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Metaanalyse zur Verträglichkeit

ASS in der Selbstmedikation bei Schmerzen, Fieber und Erkältung

21.10.2013  14:57 Uhr

Von Angel Lanas1, Uwe Gessner2, Michael Völker3 / Gastrointestinale Ereignisse zählen zu den am häufigsten berichteten unerwünschten Ereignissen von nicht ­steroidalen Antirheumatika (NSAIDs). Jedoch sind valide Daten zur ihrer Verträglichkeit in der kurzzeitigen niedrig dosierten Anwendung in der Selbstmedikation von akuten Symptomen rar. Um diese Informationen hinsichtlich Acetylsalicylsäure zu erfassen, erstellte Bayer HealthCare eine Metaanalyse von klinischen Studien.

Acetylsalicylsäure (ASS) wird häufig für die Behandlung von Schmerzen, Fieber oder Erkältungssymptomen im Rahmen der Selbstmedikation eingesetzt. Für diese Indikationen beträgt die empfohlene Einzeldosis je nach Land 500 bis 1000 mg und die Tagesdosis 3000 bis 4000 mg. Viele Anwender verwenden lediglich ein bis zwei Tabletten für die Dauer eines Tages (4). Diesem Einnahmeverhalten entsprechende spezifische Verträglichkeits-Daten sind aber nur begrenzt verfügbar.

Zu den am häufigsten berichteten unerwünschten Ereignissen von nicht­ steroidalen Antirheumatika (NSAIDs) zählen gastrointestinale Ereignisse. Allerdings existieren kaum Publikationen zur Verträglichkeit von NSAIDs in der kurzzeitigen niedrig dosierten Anwendung bei der Selbstmedikation von akuten Symptomen. Insbesondere werden weniger schwerwiegende unerwünschte Ereignisse wie zum Beispiel Dyspepsie nur selten in der Literatur berichtet.

 

Um diese Informationen hinsichtlich ASS zu erfassen, wurde eine Metaanalyse von klinischen Studien erstellt, die von Bayer HealthCare zwischen 1987 und 2008 durchgeführt wurden und bei denen ASS in einer Dosierung von mehr als 325 mg pro Tag zur Anwendung kam (1).

 

 

Methodik

 

In insgesamt 67 klinischen Studien (33 doppelblind, 2 einfach verblindet, 31 offen, 1 ohne Angabe zur Verblindung) wurde ASS – als Einzelwirkstoff oder in Kombination mit weiteren Wirkstoffen wie zum Beispiel Pseudoephedrin – mit Placebo oder einem aktiven Wirkstoff (zum Beispiel Paracetamol oder Ibuprofen) verglichen. Aufgenommen waren in den ausgewählten Studien erwachsene Patienten mit Schmerzen, Fieber oder Erkältungssymptomen und gesunde Freiwillige aus pharmakokinetischen Studien. Von der Teilnahme ausgeschlossen waren Patienten mit Kontraindikationen für die Einnahme von ASS.

 

Die Endpunkte der Metaanalyse waren die von den Studienteilnehmern berichteten unerwünschten Ereignisse im Gastrointestinaltrakt. Diese wurden gemäß MedDRA (Medical Dictionary for Regulatory Activities) kodiert und den entsprechenden System­organklassen oder Bezeichnungen zugeordnet. Hierbei wurden die als relevant erachteten Bezeichnungen a priori definiert. Dies galt ebenfalls für sogenannte kombinierte bevorzugte Bezeichnungen (combined preferred terms), zum Beispiel gastrointestinale Blutungen, Dyspepsie (schwere und geringfügige), Abdominalschmerzen und Symptome einer gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD). Auch anderweitige unerwünschte Ereignisse wie sonstige Blutungen, Kopfschmerzen oder Benommenheit wurden dokumentiert und dienten als weitere Endpunkte.

Für die Metaanalyse wurden die Originaldaten der einzelnen Patienten aus den Studien erfasst und dann statistisch ausgewertet. Bestimmt wurden das Chancenverhältnis (Odds Ratio) und die Risikodifferenz (in Prozent) für das jeweilige Ereignis im Vergleich zwischen ASS und Placebo beziehungsweise zwischen ASS und einem anderen Wirkstoff.

