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Gesundheitsmarkt

Schalom, Wettbewerb

28.10.2008
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Gesundheitsmarkt

Schalom, Wettbewerb

Von Liva Haensel

 

Das deutsche und das israelische Krankenkassensystem unterscheiden sich grundsätzlich voneinander. Dennoch könnte Deutschland von dem kleinen Land im Nahen Osten lernen. Revital Gross, Gesundheitsexpertin aus Tel Aviv, zeigte während einer Fachtagung Strategien in einem lernfähigen Gesundheitssystem auf.

 

Auf die meisten Versicherten kommt im nächsten Jahr mit der Einführung des Gesundheitsfonds ein höherer Krankenkassenbeitrag zu. Doch nicht nur die Mitglieder der vielen Kassen in Deutschland stöhnen deswegen, sondern auch deren Vorstände. Professor Dr. Norbert Klusen, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), befürchtet einen Rückschritt in der Gesundheitsversorgung.

 

Während einer Tagung des Bundesverbandes Managed Care vorige Woche in Berlin prognostizierte er, dass »der Fehler mit dem Gesundheitsfonds uns zwei Jahre kosten wird«. Danach allerdings hätten die Politiker neue Erkenntnisse, die zu mehr Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Kassen führen könnten, so Klusen. Wenn die »Betondecke der Gesundheitspolitik« wieder verschwunden sei, könne durch Zusatzbeiträge Wettbewerb unter den einzelnen Kassen möglich sein. Noch sei in der Politik Wettbewerb als Begriff ein Fremdwort, bemängelte der Wirtschaftswissenschafter und Soziologe, aber: »Es gibt zahlungskräftige Kunden, die gerne etwas für ihre Gesundheit tun möchten.«

 

Nach Klusen ist der Patient vor allem Kunde – beim Arzt, im Krankenhaus, in der Praxis. Doch dieser Gedanke müsse sich erst noch schrittweise bei Dienstleistern im Gesundheitsmarkt etablieren. »Genau das ist Innovation«, betonte Klusen. Als TK-Chef kritisierte er den kommenden Gesundheitsfonds als Bremse für den Fortschritt, aber »nicht als Untergang«. Sein Fazit: Der deutsche Gesundheitsmarkt habe viel Potenzial. Und: Versicherte fordern in der Bundesrepublik auch weiterhin eine gute medizinische Versorgung.

 

Die wollen auch israelische Bürger des Sieben-Millionen-Staates. Und bekommen sie vom Staat garantiert, wie Professorin Dr. Revital Gross ihren Zuhörern erläuterte. Seit 1995 sind alle Einwohner des winzigen Staates mit einer nationalen Krankenversicherung ausgestattet, die 4,8 Prozent des monatlichen Einkommens ausmacht. Darin eingeschlossen sind auch die sogenannten Israeli Arabs, immerhin ein Fünftel der israelischen Bevölkerung. Gross zeigte in einer kurzen Einführung des israelischen Krankenkassensystems, dass dort  insgesamt nur vier Kassen existieren, von denen »Clalit« mit 53 Prozent aller Versicherten die größte sei. Ergänzend zu der normalen Krankenkassen-Grundleistung stehe jedem Bürger allerdings auch eine »supplemental Insurance« oder eine »Commercial Insurance« offen.

 

Beide bieten Zusatzleistungen im privaten Bereich sowie beispielsweise auch gesonderte Zahnleistungen, Erste-Hilfe-Maßnahmen und alternative Medizin-Methoden an. Der Unterschied zwischen beiden sei, dass Erstere an die Krankenkassen mit sehr geringen Beiträgen angegliedert seien, während die »commercial Insurance« von anderen Versicherungsunternehmen profitorientiert Leistungen anbiete, so Gross. Als Forschungsleiterin des Smokler Center for Health Policy Research of the Myers-JDC-Brookdale Institute untersuchte die Wissenschaftlerin, ob die Zusatzleistungen auch für Geringverdiener infrage kommen, da »Gleichheit zwischen allen Menschen in der israelischen Gesellschaft von hoher Bedeutung ist«.

 

Vier Fünftel mit Zusatzversicherung

 

Nach ihrer Untersuchung nehmen 80 Prozent die ergänzende Versicherung wahr. Im Vergleich: 42 Prozent der Bevölkerung bezahlen daneben Extra-Leistungen, die nicht unmittelbar an die Krankenkassen angelehnt sind. Eine Mehrheit der  Versicherten der »supplemental insurance« seien Menschen von 65 Jahren an aufwärts sowie chronisch Kranke.

 

Gross' Vortrag stellte vor allem eine Studie in den Mittelpunkt, die die größte Krankenkasse Clalit 2004 mit Klinikärzten durchgeführt hatte: Die »Continuing Medical Education« (CME, kontinuierliche medizinische Ausbildung) fokussiert eine computergestützte Lernmethode für Krankenhaus-Mitarbeiter, die wichtige Kenntnisse über Frauengesundheit anhand von E-Learning und intensiver Teamarbeit vertiefen möchte. Dabei geht es insbesondere um Ärzte, die Erstkontakt zu Patientinnen haben. Das Pilotprojekt, das in den Arbeitsalltag integriert wird, basiert auf Gruppendiskussionen, Interviews und Feedback-Formularen nach jeder Lernstunde. Zudem können sich die Teilnehmer in einem Intranet-Forum austauschen.

 

Die Evaluierung des Projektes ergab, dass die hohe Beteiligung der Ärzte und damit deren Kenntnisse in Bezug auf spezifisch weibliche Phänomene wie Menopause, häusliche sexuelle Gewalt und emotionaler Stress einen positiven Effekt in ihrer Arbeit hatten. Es kam aber auch heraus, dass viele Teilnehmer den Austausch im Intranet nicht wahrgenommen hatten und sich deren Klinikalltag nur schlecht mit den Lernstunden vereinbaren ließ.

 

Gross betonte, dass zurzeit in Israel weitere modifizierte Studien laufen, um die Qualität in Krankenhäusern langfristig zu verbessern durch spezielle Mitarbeiterschulungen der Krankenkassen. Ihr Vortrag sei daher eventuell »als Impuls für den deutschen Gesundheitsmarkt und dessen Möglichkeiten zu verstehen«, meinte die Gesundheitsexpertin abschließend.

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