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Psychologie

Einsamkeit macht krank

08.11.2011  15:18 Uhr
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Von Annette Mende / Menschen, die sich allein fühlen, schlafen schlechter als Menschen mit engen Sozialkontakten. Das hat eine aktuelle Studie ergeben. Doch Einsamkeit beeinträchtigt nicht nur die Schlafqualität. Sie stellt generell ein Gesundheitsrisiko dar.

Zusammen ist man weniger allein: Dieser Titel eines französischen Liebes­romans und gleichnamigen Films gibt eine Erfahrung wieder, die wohl jeder schon einmal gemacht hat. Der Mensch als soziales Wesen ist auf den Kontakt zu anderen angewiesen, um sich wohl zu fühlen. Empfindet er sich als isoliert, leidet sowohl die seelische als auch die körperliche Gesundheit. Einsamkeit erhöht daher sowohl die Krankheitshäufigkeit (Morbidität) als auch die Sterblichkeit (Mortalität), wie in der jüngsten Vergangenheit die Ergebnisse mehrerer Studien gezeigt haben.

Welche gesundheitlichen Folgen Einsamkeit hat und wie diese zu erklären sind, fassten Forscher um Dr. John T. Cacioppo aus Chicago 2010 in den »Annals of Behavioural Medicine« zusammen (doi: 10.1007/s12160-010-9210-8). Darin stellten sie zunächst fest, dass Einsamkeit ein weitverbreitetes Gefühl ist: Vier von fünf Unter-18-Jährigen und 40 Prozent der Über-65-Jährigen fühlen sich zumindest manchmal allein. Die Häufigkeit nimmt während des mittleren Lebensabschnitts gradweise ab und steigt im höheren Alter wieder an. 15 bis 30 Prozent der Bevölkerung gelten als chronisch einsam.

 

Gefühlte Isolation

 

Einsamkeit ist dabei nicht gleichzusetzen mit sozialer Isolation. Sie ist vielmehr definiert als das Gefühl, sozial isoliert zu sein. Cacioppo und Kollegen beschreiben Einsamkeit als das soziale Äquivalent zu physischem Schmerz, Hunger und Durst. Wie diese Empfindungen löst auch das Gefühl des Alleinseins beim Betroffenen Handlungen aus, die darauf ausgerichtet sind, den unangenehmen Zustand zu beenden. Im preisgekrönten Essay »An epidemic of loneliness« beschrieb die britische Ärztin Ishani Kar-Purkayastha einen solchen Fall im medizinischen Fachblatt »The Lancet« (doi: 10.1016/S0140-6736(10)62190-3). Sie berichtete von einer alten Dame, die kurz vor Weihnachten alles daran setzt, trotz bester Gesundheit nicht aus der Klinik entlassen zu werden, weil sie zu Hause die Einsamkeit fürchtet.

 

Sich allein zu fühlen, erhöht das Stresslevel und somit auch das Risiko für stressbedingte Erkrankungen. In einer früheren Untersuchung konnten Cacioppo und Kollegen zeigen, dass Menschen, die sich beim Zubettgehen einsam fühlten, am nächsten Morgen erhöhte Cortisolspiegel hatten. Womöglich ist das auch ein Grund dafür, dass Einsamkeit den Blutdruck steigen lässt und das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen erhöht.

 

Es ist naheliegend, dass sich Einsamkeit auch auf die seelische und geistige Gesundheit negativ auswirkt. Bemerkenswert ist jedoch die Fülle der emo­tionalen und kognitiven Prozesse, die offenbar ihrem Einfluss unterliegen. So wurde Einsamkeit laut Cacioppo nicht nur mit einem erhöhten Suizidrisiko in Verbindung gebracht, sondern auch mit Persönlichkeitsstörungen und Psychosen sowie nachlassender Kognition und Alzheimer-Demenz.

 

All dies erklärt, warum Einsame ein höheres Sterberisiko haben als Menschen, die sich sozial eingebunden fühlen. Wie stark sich das Gefühl des Alleinseins auf die Mortalität auswirkt, quantifizierten Forscher um Julianne Holt-Lunstad von der US-amerikanischen Brigham Young University 2010 in einer Metaanalyse in »Plos Medicine« (doi: 10.1371/journal.pmed.1000316). Darin zeigte sich, dass Einsamkeit in Bezug auf die Gesamtmortalität in etwa so schädlich ist wie Rauchen oder Fettsucht. Der Einfluss der Einsamkeit ist also demjenigen von anerkannten Risikofaktoren durchaus vergleichbar.

 

Gestörte Nachtruhe

 

Ein Grund dafür, dass Einsamkeit erwiesenermaßen der Gesundheit schadet, ist, dass Einsame schlecht schlafen. Das haben jetzt Dr. Lianne Kurina und Kollegen von der Universität in Chicago erneut in einer Untersuchung festgestellt (doi: 10.5665/sleep.1390). Wie die Schlafforscher in »Sleep« schreiben, schlafen Einsame zwar nicht kürzer als Menschen, die sich nicht einsam fühlen. Sie werden aber nachts häufiger wach und erholen sich daher im Schlaf schlechter.

 

Das Team von Kurina machte seine Beobachtung in einer Studie mit 95 Hutterern, die als Angehörige einer streng religiösen Gemeinde in South Dakota leben. Ähnlich den Amischen haben die Hutterer ein ausgeprägtes Gemeinwesen. Sie arbeiten, essen und beten zusammen. Dennoch variiert auch bei ihnen, wie sehr sie sich der Gemeinschaft zugehörig fühlen. Das wiederum wirkte sich auf die Schlafqualität aus: Je einsamer sich die Studienteilnehmer selbst im Gespräch mit den Untersuchern eingeschätzt hatten, desto schlechter schliefen sie.

 

Die empfundene Isolation zu durchbrechen und einsame Menschen verstärkt sozial einzubinden, verbessert also ihre Gesundheit. Abgesehen von diesem individuellen Nutzen hat die Integration Einsamer aber auch einen Mehrwert für die Gesellschaft als Ganzes. Es nützt allen, wenn sich weniger Einzelne allein fühlen. Denn das Gefühl allein zu sein, kann sich von einer Person auf andere übertragen. Man kann sich also mit Einsamkeit anstecken wie mit einer Erkältung. Dieses Phänomen beschrieb ebenfalls ein Team um Dr. John T. Cacioppo Ende 2009 im »Journal of Personality and Social Psychology« (doi: 10.1037/a0016076).

 

Ansteckungsgefahr

 

Die Forscher analysierten die Daten von mehr als 5000 Teilnehmern der Framingham-Herzstudie, einer der wichtigsten epidemiologischen Studien in den USA. Sie stellten eine Beziehung her zwischen der Anzahl enger Freunde, die ein Teilnehmer benannte, und der Häufigkeit von Einsamkeits­episoden des Betreffenden.

 

Dabei stellten sie fest, dass einsame Menschen ihre Bezugspersonen mit ihrer Einsamkeit ansteckten, sodass auch diese zunehmend ihre eigenen Sozialkontakte verloren. Um die Weiterverbreitung von Einsamkeit zu verhindern, müssten demnach vor allem Anstrengungen unternommen werden, um Menschen am Rand der Gesellschaft besser zu integrieren, folgerten die Psychologen. / 

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