 

Insgesamt nahmen an den evaluierten Studien 5155 Männer und 8067 Frauen teil. Durchschnittlich betrug das Alter der Studienteilnehmer 32,9 Jahre. In den meisten Fällen (82,5 Prozent) wurde ASS oder eine Kombination mit ASS in einer Einzeldosis eingenommen, 17,5 Prozent (1082) der Teilnehmer erhielten mehrere Dosen, und bei 3 Prozent (188) erfolgte die Einnahme mehr als 5 Tage lang. Die tägliche ASS Dosis betrug bei 87,1 Prozent der untersuchten Personen 325 bis 1000mg.

Zusammenfassung

In einer Metaanalyse von 67 internationalen randomisierten klinischen Studien auf Basis der individuellen Daten zu Nebenwirkungen von über 13 000 Patienten wurde die Verträglichkeit von Acetylsalicylsäure (ASS) in Dosierungen zur Selbstmedikation bei der kurzzeitigen Behandlung von Schmerzen, Fieber und Erkältungssymptomen untersucht (1). ASS zeigte eine niedrige Inzidenz an unerwünschten Ereignissen und eine vergleichbare Verträglichkeit wie Ibuprofen und Paracetamol. Unerwünschte Ereignisse im Gastrointestinaltrakt traten unter ASS geringfügig häufiger auf als unter Placebo (9,9 versus 9,0 Prozent). Schwerwiegende gastrointestinale Ereignisse waren sehr selten und nicht häufiger als unter Placebo. Zerebrale Blutungen wurden nicht berichtet.

Verträglichkeit im Vergleich zu Placebo

 

Die Häufigkeit von unerwünschten Ereignissen war insgesamt unter ASS wie unter Placebo vergleichbar niedrig: Von den mit ASS behandelten Personen traten bei 15,2 Prozent (741/4884) unerwünschte Ereignisse auf, unter Placebo betrug der Anteil 15,5 Prozent (580/3731) (p = 0,18). Gastrointestinale Symptome waren dagegen signifikant häufiger nach Einnahme von ASS im Vergleich zu Placebo (9,9 versus 9,0 Prozent, p < 0,01). Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse für die Häufigkeiten der im Einzelnen erfassten Kategorien.

 

Gastrointestinale Blutungen wurden bei einem Patienten unter der Behandlung mit ASS und bei drei Patienten unter Placebo beobachtet. In keiner der Studien trat eine zerebrale Blutung oder Überempfindlichkeitsreaktion auf. Insgesamt konnte bei keinem der beobachteten unerwünschten Ereignisse eine alters- oder geschlechtsabhängige Häufung festgestellt werden.

Tabelle 1: Unerwünschte Ereignisse bei Patienten, die mit ASS oder Placebo behandelt wurden (modifiziert nach (1))

Ereignis ASS (%) (n=4884) Placebo (%) (n=3731) Odds Ratio (95% KI) % Risikodifferenz (95% KI)
GI unerwünschte Ereignisse
Alle GI UE 9,9 9,0 1,3 (1,1; 1,5) 2,1 (0,9; 3,3)
Geringfügige GI Störungen a 5,0 4,5 1,2 (1,0; 1,5) 0,9 (0,0; 1,8)
Abdominalschmerzen 0,5 0,2 1,9 (0,9; 4,0) 0,2 (0,0; 0,5)
Geringfügige Dyspepsie b 5,0 4,0 1,4 (1,1; 1,8) 1,5 (0,6; 2,3)
Schwere Dyspepsie c 0,6 0,9 0,7 (0,4; 1,2) -0,3 (-0,6; 0,1)
GERD-Symptome d<0,1 <0,1 1,5 (0,3; 7,0) 0,03 (-0,09; 0,1)
Nicht-GI unerwünschte Ereignisse
Kopfschmerzen 0,8 1,7 0,5 (0,3; 0,8) -0,7 (-1,2; -0,2)
Benommenheit 0,9 1,1 0,9 (0,6; 1,3) -0,1 (-0,6; 0,3)
Tinnitus 0,2 0,1 1,7 (0,6; 4,5) 0,1 (-0,1; 0,3)
Andere Blutungen (nicht GI, nicht zerebral) 0,3 0,2 1,5 (0,6; 3,4) 0,1 (-0,1; 0,3)

