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Primärprävention

Tägliche ASS-Einnahme bleibt umstritten

Das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer täglichen niedrig dosierten ASS-Einnahme zur Primärprävention kardiovaskulärer Ereignisse wie Herzinfarkten und Schlaganfällen ist umstritten. Auch in einer aktuellen Metaanalyse zeichnet sich keine Tendenz ab.
Daniela Hüttemann
22.01.2019
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Acetylsalicylsäure (ASS) hemmt die Aggregation der Blutplättchen und verhindert dadurch thrombolische Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Allerdings steigt auch das Risiko für Blutungen. Unbestritten ist der Einsatz in der Sekundärprävention: Hat ein Patient bereits ein kardiovaskuläres Ereignis erlitten, überwiegt der Nutzen von ASS zur Verhinderung weiterer Infarkte das Risiko. Nicht so eindeutig hingegen ist die Datenlage bei Menschen, die zwar ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben, bei denen ein solches Ereignis aber noch nicht eingetreten ist.

In der im August 2018 vorgestelltenARRIVE-Studiemit mehr als 12.500 Teilnehmern mit kardiovaskulären Risikofaktoren konnte ASS in der Primärprävention nicht überzeugen (DOI: 10.1016/S0140-6736(18)31924-X). Ebenso wenig gelang ein deutlicher Nutzen-Nachweis in der einen Monat später veröffentlichtenASPREE-Studiemit rund 19.000 gesunden Senioren (DOI: 10.1056/NEJMoa1800722, 10.1056/NEJMoa1803955 und 10.1056/NEJMoa1805819).

Die Mediziner um Dr. Sean L. Zheng vom King's College Hospital in London und Alistair J. Roddick vom Imperial College in London fassten nun die Ergebnisse dieser beiden großen Studien sowie elf weiterer Studien zum Nutzen-Risiko-Verhältnis von ASS in der Primärprävention kardiovaskulärer Ereignisse in einer Metaanalyse zusammen. Die Auswertung wurde heute im Fachjournal »JAMA« veröffentlicht.

An jeder der berücksichtigten Studien nahmen mindestens 1000 Probanden teil, die keine kardiovaskuläre Erkrankung in der Vorgeschichte hatten und über mindestens 12 Monate beobachtet wurden. Im Schnitt waren die Probanden 62 Jahre alt, 47 Prozent waren Männer und 19 Prozent hatten Diabetes. Sie erhielten entweder täglich niedrig dosierte ASS oder Placebo. Insgesamt wurden die Daten von 164.225 Teilnehmern mit mehr als einer Million Patientenjahren ausgewertet.

Weniger Ereignisse, mehr Blutungen

Das Ergebnis: ASS konnte das Vorkommen kardiovaskulärer Ereignisse signifikant senken – von 61,4 Ereignissen pro 10.000 Patientenjahre unter Placebo auf 57,1 Ereignisse (Hazard Ratio 0,89).  Die Number Needed to Treat (NNT) betrug 265. Das bedeutet: Um ein kardiovaskuläres Ereignis zu verhindern, mussten 265 Probanden täglich ASS einnehmen.

Demgegenüber steht ein erhöhtes Blutungsrisiko: Unter Placebo traten 16,4 schwere Blutungen pro 10.000 Patientenjahre auf, unter ASS dagegen 23,1. Das entspricht einer Hazard Ratio von 1,43. Absolut betrachtet stieg das Blutungsrisiko um 0,47 Prozent. Das steht einer absoluten Risikoreduktion für Herz-Kreislauf-Ereignissen von 0,38 Prozent gegenüber. Damit halten sich Nutzen und Risiko ungefähr die Waage, folgern die Autoren,geben aber keine konkrete Empfehlung.

Die Beratung der Patienten müsse individuell erfolgen, meint Kommentator Professor Dr. J. Michael Gaziano, Kardiologe und Epidemiologe von der Harvard Medical School in Boston, der an der ARRIVE-Studie, nicht aber an der Metaanalyse beteiligt war. Es sollten zudem auch andere Interventionen wie Raucherentwöhnung, Blutdruckkontrolle und Lipidwerte zum Einsatz kommen. »Aspirin bleibt ein wichtiges Medikament zur akuten Behandlung vaskulärer Ereignisse, zur Anwendung nach bestimmten Eingriffen, zur Sekundärprävention und nach sorgfältiger Auswahl der richtigen Patienten auch zur Primärprävention«, resümiert Gaziano.

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