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Gegenwind für Kommissar Verheugen

27.10.2008
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Gegenwind für Kommissar Verheugen

Von Daniel Rücker

 

Eigentlich wollte Günther Verheugen in der vergangenen Woche sein Pharmapaket vorstellen. Mehr Patientensicherheit wollte der deutsche EU-Kommissar damit erreichen. Doch der Widerstand war zu groß. Jetzt sollen die Richtlinien überarbeitet werden.

 

Eigentlich hätte es ganz einfach sein müssen. Mit seinem Pharmapaket wollte EU-Kommissar Verheugen zwei Dinge verbessern, die allen am Herzen liegen: Den Arzneimittelfälschern sollte die Arbeit erschwert werden und Patienten sollten besseren Zugang zu Informationen über rezeptpflichtige Arzneimittel erhalten. Eine dritte und weniger umstrittene Richtlinie beschäftigt sich mit der Pharmakovigilanz. Niemand, der bei klarem Verstand ist, kann ernsthaft gegen die Ziele des Pakets sein. Dennoch scheiterte der sozialdemokratische EU-Kommissar vorerst am Gegenwind aus Brüssel und den Mitgliedsstaaten. Ein Kritikpunkt: Die neuen Regelungen lägen weniger im Interesse der Patienten als der forschenden Pharmahersteller.

 

Kritik von Gesundheitsverbänden

 

Zusätzliche Informationsquelle über rezeptpflichtige Arzneimittel sollten nach Verheugens Ansicht nämlich die Pharmaunternehmen selbst sein. Ihnen sollte zwar nicht die Werbung für ihre verschreibungspflichtigen Präparate, sondern nur die Information über Broschüren, Zeitschriften und das Internet erlaubt werden. Apotheker, Ärzte und Verbraucherschützer bezweifelten, dass dies funktioniert. Faktisch sei eine Trennung von Werbung und Information nicht möglich, konstatierte etwa ein Bündnis aus insgesamt elf Institutionen des Gesundheitswesens, unter anderem die ABDA. Auch in Zukunft sollten vor allem Ärzte und Apotheker für die Beratung der Patienten zuständig sein.

 

In der vergangenen Woche warnte auch die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft (DPhG) davor, pharmazeutischen Unternehmen zu erlauben, dass sie Patienten über verschreibungspflichtige Medikamente informieren (siehe »DPhG lehnt Verheugens Vorschlag ab«). In einer Stellungnahme schreibt deshalb der DPhG-Vorstand: »Die pharmazeutischen Hersteller sind keine öffentlichen Informationseinrichtungen, sondern verfolgen als private Unternehmen finanzielle Interessen. Im Spannungsfeld von Wissenschaft und Marketing könnten die Patienten die Verlierer sein.«

 

Als Beleg verweist die DPhG auf eine US-amerikanische Untersuchung aus dem vergangenen Jahr zu der dort erlaubten DTC (direct to consumer)-Werbung. Das wenig überraschende Ergebnis dieser Untersuchung war, dass die von der pharmazeutischen Industrie initiierten Informationskampagnen sich weniger am Bedarf der Patienten als an den wirtschaftlichen Zielen der Unternehmen orientierten.

 

Wenig Sympathie für Verheugens Vorschlag brachte auch dessen Kollegin, die EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou, auf. In ihren Änderungswünschen zu Verheugens Richtlinie hat sie alle Punkte, die der Industrie erlauben, sich direkt an die Patienten zu wenden, gestrichen oder deutlich geändert. Vassiliou will in der Richtlinie verankern, dass der Patient zumindest selbst beim Pharmaunternehmen nachfragen muss. Ungefragt soll es nicht agieren dürfen.

 

Nach Informationen des »Handelsblatt« haben 17 der 26 EU-Kommissare Änderungswünsche an Verheugen. Dabei geht es den meisten allerdings vor allem um seine Aktivitäten gegen Arzneimittelfälschungen. Der Richtlinienentwurf sieht nämlich ein Umpackverbot für Arzneimittel vor. Dieses soll sicherstellen, dass eine einmal vergebene individuelle Identifikationsnummer oder ein fälschungssicheres Siegel für jede Arzneimittelpackung in der EU das Präparat eindeutig identifiziert und damit auch zweifelsfrei als echtes Medikament ausweist (siehe »Internisten: Arzneimittel nur über Apotheken«, PZ 44/2008).

 

Tatsächlich würde Verheugen vor allem den Herstellern von Originalpräparaten damit einen Gefallen tun. Denn das Umpackverbot würde Parallelimporteure vor erhebliche Probleme stellen, womöglich den Parallelimport sogar ganz beenden. Viele Apotheker dürften dies nicht als wirkliches Problem sehen. Wie das »Handelsblatt« berichtete, sehen Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes und Binnenmarktkommissar Charlie Mc Greevy das Umpackverbot in erster Linie als Wettbewerbshindernis. Wenig überraschend ist, dass auch die Reimporteure wenig von Verheugens Idee halten. Sie verweisen darauf, dass legale Reimporte so sicher seien, wie alle anderen Arzneimittel aus der Apotheke.

 

Verheugen will nun sein Pharmapaket überarbeiten. »Technische Anpassungen seien notwendig«, zitiert das »Handelsblatt« Verheugens Sprecher. Angesichts des heftigen Gegenwindes dürfte dies aber wohl kaum reichen.

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