ASS = Acetylsalicylsäure; GI = gastrointestinal; KI = Konfidenzintervall; UE = unerwünschtes Ereignis

a = geringfügige GI Störungen umfassen: Sodbrennen, Übelkeit, Erbrechen und Abdominalschmerzen

b = geringfügige Dyspepsie umfasst: abdominelle Beschwerden, Dyspepsie, Oberbauchbeschwerden, Aufstoßen, Blähungen, Magendehnung (Völlegefühl), Magenbeschwerden, Übersäuerung, Übelkeit, Oberbauchschmerzen

c = schwere Dyspepsie umfasst: Würgereiz, Erbrechen
d = Symptome einer gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD) umfassen: Refluxösophagitis, Schluckstörungen, Schmerzen in der Speiseröhre, erhöhter Speichelfluss

Verträglichkeit im Vergleich mit Paracetamol oder Ibuprofen

 

In der Metanalyse wurden auch Daten aus Studien einbezogen, in denen ASS mit anderen häufig verwendeten OTC-Analgetika, wie Paracetamol oder Ibuprofen, verglichen wurde. Die Dosierung für Paracetamol betrug in diesen Studien 300 bis 1000 mg/Tag und für Ibuprofen 200 bis 400 mg/Tag. Insgesamt war auch hier, wie im Vergleich mit Placebo, die Rate der unerwünschten Ereignisse gering, und es wurden keine statistisch signifikanten Unterschiede bezüglich den Häufigkeiten der unerwünschten Ereignisse zwischen den Wirkstoffen festgestellt: In den Studien zum Vergleich von ASS und Paracetamol betrug die Inzidenz unerwünschter gastrointestinaler Ereignisse 10,4 Prozent beziehungsweise 10,1 Prozent und im Vergleich von ASS und Ibuprofen 3,5 Prozent beziehungsweise 2,3 Prozent. Die Häufigkeit nicht-gastrointestinaler Ereignisse wie Kopfschmerzen oder Benommenheit, überstieg bei keinem der Wirkstoffe 2,0 Prozent. Tabelle 2 zeigt die Ereignishäufigkeiten und Odds Ratios von ASS im Vergleich zu Paracetamol und Ibuprofen.

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Diskussion und Schlussfolgerungen

 

In der Metaanalyse auf Basis der individuellen Daten von über 13 000 Patienten zeigte sich, dass bei der für die Selbstmedikation von akuten Schmerzen, Fieber oder Erkältungssymptomen üblichen niedrigen Dosierung und kurzen Behandlungsdauer das Risiko unerwünschter Ereignisse unter Acetylsalicylsäure gering ist. Insbesondere traten praktisch keine schwerwiegenden gastrointestinalen (zum Beispiel Blutung oder Perforation) oder nicht-gastrointestinalen (zum Beispiel Hirnblutung) Komplikationen auf.

 

Die am häufigsten beobachteten unerwünschten gastrointestinalen Ereignisse waren der Kategorie »geringfügige Dyspepsie« zuzuordnen und unter ASS lediglich geringfügig häufiger als unter Placebo (9,9 versus 9,0 Prozent, p < 0,01). Die Häufigkeiten von schweren dyspeptischen Symptomen (0,9 Prozent Placebo versus 0,6 Prozent ASS) und GERD-Symptomen (< 0,1 Prozent in beiden Gruppen) zeigten keine statistisch signifikanten Unterschiede und traten insgesamt nur selten auf. Auch der Vergleich zwischen ASS und anderen häufig verwendeten Wirkstoffen zur Selbstmedikation (Paracetamol und Ibuprofen) ergaben keine statistisch signifikanten Unterschiede in den Häufigkeiten unerwünschter Ereignisse.

Tabelle 2: Unerwünschte Ereignisse bei Patienten, die mit ASS oder Paracetamol beziehungsweise Ibuprofen behandelt wurden (modifiziert nach (1))

Ereignis ASS (%) (n=1128) Par- ­­­­acetamol (%) (n=1145) Odds Ratio (95% KI) ASS (%) (n=707) Ibu- profen (%) (n=754) Odds Ratio (95% KI)
GI unerwünschte Ereignisse
Alle GI UE 10,4 10,1 1,0 (0,8; 1,4) 3,5 2,3 1,4 (0,8; 2,7)
Geringfügige GI Störungen a 6,8 7,2 0,9 (0,7; 1,3) 3,4 1,9 1,7 (0,9; 3,3)
Abdominalschmerzen 0,3 <0,1 2,5 (0,3; 18,7) 0,3 0,3 1,0 (0,1; 6,4)
Geringfügige Dyspepsie b 7,6 7,2 1,1 (0,8; 1,5) 2,5 1,3 1,8 (0,8; 3,9)
Schwere Dyspepsie c 0,7 0,9 0,8 (0,3; 2,6) 0,4 0,3 1,4 (0,2; 7,8)
Nicht-GI unerwünschte Ereignisse
Kopfschmerzen 1,0 1,5 0,6 (0,3; 1,5) 0,7 0,7 1,0 (0,3; 3,4)
Benommenheit 1,5 2,0 0,8 (0,4; 1,4) 0,4 0,9 0,5 (0,1; 2,1)
Andere Blutungen (nicht GI, nicht zerebral) <0,1 0,2 NV 0,1 0,0 NV

