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Märchenstunde

09.11.2016
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Märchenstunde

»Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten.« Das Zitat stammt von dem Spiegel-Kolumnisten Sascha Lobo. Erkennbar falsche Behauptungen sind heute allgegenwärtig. Natürlich hat es die schon immer gegeben. Neu ist, dass sich kaum noch jemand daran stört. Für das Phänomen gibt es den Begriff »post­faktisch«. Märchenstunde passt aber auch.

 

Ein Beispiel dafür findet man derzeit auf den Wirtschaftsseiten überregionaler Zeitungen. Mit Verzicht auf Fakten beschreiben dort die Autoren das Szenario der übermächtigen Apothekerlobby, der Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zwanghaft Gutes tun will. Mit der Realität hat das nichts zu tun. Macht aber auch nichts, so lange es sich gut liest. Tatsächlich hat der Gesundheitsminister in den ersten drei Jahren der Legislaturperiode die Apotheker eher verärgert. Vor allem die mangelnde Berücksichtigung beim Medikationsplan als einem der zentralen Bausteine des Perspektivpapiers hat viele Apotheker frustriert.

 

Weitgehend faktenfrei ist auch die von verschiedenen Politikern verbreitete Einschätzung, für die Menschen in ländlichen Gebieten sei der Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln sehr wichtig. Auch hier sprechen die Fakten dagegen: Rx-Versand ist in Deutschland seit 2004 erlaubt. Er spielt aber in der Praxis kaum eine Rolle. Sein Marktanteil lag vor einigen Jahren mal bei 4,5 Prozent. In den vergangenen Jahren war er rückläufig, aktuell liegt er bei 1 bis 2 Prozent.

 

Falsch ist auch die Annahme, vor allem chronisch Kranke profitierten vom Versandhandel. Im Gegenteil: Mehrere Patientenorganisationen ­haben sich in den vergangenen Wochen für ein Rx-Versandverbot ausgesprochen.Die flächendeckende Versorgung ist für sie offenbar wichtiger ist als der Rabatt auf ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel. Viele chronisch Kranke schätzen den Wert einer nahegelegener Apotheke mit fachkundigem Personal deutlich höher ein als einen geringen Preisvorteil.

 

Ebenfalls faktenfrei ist die Behauptung, die Apothekendichte in Deutschland sei höher als in den meisten anderen EU-Staaten. Als vermeintlichen Beweis dafür werden die beiden Schlusslichter in Europa angeführt, nämlich Dänemark mit sechs Apotheken pro 100 000 Einwohnern und die Niederlande mit zwölf. In der Regel bleibt dabei unerwähnt, dass der EU-Durchschnitt bei 31 Apotheken pro 100 000 Einwohnern liegt und Deutschland mit 25 darunter bleibt. Mit Zahlen lässt sich viel vernebeln, auch die Realität.

 

Daniel Rücker 

Chefredakteur 

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