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Diabetische Neuropathie

Reine Nervensache

06.11.2007  12:15 Uhr

Diabetische Neuropathie

Reine Nervensache

Von Sven Siebenand, Berlin

 

Kribbeln, Brennen, Stechen: Die Schmerzen der diabetischen Neuropathie senken die Lebensqualität der Betroffenen deutlich. Mittel der ersten Wahl zur Schmerztherapie sind  keine klassischen Analgetika, sondern bestimmte Antidepressiva und Antiepileptika.

 

»Rund jeder vierte Diabetiker entwickelt eine schmerzhafte Neuropathie«, informierte Privatdozent Dr. Rainer Freynhagen von der Universitätsklinik Düsseldorf auf der Herbsttagung für Praktische Diabetologie der Deutschen Diabetes-Gesellschaft Ende Oktober in Berlin. Die Ursachen dieser Nervenschädigungen sind bislang nicht vollständig geklärt. Sicher ist aber, dass ein schlecht eingestellter Diabetes mit hohen Blutzuckerwerten Nervenschäden begünstigt.

 

Es lassen sich zwei Hauptformen unterscheiden: die autonome und die periphere Neuropathie. Bei Ersterer ist das vegetative Nervensystem betroffen. Die Folge können Schäden in fast jedem Organ sein. Die Beschwerden sind daher sehr vielfältig. Im Gegensatz dazu ist bei der peripheren Neuropathie das willkürliche Nervensystem geschädigt. Betroffen sind vor allem die Nerven, die Füße und Beine kontrollieren, teilweise aber auch jene, die Hände und Arme beeinflussen. Im Anfangsstadium berichten Patienten häufig, dass die Bettdecke heiß und schmerzhaft auf den Füßen liegt. Sie klagen über Kribbeln und Taubheitsgefühl sowie über brennende und stechende Schmerzen, die vor allem in Ruhephasen beziehungsweise nachts auftreten. Im Laufe der Zeit führen die Schmerzen dazu, dass die Lebensqualität der Betroffenen deutlich herabgesetzt ist. »Es gibt in Deutschland ein Recht auf Schmerztherapie«, betonte Freynhagen in diesem Zusammenhang.

 

α-Liponsäure ist wirksam

 

Wie diese aussehen könnte, erklärte Professor Dr. Dan Ziegler vom Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf. Das A und O der Therapie ist demnach ein langfristig gut eingestellter Blutzucker. Bei den pathogenetisch begründbaren Ansätzen steht im klinischen Alltag nur die antioxidative Therapie mit α-Liponsäure (Thioctsäure) zur Verfügung.

 

Die dreiwöchige Therapie mit α-Liponsäure-Infusionen (600mg/d mit Pausen an den Wochenenden) verbessere eindeutig die Kardinalsymptome. Die SYDNEY (Symptomatic Diabetic Neuropathy)-2-Studie konnte zeigen, dass auch die sechswöchige orale Therapie mit 600-1800 mg α-Liponsäure effektiv ist. Aufgrund dieser Evidenz hält Ziegler es für falsch, dass die Krankenkassen die Therapie mit dem Antioxidans nicht mehr erstatten.

 

Mittel wirken nicht sofort

 

Für die Schmerztherapie favorisiert der Mediziner den Calciumkanal-Modulator Pregabalin und den Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin. »Typ-2-Diabetiker sind keine Kandidaten für trizyklische Antidepressiva«, ergänzte Ziegler. Grund seien die möglichen kardiovaskulären Nebenwirkungen dieser Stoffklasse.

 

Duloxetin oder Pregabalin? Ziegler sieht keine wesentlichen Unterschiede in der Wirksamkeit der beiden Substanzen. Die Auswahl müsse patientenindividuell erfolgen. Ein Patient mit diabetischer Neuropathie, der zusätzlich an Depressionen leidet, fahre möglicherweise besser mit Duloxetin. Für einen Patient, der viele weitere Medikamente einnimmt, komme wegen des geringeren Wechselwirkungspotenzials eher Pregabalin infrage. Wichtig für die Beratung: Erst nach zwei bis vier Wochen mit ausreichender Dosierung kann man eine Aussage machen, ob die Behandlung mit den eingesetzten Mitteln wirksam ist oder nicht, so Ziegler.

 

Vor Kurzem veröffentlichte Ergebnisse einer Analyse mehrerer Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit von Pregabalin bei mehr als 1300 Diabetikern mit schmerzhafter Neuropathie (Diabetologia 2007, Band 50, Suppl 1, Seiten 62-63) gaben interessante Hinweise zur Dosierung des Calciumkanal-Modulators. Die Ansprechrate mit einer Schmerzabnahme um mindestens 50 Prozent lag im Falle einer täglichen Dosis von 600 mg Pregabalin bei 46 Prozent, im Falle von 300 mg/d bei 39 Prozent und im Falle 150 mg/d bei 27 Prozent. Unter Placebo betrug die Ansprechrate 22 Prozent. Die Studie bestätigt den positiven Effekt von Pregabalin in einer Dosierung von 600 mg pro Tag, so Ziegler.

 

Versagen die Mittel der ersten Wahl, so können auch starke Opioide eingesetzt werden. Die Meinung, dass Opioide bei Neuropathie nicht wirksam sind, muss man revidieren, sagte Ziegler. Sie verbessern sehr wohl neuropathische Schmerzen.

 

Auch eine Kombinationstherapie müsse man gegebenenfalls in Betracht ziehen. So war die Kombination aus Gabapentin und Morphin in jeweils niedrigerer Dosis als in der jeweiligen Monotherapie wirksamer als die Monotherapie mit einem der beiden Präparate. Leider gebe es zur Kombitherapie bislang wenig Studiendaten.

 

Neue Wirkstoffe in der Pipeline

 

Das Thema neuropathischer Schmerz ist »en vogue« und es gibt viele ermutigende Forschungsansätze und Substanzen, hatte Ziegler Erfreuliches zu berichten. In den vergangenen 20 Jahren seien rund 100 Stoffe eingehend untersucht worden, rund 50 neue Substanzen befinden sich derzeit in klinischen Studien der Phase II und III.

 

Auf der anderen Seite bestehe aber auch noch Informationsbedarf zur Langzeit-Effektivität und -Verträglichkeit der eingesetzten Substanzen.

 

Abschließend ging Ziegler auf nicht pharmakologische Therapieansätze ein. So könne sich ein therapieergänzender Behandlungsversuch mit Methoden wie der transcutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS) lohnen. Weitere Methoden sind die Hochton-Therapie und die frequenzmodulierte elektromagnetische Nervenstimulation (FREMS).

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