beziehungsweise Polysacchariden und Pflanzenschleimen in Pflanzen auf dem Gebiet der DDR und zur Identifizierung und Charakterisierung von chlorierten Kresolen in Desinfektionsmitteln.

 

Am 7. April 1951 beantragte der Direktor des Instituts, Dr. Fritz Weiß, Mittel für Forschungsarbeiten für die nächsten Jahre, wobei bemerkenswert ist, dass er vorausschauend bereits das Gebiet der Galenik neben arzneimittelanalytischen Aufgaben berücksichtigte, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch kein Hochschullehrfach war. Folgerichtig wurde auch das Thema »Versuche zur Herstellung haltbarer Arzneimittel aus Drogen unter modernen Gesichtspunkten« formuliert und eine Zusammenarbeit mit dem Arzneimittelwerk Dresden konzipiert. Die weiteren Themen, die als Dissertationen bearbeitet wurden, waren dem Nachweis und Gehalts-/Wertbestimmungen von Drogen und Arzneistoffen gewidmet: Herzwirksame Glykoside, Mohn- und Mutterkornalkaloide, adrenalinhaltige Arzneimittel, Saponine in herzwirksamen Drogen, Polarografie von Vitamin A, biogene Amine in Mutterkorn, Schilddrüsenhormone, Drogen mit ätherischem Öl, Titration von Arzneistoffen in wasserfreien Lösungsmitteln.

 

Nach dem erfolgreichen Abschluss der ersten Dissertationen von 1955 bis 1957 konzentrierte sich die Forschung im Zeitraum bis 1970 auf die folgenden Themenkomplexe:

 

Untersuchungen zur Analytik und Biosynthese von Alkaloiden aus Papaver somniferum,

Untersuchung zur Analytik und Biosynthese von Mutterkornalkaloiden,

Untersuchungen über Kaffeesäurederivate, Flavonoide und Saponine von Sanicula europaea und Pflanzen der Saniculoideae sowie Hydrocotyle vulgaris,

Nachweis, Isolierung und Strukturaufklärung von Alkaloiden aus mehreren Arten der Gattung Papaver,

 

Untersuchungen zur Reaktion von heterocyclischen alpha-Carbinolaminen (Aldaminen) mit aliphatischen Diazoalkan- und Diazocarbonylverbindungen.

 

Anfang der 1960er-Jahre begann auch die systematische pharmazeutisch-technologische Forschung, die sich nach der Errichtung der Abteilung Galenik und Pharmazeutische Technologie mehr und mehr zu einem bedeutenden Teil des Forschungsprofils des Instituts entwickelte. Medizinische Erfordernisse bestimmten zunächst die Erarbeitung eines Verfahrens zur Herstellung von Füllmassen zur endocavitären Behandlung der Lungentuberkulose in Zusammenhang mit einer Lungenfachklinik.

 

In den Beschlüssen der III. Hochschulreform in der DDR wurde die Forderung erhoben, dass die Einrichtungen künftig etwa 60 Prozent ihres Forschungspotenzials mit Praxispartnern, insbesondere der Industrie, in Form von Verträgen zu binden hätten. Dies bedeutete eine weitgehende Einstellung der bisher vorwiegend betriebenen Naturstofforschung. Lediglich die Arbeitsgruppe Pharmazeutische Biologie führte ihre diesbezügliche Forschung zur Wahrung der Einheit von Lehre und Forschung fort, finanziert vom Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen.

 

Die Lehrstühle Pharmazeutische Chemie und Pharmazeutische Technologie vereinten die größten Teile ihres Forschungspotenzials ab 1969/70 auf einen Vertrag mit dem Arzneimittelwerk Dresden unter dem Titel »Biotransformation von Wirkstoffen und Arzneiform-Wirkungs-Beziehungen«. Vom Lehrstuhl Pharmazeutische Chemie und später vom Lehrstuhl Biopharmazie wurden darüber hinaus geringe Kapazitäten in Kooperation mit dem Deutschen Hydrierwerk Rodleben, mit Fahlberg-List Magdeburg und dem Sächsischen Serumwerk Dresden gebunden. Ferner nahm 1967/68 eine Arbeitsgruppe des Lehrstuhls Pharmazeutische Chemie Untersuchungen in Verbindung mit dem Arzneibuch der DDR zusammen mit dem Institut für Arzneimittelwesen der DDR auf, die später mit diesem vertraglich gebunden wurden. Die Errichtung des Lehrstuhls Arzneimittelkontrolle sowie die Dozenturen für Pharmazeutische Chemie und Organisation und Ökonomie des Arzneimittelwesens führte außerdem zur Etablierung weiterer Forschungsvorhaben, sodass zwischen 1970 und 1990 die folgenden Themenkomplexe von Arznei- und Wirkstoffen, einschließlich metabolischer Arzneistoff-Interaktionen, Untersuchungen zum Einfluss von Sonnenlicht auf die Biotransformation von Arzneistoffen in der Haut, zur Biotransformation in Mikroorganismen, tierischen Zellen und subzellulären Fraktionen, zu biomimetischen Oxygenierungen sowie zu Struktur-Biotransformations-Beziehungen und Mechanismen der Biotransformation bearbeitet wurden:

 

Einfluss von Arznei- und Wirkstoffen auf labordiagnostische Parameter

Elektrochemische und elektrokatalytische Synthesen zur Auffindung von Arzneistoffstrukturen

Beeinflussung der Arzneimittelwirkung durch makromolekulare Hilfsstoffe, insbesondere Arzneistoff-Hilfsstoff-Wechselwirkungen und ihre Auswirkungen auf biopharmazeutische Einflußgrößen und die Bioverfügbarkeit

Erarbeitung von Prinziplösungen zur Entwicklung von Depot-Formlingen

Isolierung und Strukturaufklärung von membranaktiven Saponinen und Flavonoiden aus Pflanzen der Asteraceae und Caryophyllaceae

Methoden zur Erfassung des Arzneimittelverbrauchs und zur Vorhersage des Arzneimittelbedarfs.

 

Nach der Emeritierung der Inhaber der Lehrstühle Arzneimittelkontrolle, Biopharmazie und Pharmazeutische Technologie in den Jahren 1987 bis 1991 setzten Schüler und Mitarbeiter die begonnene Forschung mit zum Teil weiterentwickelten Aufgabenstellungen zunächst fort, bis nach der deutschen Vereinigung für die oben genannten Lehrgebiete zwischen 1992 und 1994 C4- beziehungsweise C3-Professoren berufen wurden (siehe oben). Da zum Teil bereits früher im Institut wirkende Hochschullehrer Rufe erhielten, blieben Kontinuität und Forschungsdynamik neben neuen Aufgaben erhalten. Durch die zügige Verbesserung der Ausstattung mit moderner Analysentechnik und Datenverarbeitung ab 1990 und die nun mögliche Zusammenarbeit mit Instituten der alten Bundesländer und ausländischen Einrichtungen konnte die Forschung insgesamt rationeller und dynamischer gestaltet werden; ihre Finanzierung erfolgte zum Teil durch Drittmittel, die bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sowie der pharmazeutischen Industrie eingeworben wurden.

 

Zwischen 1990 und 2002 wurden die folgenden Themenkomplexe bearbeitet:

 

Biotransformation und Pharmakokinetik von Arznei- und Wirkstoffen, einschließlich Untersuchungen zu Mechanismen der Biotransformation, der Biotransformation in Zellkulturen und zu genetischen Polymorphismen von Biotransformationssystemen

biomimetische Oxidation mittels synthetischer Porphyrine

biopharmazeutische Untersuchungen mit der ESR-Spektroskopie und -Tomografie

Neu- und Weiterentwicklung analytischer Methoden (Schwerpunkt: Elektrochemie)

elektrochemische und elektrokatalytische Synthesen zur Auffindung neuer Arzneistoffstrukturen

Einfluss von Arzneistoffen auf labordiagnostische Parameter

Beeinflussung der Arzneimittelwirkung durch makromolekulare Hilfsstoffe, insbesondere Arzneistoff-Hilfsstoff-Wechselwirkungen und ihre Auswirkungen auf biopharmazeutische Einflussgrößen und die Bioverfügbarkeit

Isolierung und Strukturaufklärung von membranaktiven Saponinen sowie Flavonoiden aus Pflanzen der Asteraceae und Caryophyllaceae

Naturstoffpharmakologie

Arzneimittelverbrauchsanalyse, Pharmakoepidemiologie, Pharmaceutical Care.

 

Kurz gefasste Ergebnisübersichten siehe (3, 6).

