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Treuhand-Dialog

Gegen den Markt wachsen

03.11.2009
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PZ / Viele Prognosen sagen ein weiteres Wachstum des Pharmamarktes voraus. Dennoch wird es für Apotheker schwieriger, ihre Erträge zu halten. Der Ausweg: besser sein als andere und gegen den Trend wachsen. Wie das gehen kann, erfuhren Apotheker beim Treuhand-Dialog in Hannover.

Mehr als 80 Apothekerinnen und Apotheker waren am vorletzten Oktoberwochenende nach Hannover gekommen, um Antworten auf die Frage zu erhalten »Wie werde ich zu einer lokalen Apothekenmarke?« Der Treuhand-Verband Deutscher Apotheker hatte die Pharmazeuten eingeladen, in ungezwungener Workshop-Diskussion neue Mittel und Wege der Kundenansprache und Kundenbindung zu finden.

 

Die Beteiligung an den Workshops war rege. »Auch wenn man glaubt, man sei in allem fit, nimmt man doch immer wieder etwas mit«, bekannte Apotheker Hans-Günter Lund aus Leck in Nordfriesland. Gerd Welge, Vorstandsmitglied der Bremer Apothekerkammer, war angereist, weil er Rat suchenden Kollegen mit Zukunftskonzepten besser zur Seite stehen wolle. Die Zukunft werde für Deutschlands Apotheker auf jeden Fall »anstrengend«, sagte Dr. Frank Diener von der Geschäftsleitung der Treuhand-Steuerberatungsgesellschaft vorher. Er zitierte eine Prognose von IMS Health für den Pharmamarkt Deutschland für die nächsten vier Jahre. Danach wachse der Gesamtmarkt bis 2013 mit jährlichen Raten zwischen 2,3 und 3,6 Prozent.

 

Umsatz steigt, Ertrag sinkt

 

Für eine typische Apotheke der häufigsten Umsatzgrößenklasse bringe dieses Wachstum eine Steigerung des Nettoumsatzes von 1,27 Millionen Euro 2009 auf 1,44 Millionen Euro im Jahr 2013. In dieser Zeitspanne werde sich der Rohgewinn von 332 000 Euro auf 365 000 Euro erhöhen. Bei einem angenommenen Rohgewinnsatz-Rückgang von jährlich 0,2 Prozent würde jedoch das Betriebsergebnis der typischen Apotheke, also der Gewinn vor Einkommensteuer, in den Jahren bis 2013 unter die Marke von 70 000 Euro sinken – vorausgesetzt, die Gesamtkosten bleiben auf dem Niveau des Jahres 2009 (20,5 Prozent vom Nettoumsatz) und die Politik vollzieht keine größeren pharmapolitischen Eingriffe.

 

Der Blick in die nähere Zukunft ergibt ein ähnliches Bild wie die Entwicklung der vergangenen acht Monate des laufenden Jahres. In seiner Zwischenbilanz für 2009 stellte Frank Diener fest, dass der Gesamtumsatz der typischen Apotheke in diesem Zeitraum um 2,1 Prozent gewachsen sei. Aufgrund der Verteuerung des Wareneinsatzes liege der Rohgewinn wie im Vorjahr unverändert bei 26,1 Prozent. Damit gerate die betriebswirtschaftliche Manövriermasse, aus der unter anderem die steigenden Lohnkosten zu bestreiten sind, unter Druck. In den ersten acht Monaten seien die absoluten Personalkosten um neun Prozent gestiegen, sagte Diener, und die nächste Tarifanpassung für 2010 sei schon vereinbart. Die typische deutsche Apotheke werde nach einer Stagnation im Jahr 2008 ein rückläufiges Betriebsergebnis im auslaufenden Jahr hinnehmen müssen. Dieners Prognosezahlen basieren auf einem unveränderten Krankenkassenabschlag. Über die tatsächliche Höhe dieses Abschlages wurde zum Zeitpunkt des Dialoges vor der Schiedsstelle immer noch verhandelt.

 

Wenn die Luft dünner wird, schließt man sich zusammen. Guido Michels, Ökonom der Treuhand Hannover, referierte, dass inzwischen drei Viertel aller deutschen Apotheker Mitglied in einer Einkaufs- und Marketingkooperation sind. Bundesweit seien 37 Kooperationen tätig, dazu kommen zahlreiche regionale Zusammenschlüsse. Nach dem höchstrichterlichen Segen aus Brüssel für das Fremdbesitzverbot sind Kooperationen die einzige legale Möglichkeit, eine größere Anzahl von Apotheken unter einem Dach zusammenzufassen und kettenähnliche Konzepte zu realisieren.

 

Der Markt ist nach Angaben Michels inzwischen gesättigt und die Mitgliederzahlen der Kooperationen stagnieren. Indessen seien finanzielle Vorteile und wachsender Umsatz durch die Bündelung von Einkauf und Marketing nicht automatisch garantiert.

 

Michels geht davon aus, dass die Wahl der falschen Kooperation teuer werden kann. Das Eintrittsgeld und die Monatsgebühren seien ebenso unterschiedlich wie die Gegenleistungen der Kooperationen, was eine genaue Analyse des bindungswilligen Apothekers erfordere. Michels ist der Meinung, dass sich Kooperationen dauerhaft im Markt etabliert haben. Neue lokale Zusammenschlüsse hätten auch zukünftig Chancen, wenn sie ihren Mitgliedern maßgeschneiderte Leistungen bieten können.

 

Konzentration durch Filialisierung

 

Seit Pharmazeuten neben der Stammapotheke bis zu drei Filialapotheken betreiben dürfen, gibt die Branche »innere« Wachstumspotenziale her. Obwohl die Zahl der Apothekeninhaber sinkt (von 20 760 im Jahr 2004 auf 18 509 im ersten Halbjahr 2009), bleibt die Zahl der Betriebsstätten annähernd konstant, denn die ausscheidenden Apotheker verkaufen an Kollegen, die Filialen eröffnen möchten.

 

Seit 2004 sind knapp 3100 Filialapotheken entstanden. 87 Prozent aller Haupt-apotheken werden noch ohne Filiale betrieben; zehn Prozent mit einer Filiale; 2,3 Prozent mit zwei Filialen und 0,6 Prozent mit drei Filialen. Die Ökonomen der Treuhand Hannover haben als Motive für die Filialisierung Konkurrenzabwehr, Standortsicherung, Ertragssteigerung und Zukunftssicherung ausgemacht.

 

Die Botschaft des Treuhand-Dialoges von Hannover war, dass es für den einzelnen Apotheker möglich ist, sich durch Weitsicht und kluge Initiative von äußeren Einflussfaktoren des Marktes und der Politik abzukoppeln. Frank Diener sagte zum Abschluss seines Vortrages: »Gegen den Markt zu wachsen, das geht – aber es ist sehr anstrengend!« /

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