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Ohne geht’s nicht

08.11.2011  16:39 Uhr

Arzneimittelabhängigkeit hat inzwischen ein größeres Ausmaß als die Alkoholsucht angenommen. Während bundesweit circa 1,3 Millionen Menschen zur Flasche greifen, können schätzungsweise 1,5 Millionen nicht mehr ohne Medikamente. Die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher sein. Knapp 5 Prozent aller häufig verordneten Arzneimittel besitzen ein Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. Bemerkenswert: Taucht eines dieser Medikamente auf einer Verordnung auf, kann man davon ausgehen, dass nur jeder Dritte es zur akuten Behandlung von Erkrankungen verschrieben bekommen hat. Der Rest nimmt es zur Suchterhaltung und Vermeidung von Entzugssymptomen ein.

 

Ein gemeinsames Symposium von ABDA, ADAC und dem Deutschen Olympischen Sportbund hat sich mit dem Thema Arzneimittelmissbrauch befasst (lesen Sie dazu Arzneimittel: Gemeinsam gegen Missbrauch). Die Tatsache, dass viele überregionale Tageszeitungen und auch das »ZDF heute journal« über die Veranstaltung berichtet haben, belegt die gesellschaftliche Bedeutung der Tablettensucht.

 

Wie kommt es überhaupt dazu? Aufseiten der Patienten spielen sowohl psychische als auch soziale Faktoren bei der Entwicklung einer Arzneimittelabhängigkeit eine Rolle. Mit Sicherheit muss auch das Verschreibungsverhalten von Ärzten einmal kritisch hinterfragt werden. Die 4K-Regel, also klare Indikation, kleinste notwendige Dosis, kurze Anwendung und kein abruptes Absetzen, scheint nicht in allen Praxen bekannt zu sein. Und nicht zuletzt trägt die Werbung zu dem Dilemma bei. Suggestive Werbemethoden beeinflussen das Einnahmeverhalten der Patienten sowie das Verschreibungsverhalten von Ärzten. Ein erleichterter Zugang zu Arzneimitteln, zum Beispiel über das Internet, wirkt als zusätzlicher Brandbeschleuniger.

 

Als Apotheker sind wir nicht nur laut Apothekenbetriebsordnung verpflichtet, einem erkennbaren Arzneimittelmissbrauch in geeigneter Weise entgegenzutreten. Wir haben auch den notwendigen Sachverstand und mit täglich insgesamt etwa vier Millionen Kundenkontakten in den öffentlichen Apotheken ausreichend Zugang zur Bevölkerung. Erkannt hat das auch die Politik. Auf der Website der Drogenbeauftragten der Bundesregierung steht zum Thema Medikamentenabhängigkeit geschrieben: »Großes Engagement ist ebenfalls von Apothekerinnen und Apothekern bei der Beratung zur Medikamenteneinnahme notwendig.« Selbstverständlich können sich Politiker und Patienten darauf verlassen, dass das pharmazeutische Personal diese Aufgabe sehr ernst nimmt. Im Gegenzug sollte aber die Politik auch mal mit Verlässlichkeit glänzen und der heilberuflichen Verantwortung Vorrang vor kommerziellen und bürokratischen Interessen einzuräumen. Ohne das geht’s nicht.

 

Sven Siebenand

Stellvertretender Chefredakteur

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