Pharmazeutische Zeitung online
Tropenkrankheiten

Tigermücke erobert Europa

02.11.2010
Datenschutz bei der PZ

Von Daniela Biermann / Dengue-Fieber in Frankreich, Malaria in Spanien, Chikungunya in Italien: In letzter Zeit kam es in Südeuropa vereinzelt zu Infektionen mit vermeintlichen Tropenkrankheiten. Ein Grund ist die Ausbreitung bislang fremdartiger Mückenarten. Vor allem die Asiatische Tigermücke steht unter Beobachtung.

Urlaub in Nizza oder an der kroatischen Adria: Wer rechnet schon damit, sich hier mit einer tropischen Krankheit zu infizieren? Ende August jedoch erkrankte ein deutscher Urlauber nach seiner Rückkehr aus Kroatien an Fieberschüben und weiteren ungewöhnlichen Symptomen. Sein Hausarzt leitete umfassende Laboruntersuchungen ein: Diagnose Dengue-Fieber. Der 72-Jährige gilt als erster Fall einer nachgewiesenen autochthonen, also lokal übertragenen Dengue-Infektion in Europa. Als Überträger steht Aedes albopictus, die Asiatische Tigermücke, unter Hauptverdacht. Im September traf es auch zwei Franzosen in Nizza. Dort ist Aedes albopictus mittlerweile heimisch. Die Mücke überträgt eine Reihe von Viren, neben dem Dengue- auch das Gelbfieber-, West-Nil- und Chikungunya-Virus sowie den Erreger der Japanischen Enzephalitis.

Da sich die Immunantwort bei einer Infektion mit einigen dieser Viren kaum unterscheidet, ist eine eindeu­tige Diagnose oft schwierig. Bei dem 72-jährigen Deutschen gelang dies Dr. Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenme­di­zin in Hamburg und seinen Kolle­gen. »Dengue ist weltweit auf dem Vormarsch«, sagt Schmidt-Chanasit im Gespräch mit der Pharmazeu­ti­schen Zeitung. »Dem Virus ist es gelungen, neue Vektoren zu finden, in denen es sich sehr effektiv replizie­ren kann.« Bis vor schätzungsweise 30 bis 40 Jahren war vor allem Aedes aegypti, die Ägyptische Tigermücke, Überträger von Dengue. Sie wurde in Europa bislang nur an der Schwarz­meer­küste gefunden.

 

Seine Ausbreitung Richtung Norden verdankt das Dengue-Virus vor allem Aedes albopictus, vermutet Privatdozent Dr. Andreas Krüger vom Fachbereich Tropenmedizin des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg, das eng mit dem Bernhard-Nocht-Institut zusammenarbeitet. Die Asiatische Tigermücke kommt ursprünglich aus dem südostasiatischen Raum, Japan eingeschlossen. Mittlerweile fühlt sie sich auch in Ballungsräumen sehr wohl und nutzt dort jede Dachrinne und Regentonne, um ihre Eier abzulegen. Über den globalen Handel mit Altreifen, in denen sich bei Lagerung und Transport oft Pfützen bilden, konnte sie sich im 20. Jahrhundert weltweit verbreiten. In Italien und der Südschweiz ist Aedes albopictus mittlerweile heimisch geworden. Auch in den Niederlanden wurde sie mehrmals gesichtet, allerdings bislang nur in Gewächshäusern. Dorthin gelangte sie vermutlich über den Handel mit Zierpflanzen, allen voran »Lucky Bamboo«, dem spiralförmig gezüchteten Bambus.