ASS = Acetylsalicylsäure; GI = gastrointestinal; KI = Konfidenzintervall; NV = nicht verfügbar; UE = unerwünschtes Ereignis

a = geringfügige GI Störungen umfassen: Sodbrennen, Übelkeit, Erbrechen und Abdominalschmerzen
b = geringfügige Dyspepsie umfasst: abdominelle Beschwerden, Dyspepsie, Oberbauchbeschwerden, Aufstoßen, Blähungen, Magendehnung (Völlegefühl), Magenbeschwerden, Übersäuerung, Übelkeit, Bauchbeschwerden, Oberbauchschmerzen

c = schwere Dyspepsie umfasst: Würgereiz, Erbrechen

Zu vergleichbaren Ergebnissen kommen auch zwei weitere Studien. In einer Studie zur Wirksamkeit von Acetylsalicylsäure in Einmaldosis zur Linderung postoperativer Schmerzen lag die Inzidenz unerwünschter Ereignisse unter ASS bei 13 Prozent, unter Placebo bei 11 Prozent, ähnlich häufig wie in der vorliegenden Metaanalyse (2). Die zweite Studie verwendete die Daten von 1581 Patienten, die eine Einmaldosis von ASS zur Behandlung akuter Schmerzen erhalten hatten, im Vergleich zu 1271 unter Placebo. Insgesamt traten bei 14,9 Prozent der ASS-behandelten Patienten unerwünschte Ereignisse auf verglichen mit 11,1 Prozent der Patienten, die Placebo eingenommen hatten. Die Inzidenz unerwünschter gastrointestinaler Ereignisse betrug unter ASS 5,9 Prozent und 3,5 Prozent unter Placebo (3).

 

Auch wenn die Resultate klinischer Studien aufgrund der Selektion von vergleichsweise gesunden Patienten (Ein- und Ausschlusskriterien) nicht vollständig auf die Verwendung im Alltag zu übertragen sind, haben die Ergebnisse dieser umfangreichen Metaanalyse dennoch besondere Bedeutung, da bisherige Informationen zur Verträglichkeit von ASS bei der Selbstmedikation sich vor allem auf epidemiologische Studien stützten. Sie sind auch deshalb wertvoll, da sie die typische Verwendung von Acetylsalicylsäure als Mittel der Selbstmedikation mit einer Einzeldosis beziehungsweise einer durchschnittlichen Tagesdosis von 500 bis 1000 mg ASS widerspiegeln. Bei dieser kurzzeitigen Anwendung erweist sich Acetylsalicylsäure als vergleichbar verträglich wie Paracetamol oder Ibuprofen. /

  1. Universität von Saragossa, Medical School, Aragón Health Research Institute, Saragossa, Spanien
  2. Bayer HealthCare AG, Leverkusen, korrespondierender Autor
  3. Bayer HealthCare AG, Leverkusen

Literatur

  1. Lanas A, McCarthy D, Voelker M, Brueckner A, Senn S, Baron JA. Short-term acetylsalicylic acid (aspirin) use for pain, fever, or colds?gastrointestinal adverse effects: a meta-analysis of randomized clinical trials. Drugs R D. 2011;11(3):277-88
  2. Edwards JE, Oldman AD, Smith LA, et al. Oral aspirin in postoperative pain: a quantitative systematic review. Pain 1999;81(3):289-97
  3. Steiner T, Voelker M. Gastrointestinal tolerability of aspirin and the choice of over-the-counter analgesia for short-lasting acute pain. J Clin Pharm Ther 2009;34(2):177-86
  4. Gessner U, Petersen-Braun M. Aspirin bewährt sich unter Alltagsbedingungen. Pharm Ztg 2008;153(27):68-72

Für die Verfasser

Dr. Uwe Gessner, Senior Manager Scientific Affairs

Bayer Vital GmbH

51366 Leverkusen

E-Mail: uwe.gessner(at)bayer.com

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