 

Resümee

 

Die Spaltung Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg führte Ende 1949 zur Errichtung eines Pharmazeutischen Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin in Laboratorien einer Lackfabrik in Berlin-Weißensee, da das frühere Institut dieser Universität in Dahlem 1949 an die neu gegründete Freie Universität überführt wurde.

 

Mit der nach der deutschen Vereinigung getroffenen Entscheidung 1991, beide Ausbildungsstätten in Berlin zu erhalten, erhielt das Weißenseer Institut einen zusätzlichen Neubau sowie ein Verwaltungsgebäude neben einer modernen Ausstattung mit Analysentechnik und Datenverarbeitung und damit wesentlich verbesserte Arbeits- und Studienbedingungen. Trotz dieser positiven Entwicklung begann bereits 1994 ein unseres Erachtens in der Geschichte der deutschen Pharmazie einmaliges kritikwürdiges Vorgehen der Berliner Wissenschaftsverwaltung im Verein mit Vertretern der Universitätsleitung, um ein als Lehr- und Ausbildungsstätte anerkanntes Institut aus fragwürdigen fiskalischen Gründen loszuwerden. Durch Beschluss des Senats wurde schließlich nach mehrjährigem Ringen 1997 gegen eine Entscheidung des Berliner Verfassungsgerichtshofes die Immatrikulation von Pharmaziestudenten eingestellt und damit die Ausbildung von Apothekern an der Humboldt-Universität, der Nachfolgerin der 1810 gegründeten Friedich-Wilhelms-Universität, im Jahre 2002 beendet.

 

Rückblickend kann in Kürze festgestellt werden, dass trotz der in einem Provisorium eingeschränkten Arbeitsbedingungen zu Zeiten der DDR und der belastenden Ungewissheit über den Bestand des Instituts während der letzten zehn Jahre seines Bestehens von den Mitarbeitern des Instituts respektable Leistungen in Lehre und Forschung erzielt wurden.

 

Insgesamt verließen 1313 Absolventen (690 bis 1989; 623 von 1990 bis 2002), darunter 317 mit Diplom, das Institut.

 

Die Ergebnisse der Forschung sind bis 2007 in weit über 1100 Original- und Übersichtsartikeln (eine tabellarische Übersicht über die Verteilung auf die einzelnen Themenbereiche siehe (7)), in mehr als 70 in- und ausländischen Zeitschriften veröffentlicht; sie sind außerdem Gegenstand von 251 Promotionen (121 bis 1989; 130 von 1990 bis 2007) sowie 17 Habilitationen (12 bis 1989; 5 von 1990 bis 2002).

 

Auch als Buchautoren, Mitautoren und Mitherausgeber von Büchern, als Herausgeber und Chefredakteure von Fachzeitschriften, als Vorsitzende und Mitglieder von Präsidien und Vorständen mehrerer Fachgesellschaften sowie als Mitglieder nationaler und internationaler Kommissionen, Räten, Beiräten und dergleichen (3) haben Hochschullehrer und Mitarbeiter des Instituts zum Ansehen der Berliner und deutschen Pharmazie beigetragen.

 

Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die durch engagierte und zuverlässige Tätigkeit die erzielten Ergebnisse ermöglichten, gebührt an dieser Stelle Dank und Anerkennung.

Literatur

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Pfeifer, S., Fritz Weiß und die Pharmazie an der Humboldt-Universität zu Berlin, Pharm. Ztg. 139 (1994) 3213

Frömming, K.-H., 100 Jahre Pharmazeutisches Institut in Berlin-Dahlem 1902 bis 2002, Möller Druck und Verlag GmbH, Berlin 2002

Pfeifer, S., Borchert, H.-H.,  Broschüre 50 Jahre Pharmazie an der Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Pharmazie, Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät I, Berlin 2000

Godow, W., Die Entwicklung des Instituts für Pharmazie der Humboldt-Universität zu Berlin von 1990 bis 2000, Diplomarbeit, Berlin 2002

Vorlage der Entwicklungs- und Planungskommission der HU für die Sondersitzung des Akademischen Senats am 9. September 1997

Schaefer, M., Von der Pharmazeutischen Betreuung zu Consumer Health Care, Pharm. Ztg. 152 (2007) 224

Pfeifer, S., Borchert, H.-H., Pharmazie an der Humboldt-Universität zu Berlin 1950 bis 2002, in: Dilg, P., Engel, M., Pharmazie in
Berlin, Verlag für Wissenschafts- und Regionalgeschichte Dr. Michael Engel, S. 52, Berlin 2003

 

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