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Steinzeit und Askese

Trenddiäten unter der Lupe

09.11.2016
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Von Hannelore Gießen, München / Clean, vegan oder wie ein Steinzeitmensch zu essen, ist für viele Menschen Ausdruck ihres individuellen Lebensstils. Wie gesund die aktuellen Trenddiäten sind, wurde beim Update Ernährungsmedizin 2016 Ende Oktober in München diskutiert.

Menschen, die alle Lebensmittel essen, werden immer seltener. Immer mehr meiden bestimmte Lebensmittel oder Inhaltsstoffe wie Gluten, Lactose, Zusatzstoffe im Generellen oder Tierprodukte. In Deutschland leben etwa 7,8 Millionen Vegetarier (rund 10 Prozent der Bevölkerung). 

 

Etwa 1 Prozent der Deutschen verzichtet auf sämtliche Tierprodukte und ernährt sich somit vegan. Wird das Essen jedoch nicht sehr sorgfältig zusammengestellt, kann es bei Letzteren zu einem Mangel an den Vitaminen B12 und B2, an Calcium, Eisen und Zink sowie Omega-3-Fettsäuren kommen, erklärte der wissenschaft­liche Leiter der Tagung, Professor Dr. Hans Hauner von der Technischen Universität München. Vegetarisch sei gut, vegan aufgrund der drohenden Defizite oft problematisch.

 

Eine Art Gegenentwurf zum Veganismus verfolgen Vertreter einer Steinzeit­ernährung, die sehr viel Anhänger gefunden hat. Bei einer Google-Suche rangiert aktuell die Paleodiät bei allen Diät- und Ernährungsschlagwörtern an erster Stelle. Steinzeitkost enthält Gemüse und Früchte, Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Eier, Nüsse und Honig. Paleoanhänger verzichten jedoch auf Getreide, Hülsenfrüchte und Milchprodukte, da diese Nahrungsmittel vor dem Neolithikum nicht verfügbar waren und unser Körper der These nach nicht an sie angepasst ist. Allerdings ist nicht klar, was in der Steinzeit tatsächlich verzehrt wurde, machte der Referent deutlich. Stärkereiche Wurzeln, die in der Paleodiät nicht vorkommen, könnten laut neuerer Studien sehr wohl dazugehört haben.

 

»Die Ernährung in der Steinzeit war aufgrund der stark schwankenden Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln ex­trem heterogen, ganz sicher jedoch anders als die heute propagierte Steinzeitdiät«, gab Hauner zu bedenken. Der oft sehr hohe Proteinanteil ist aus ernährungsmedizinischer Sicht kritisch zu sehen. Orientiert man sich stark an der Paleodiät, isst man mitunter schon an einem Tag so viel Eiweiß, wie für eine ganz Woche empfohlen wird. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt für Erwachsene eine Proteinzufuhr von etwa 0,8 g pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag, was etwa 50 bis 60 g Eiweiß täglich entspricht.

 

Essen wie in der Steinzeit

 

Der geringe Anteil an Kohlenhydraten könnte sich jedoch günstig auf Zivilisationskrankheiten, wie das metabolische Syndrom, auswirken. Hauner zitierte dazu eine im vergangenem Jahr im »American Journal of Clinical Nutrition« publizierte Metaanalyse von vier randomisierten, kontrollierten Studien mit insgesamt 159 Probanden (DOI: 10.3945/ajcn.115.113613). Es wurde untersucht, inwieweit sich das metabolische Syndrom unter einer Paleodiät im Vergleich zu einer den aktuellen Leitlinien entsprechenden Ernährung innerhalb von sechs Monaten ändert. Dabei zeigten sich bei Triglyzeriden, Nüchternblutzucker, systolischem und dia­stolischem Blutdruck sowie beim Taillenumfang stärkere Verbesserungen in der Paleogruppe als in der Kontrollgruppe. »Längerfristige Effekte wurden jedoch nicht untersucht«, monierte Hauner.

