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Versorgung

Hauptstadt zieht auch Kranke an

31.10.2011  16:39 Uhr

Von Werner Kurzlechner, Berlin / Auf welcher Vergleichsgrundlage Erstattungsbeträge für neue Medikamente in der AMNOG-Ära gebildet werden, bleibt weiter nebulös. Umso klarer ist, dass die Arzneimittelversorgung in der Hauptstadt immer mehr an finanzielle Grenzen stößt.

Mitten in der Diskussionsrunde vergangene Woche in Berlin brach ein Abschied an. Professor Dr. Benjamin-Immanuel Hoff, Staatssekretär für Gesundheit im Berliner Senat, musste nach Hause zu den Kindern und deshalb das vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) zusammengestellte Podium vorzeitig verlassen. Das AMNOG (Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz) als Kostenbremse für den Arzneimittelmarkt hatte Hoff zuvor noch positiv kommentiert: »Ich glaube, das Instrumentarium hilft.«

Dann packte der Politiker der Linkspartei hurtig seinen Mantel und wies redlich darauf hin, dass sein Nachfolger aus der neuen rot-schwarzen Koalition die Dinge vielleicht ganz anders sieht als er selbst.

 

Leitfrage unbeantwortet

 

Nein, es war kein Abend der endgültigen Antworten. Die Leitfrage »Sind Arzneimittel mehr wert als sie kosten?« blieb – darauf waren die Zuhörer schon vorab eingestimmt worden – letztlich unbeantwortet. Wobei sich just diese Frage aus Sicht therapiebedürftiger Patienten wohl sehr schnell und eindeutig beantworten lässt.

 

So drehte sich die Debatte um zwei konkretere Kernthemen: Erstens die Auswirkungen des AMNOG auf die Arzneimittelversorgung allgemein; zweitens die Besonderheiten der Versorgung in Berlin – in Teilen übertragbar auf manche andere Metropolräume wie Hamburg und das Ruhrgebiet.

 

In der AMNOG-Debatte erfolgte die zu erwartende Auseinandersetzung zwischen Dr. Heinz Riederer, VFA-Landesbeauftragter und Mitglied der Geschäftsführung der Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, und Harald Möhlmann, Geschäftsführer für Versorgungsmanagement der AOK Nordost. Während Möhlmann wenig am Gesetz zu bekritteln hat, übte Riederer scharfe Kritik: »Ich glaube nicht, dass wir die Probleme wie eine Dreisatz-Rechenaufgabe lösen können.« Riederer spielte damit auf die derzeit wohl virulenteste Frage bei der Einführung neuer Medikamente an: das Verfahren, das den Erstattungspreis bestimmt – auf Basis eines Vergleichs mit bereits im Markt befindlichen Arzneimitteln, falls kein Zusatznutzen festgestellt wird, oder durch eine Entscheidung der Schiedsstelle, wenn sich Hersteller und GKV-Spitzenverband untereinander nicht einigen können. Noch immer ist unklar, auf welcher Grundlage am Ende die Erstattungsbeträge festgesetzt werden.

 

»Man kann das AMNOG durchaus dazu verwenden, einen Vergleich mit Generikapreisen anzustellen«, sagte Professor Dr. Bertram Häussler vom Berliner IGES Institut. Gleichwohl sei nicht davon auszugehen, dass es soweit kommen werde. »Keine Seite darf übertreiben«, so Häussler. Das Ergebnis hänge am Ende von Wohlwollen und Vernunft der Beteiligten ab. Zuvor hatte Häussler einige Zahlen aus seinem unlängst vorgestellten Arzneimittel-Atlas referiert und dabei auf die in Berlin auch 2010 besonders hohen Arzneimittelausgaben je gesetzlich Versichertem hingewiesen: 505 Euro im Vergleich zu 405 Euro im Bundesdurchschnitt. Besonders auffällig seien die Unterschiede etwa bei den HIV-Präparaten. »Berlin hat auch die Rolle eines Umlandversorgers für Brandenburg«, erläuterte Häussler. Das war eine willkommene Vorlage für Burkhard Bratzke vom Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin.

 

Sonderregelung für Berlin?

 

»Grundsätzlich brauchen wir für Berlin eine Sonderregelung«, forderte Bratzke. Es gebe seit Jahren eine Zuwanderung Kranker in die Hauptstadt, weil sie sich dort eine bessere Versorgung erhofften. Von der Charité strebten junge, innovative Kollegen in den Beruf, die das Beste für ihre Patienten wollten. Und diese seien besser informiert und fordernder als anderswo. »Nicht nur die Piratenpartei gewinnt hier, sondern auch die Selbsthilfegruppen«, witzelte Bratzke. »Das alles treibt die Kosten hoch.« Und führe Berliner Ärzte stärker als anderswo in die Bredouille, das bestmögliche Medikament oft nur mit Regressrisiko verschreiben zu können. Durchaus konstruktiv nahm AOK-Vertreter Möhlmann hier den Ball auf und schlug eine konzertierte Aktion der Kostenträger und Leistungserbringer etwa in Kreuzberg vor. »Wir bieten diesen Versuch eines lokalen Mikromanagements an«, so Möhlmann – auch wenn das seine Zeit brauche. /

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