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Medizintechnik

Aus für Starstecher und Steinschneider

03.11.2008  11:08 Uhr

Medizintechnik

Aus für Starstecher und Steinschneider

Von Brigitte M. Gensthaler, Ingolstadt

 

Beim Stichwort Medizintechnik denken manche an kalte Apparatemedizin, andere an bedeutende therapeutische Fortschritte. Nach dem Besuch der neuen Dauerausstellung des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt wird klar: Moderne Technik kann die Lebensqualität des Patienten deutlich verbessern.

 

»Die Historie der Medizintechnik ist auch eine Geschichte der Schonung des Patienten«, sagte Professor Dr. Dr. Christa Habrich, die dem Museum in der Alten Anatomie bis vor Kurzem als Direktorin vorstand. Gemeinsam mit ihrer Nachfolgerin, Privatdozentin Dr. Marion Maria Ruisinger, eröffnete sie Ende September die neue Dauerausstellung.

 

Das Beispiel der Kataraktoperation, die heute die weltweit häufigste Operation überhaupt ist, zeigt den Fortschritt besonders deutlich. Die früheren Starstecher stießen dem bedauernswerten Patienten ohne Betäubung mit einer Nadel ins Auge, um die getrübte Linse zu entfernen. Abgesehen von Angst und Schmerzen, die der Patient aushalten musste, war die Infektionsgefahr groß und der langfristige Erfolg unsicher. Einem ungewissen Nutzen stand mithin ein hohes Risiko gegenüber. Dies hat sich dank moderner Techniken grundlegend verändert. Heute erfolgt eine Kataraktoperation in der Regel ambulant und ist schmerzfrei. Auch die Prozedur des »Steinschneidens« zur Entfernung von Nieren- und Blasensteinen war ohne moderne Apparaturen, Anästhesie und Desinfektion riskant und qualvoll.

 

Stoßwellen und Laserlicht: Dies sind die Kernelemente der Ausstellung »Medizintechnik«. Erstmals werden hochwertige Objekte aus der umfangreichen Techniksammlung des Deutschen Medizinhistorischen Museums gezeigt. Es sind Innovationen aus der Stoßwellen- und Lasertechnik im Zeitraum zwischen etwa 1950 und 2000.

 

Die Ausstellung ist nicht im Museum direkt, sondern in einem separaten Raum am Ende des Arzneipflanzengartens zu sehen. Alle modernen Instrumente und Apparate werden im Zusammenhang mit ihrer historischen Entwicklung gezeigt, die in den Anfängen teilweise bis zu Hippokrates zurückreicht.

 

So wird beispielsweise der Bogen gespannt von den Originalinstrumenten der Steinschneider bis zum ersten Nierensteinzertrümmerer HM1, der die Patienten nicht-invasiv von ihrer steinigen Last befreite. Heute ist der wuchtige Apparat mit der wassergefüllten Wanne, in der der Patient während der Behandlung lag, selbst schon Historie.

 

Eine Vitrine mit alten ophthalmologischen Instrumenten zeigt frühere Methoden der Augenheilkunde. Nur wenige Schritte weiter findet der Besucher Schautafeln zur »Lichtverstärkung durch stimulierte Emission von Strahlung«, besser bekannt als Laserlicht. Er sieht Rubin-, CO2- und Nd:YAG-Laser und kann sich über deren Anwendung informieren.

 

»Wir haben die Physik der neuen Techniken und ihre medizinischen Möglichkeiten zusammengeführt und besucherfreundlich vermittelt«, erklärt Habrich beim ersten Rundgang. Dazu wurde ein ganz neues Präsentationskonzept erarbeitet. Der Besucher kann sich die physikalischen Prinzipien von Stoßwellen und Laserlicht nicht nur erklären lassen, sondern an einer experimentellen Station auch einen Laserstrahl erzeugen oder mit dem Endoskop virtuell durch den Magen-Darm-Trakt fahren. Historisches Filmmaterial zur medizinischen Anwendung der Techniken verdeutlicht den Fortschritt.

 

Krankengeschichten, dezent hinter Klappen verborgen, rücken den Menschen wieder in den Mittelpunkt. Denn: Medizintechnik ist weder mit einem Triumph der modernen Medizin noch mit abweisender Apparatemedizin gleichzusetzen, sagt Habrich. »Medizintechnik dient dem Patienten.«

Deutsches Medizinhistorisches Museum

Anatomiestraße 18-20

85049 Ingolstadt

Telefon 0841 3052860

www.dmm-ingolstadt.de

 

Öffnungszeiten:

täglich (außer Montag)

10-12 und 14-17 Uhr

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