Geringeres Risiko bei Malaria

Im Oktober kam es in Spanien erstmals seit 1961 wieder zu einer autochthonen Übertragung von Malaria. Eine erneute Ausbreitung der Krankheit in Europa hält Mücken-Experte Krüger jedoch für unwahrscheinlich: »Einheimische Mücken, die Malaria übertragen können, gab und gibt es schon immer in Deutschland und Europa. Doch der Erreger selbst kann sich außerhalb der Tropen nicht so gut ausbreiten. Zudem ist Malaria behandelbar. Aufgrund der guten medizinischen Versorgung in Deutschland würde vermutlich der Pool an Erkrankten zu klein sein.«

Und wie ist die Lage hierzulande? »Bislang wurden erst einmal Eier von Aedes albopictus auf einem Autobahnrastplatz in Süddeutschland gefunden, die Mücke selbst aber nicht«, berichtet Bundeswehr-Biologe Krüger. Vermutlich kam ein Exemplar als blinder Passagier in einem Auto oder LKW mit. Entlang des Oberrheins verläuft die A5, eine der wichtigsten Nord-Süd-Transitstrecken Europas. In der Gegend von Freiburg bis Bingen überwacht der Verein KABS (Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage) mithilfe spezieller Fallen das Vorkommen von Mücken, seit 2005 auch von Aedes albopictus. Ein ähnliches Projekt führt das Tropeninstitut mit dem Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt durch. Krügers Team hat die becherförmigen Fallen am Hamburger Hafen und Flughafen aufgestellt. »Das sind klassische Einfallsorte«, so der Biologe. Auch andere Flughäfen in Europa werden überwacht. Um die Verbreitung von Aedes albopictus europaweit zu kontrollieren, mangelt es jedoch an Geldern.

 

Vermutlich gilt der 72-jährige Deutsche auch als erster Dengue-Fall, da in Kroatien die Mittel zum Monitoring fehlen. »Das Virus selbst wurde dort bislang nicht nachgewiesen«, sagt Tropenmediziner Schmidt-Chanasit. Auch die Suche nach infizierten Mücken blieb erfolglos, denn als die Forscher ausgerückt waren, ging die Saison bereits zu Ende. Da nur eine kleine Anzahl Culex- und Aedes-Mücken gefangen wurde, sei die Chance aufgrund der bislang niedrigen Durchseuchungsrate gering, das Dengue-Virus direkt nachzuweisen. Sicher ist nur, dass Aedes albopictus in Kroatien bereits vorkommt.

 

Epidemien vorbeugen

 

Die Forscher fürchten jedoch, dass sich Mücke und Virus weiter ausbreiten. Wird ein gewisser Schwellenwert überschritten, könnte es zu Epidemien kommen. Begünstigend käme hinzu, dass es derzeit gegen Dengue-Fieber weder Impfung noch Therapie gibt. Auch die Stechzeit könnte eine fördernde Rolle spielen. Während malariaübertragende Mücken in der Regel nachtaktiv sind, stechen Aedes-Mücken vor allem tagsüber und in der Dämmerung. Daher sind Moskitonetze über dem Bett (abgesehen vom Mittagsschlaf) nutzlos gegen Tigermücken.

Die mit Dengue infizierte Population klein halten – dies ist nun das erklärte Ziel von Epidemiologen. »Wir dürfen Dengue-Fieber gar nicht erst aufkommen lassen in Europa«, sagt Schmidt-Chanasit. »In Singapur ist die Eindämmung bereits gelungen.« Allerdings handelt es sich bei dem Stadtstaat um ein gut kontrollierbares, überschaubares Gebiet. In Europa müssten mehr Mittel für die Überwachung und Bekämpfung der Aedes-Populationen ausgegeben werden, was bislang meist regional erfolgt.

 

Dass die Asiatische Tigermücke eine gesundheitlich Gefahr in Europa darstellt, zeigte sich bereits im August 2007: In Norditalien infizierte die Art mehr als 200 Menschen mit dem Chikungunya-Virus. Daraufhin erstellte das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) erstmals Verbreitungskarten von Aedes albopictus in Europa. Einer Prognose der ECDC zufolge könnte sich die Mücke bis 2030 über große Teile Europas ausbreiten, von Spanien bis zur Türkei, von der Südspitze Italiens bis nach Südschweden. Der Klimawandel könnte die Verbreitung weiter begünstigen. Konkrete Maßnahmen zur Mückenkontrolle sind jedoch nicht in dem Bericht zu finden. /

 

Literatur bei der Verfasserin

Mehr von Avoxa