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ASS: Kein Nutzen in der Primärprävention

Ältere Menschen ohne kardiovaskuläre Risiko­faktoren profitieren einer großen placebokontrollierten ­Studie zufolge nicht von der Einnahme niedrig dosierter Acetyl­salicylsäure (ASS). Eine Primärprävention bei gesunden Senioren, die bereits vorher nicht empfohlen wurde, erscheint angesichts dieses Ergebnisses noch fraglicher.

In der ASPREE-Studie mit Teilnehmern aus den USA und Australien verlängerte ASS das Überleben ohne Behinderung in einem Fünfjahreszeitraum nicht, führte aber zu einer höheren Blutungsrate. Ebenfalls gegen ASS sprach ein geringfügiger Anstieg der Krebssterblichkeit – ein unerwartetes Teilergebnis, denn ASS war in früheren Studien mit einer Senkung des Krebsrisikos assoziiert gewesen. Da es somit im Widerspruch zur bisherigen Evidenz steht, raten die Autoren der drei aktuellen Publikationen im »New England Journal of Medicine« aber dazu, es nicht überzuinterpretieren (DOI: 10.1056/NEJMoa1800722, 10.1056/NEJMoa1803955 und 10.1056/NEJMoa1805819).

Von den 19.114 gesunden Senioren, die an der Studie teilnahmen, erhielt randomisiert die Hälfte täglich 100 mg ASS und die andere Hälfte Placebo. Das Durchschnittsalter betrug 74 Jahre und lag damit höher als bei vergleichbaren früheren Untersuchungen. Als sich nach einem Follow-up von 4,7 Jahren hinsichtlich des zusammengesetzten Endpunkts aus Tod, Demenz oder bleibender körperlicher Behinderung kein Vorteil für ASS gezeigt hatte, wurde die Studie abgebrochen. Leichte Abweichungen zwischen den Gruppen gab es zu diesem Zeitpunkt bei den sekundä­ren Endpunkten Tod jeglicher Ursache (12,7 pro 1000 Personenjahre unter ASS versus 11,1 pro 1000 Personenjahre unter Placebo) und schwerwiegende Blutungen (8,6 versus 6,2 pro 1000 Personenjahre).

Krebs war der Hauptgrund für das geringfügig erhöhte Sterberisiko unter ASS, wobei der Risikoanstieg nicht auf eine einzelne Krebsart oder -lokalisation zurückzuführen war. Das erhöhte Blutungsrisiko trug dagegen nur minimal zur Erhöhung der Mortalität bei. Bemerkenswerterweise trennten sich die Kurven der ASS- und der Placebogruppe erst nach drei Jahren; davor waren sowohl die Gesamt- als auch die krebsbedingte Sterblichkeit in beiden Gruppen ähnlich hoch. In früheren Studien hatte sich der Schutzeffekt von ASS vor krebsbedingtem Tod erst nach vier bis fünf Jahren gezeigt. Die Autoren können sich diesen Unterschied nicht erklären, führen aber als mögliche Ursache altersabhängige Unterschiede der Krebsbiologie an. An früheren Studien hatten deutlich weniger Patienten über 70 Jahren teilgenommen.

Hinsichtlich des Risikos für Herz-Kreislauf-Ereignisse – tödliche koronare Herzkrankheit, nicht tödlicher Herzinfarkt, tödlicher oder nicht tödlicher Schlaganfall oder Klinikeinweisung aufgrund von Herzinsuffizienz – ergab sich kein nennenswerter Vorteil für die mit ASS behandelten Teilnehmer. In dieser Gruppe gab es während des Beobachtungs­zeitraums 10,7 Ereignisse pro 1000 Personenjahre, in der Placebogruppe 11,3. Dieser Unterschied war im Gegensatz zum Anstieg der Blutungsrate nicht signifikant. (am)

 

19.09.2018 l PZ

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