 

Im Trend liegt auch ein intermittierendes Fasten, bei dem ständig in einem bestimmten Rhythmus zwischen Zeiten der Nahrungsaufnahme und des Verzichts gewechselt wird. Für den Rhythmus gibt es unterschiedliche Modelle. So können ein bis zwei Fastentage pro Woche mit einer hypo- bis isokalorischen Ernährung an den anderen Tagen kombiniert werden, oder es wird nur jeden zweiten Tag etwas gegessen. Bei der 8/16-Variante folgt einer sechzehnstündigen Nahrungskarenz eine achtstündige Phase, während der gegessen wird.

 

In verschiedenen Tiermodellen führte das intermittierende Fasten bei den so ernährten Tieren – im Vergleich zu einer konventionellen Ernährung – zu einer höheren Lebenserwartung und zu einer geringeren Rate an Herz­infarkt und Schlaganfall. Außerdem schwächt diese Ernährungsform die Schäden ab, die nach einem Myokardinfarkt im Herz entstehen, wie beispielsweise eine Studie mit Ratten zeigte (DOI: 10.1016/j.jnutbio.2009.01. 020). Daten für einen Effekt von intermittierendem Fasten bei Menschen gibt es weniger.

 

Fasten wird mystifiziert

Ernährungsmedizinische Bedenken gebe es gegen diese Ernährungsform nicht, doch werde das Fasten derzeit mystifiziert, lautete Hauners Fazit. Meist würden solche Interventionen auch nur eine begrenzte Zeit verfolgt. Doch nicht kurzfristige Diäten wirken langfristig günstig auf Körpergewicht und Gesundheit, sondern allein eine dauerhafte Umstellung der Ernährung.

 

Mitunter hätte sich manche Trenddiät als »alter Wein in neuen Schläuchen« entpuppt, erläuterte Hauner. So bedeute zum Beispiel »Clean Eating«, nur Lebensmittel zu verwenden, die weder Konservierungs-, Farb- oder Füllstoffe, noch Auszugsmehl enthalten und denen auch kein Zucker oder Süßstoff zugesetzt wurde. Im Idealfall wird alles selbst hergestellt, ein Ernährungsprinzip, an dem sich viele orientieren, ohne dass dafür bisher ein spezieller Begriff existierte.

 

Ernährungsweise stiftet Identität

 

»Über das Essen wird heute die soziale und kulturelle Identität abgeleitet«, sagte Professor Dr. Christoph Klotter, Ernährungspsychologe an der Universität Fulda. Das Essen sei heute in hohem Maße individualisiert und repräsentiere die prägende gesellschaftliche Strömung der westlichen Welt. Klotter geht sogar noch weiter: »Der schwindende Einfluss von Religion habe zudem den Boden dafür bereitet, vom eigenen Körper Erlösung zu erwarten.«

 

Das Essen habe dabei einen moralisierenden Charakter entwickelt: Veganer fühlen sich moralisch besser als Vegetarier, Vegetarier fühlen sich moralisch besser als Fleischesser, Käufer von Bioprodukten besser als Käufer konventioneller Lebensmittel. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wie den Veganern schaffe ein Zugehörigkeitsgefühl und biete gleichzeitig der eigenen Individualität Raum, erklärte der Ernährungspsychologe.

 

Diese Entwicklung war nur möglich, weil heute das Angebot an Nahrungsmitteln unübersichtlich groß geworden ist. Erst diese Auswahlmöglichkeit lasse auch in der Breite so verschiedene Ernährungsmoden zu. Damit habe sich auch die soziale Abgrenzung verändert, machte Klotter deutlich: »Wenn alle sich ein üppiges Essen leisten können, ist das kein Luxus mehr.« Soziale Abgrenzung drücke sich heute in schlank, stark und clean aus. Deshalb sind Produkte beliebt, die frei von irgendetwas sind, etwa frei von Lactose oder Gluten. Oder biologisch-dynamisch, fair und regional. Sie sind eine moderne Form von Askese und bewahren die europä­ische Tradition der Mäßigung. Der Gedanke des Verzichts habe die gesamte Geschichte des Abendlands geprägt, erläuterte der Psychologe. Clean sei dessen aktuelle Variante. /

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