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Epilepsie

Krampfneigung und Kinderwunsch

26.10.2010  14:16 Uhr

Von Maria Pues / Chronisch krank und Kinderwunsch – das geht mittlerweile viel häufiger, als mancher denkt. Planung schafft dabei Sicherheit.

Jung, hübsch, mit Familiensinn – und Epileptikerin. Nicht nur Laien fragen sich, ob dieser Wunsch nicht zu den unerfüllbaren gehört. Kinderwunsch und Krampfanfälle? Auch manche junge Epileptikerin weiß nicht, was sie in diesem Zusammenhang mehr fürchten soll: eventuelle Auswirkungen von Krankheit und Krampfanfällen auf die Schwangerschaft und die Entwicklung des Kindes oder vielleicht doch eher ein mögliches Fehlbildungsrisiko und andere Nebenwirkungen durch ihre Antiepileptika.

Und umgekehrt: was, wenn die Schwangerschaft die Epilepsie verschlimmert, die man eben mühevoll in den Griff bekommen hat? Ein Minderheitenproblem? Mitnichten. Eine von 200 Frauen leidet an einer Epilepsie. So verwundert es nicht, dass Fragen zu Auswirkungen von Behandlungen mit Antiepileptika auf die Entwicklung des Ungeborenen zu den häufigsten Anfragen gehören, die bei embryotox.de eingehen. Datenbank und Ansprechpartner stehen dort Laien wie Fachleuten zur Verfügung, wenn es um Fragen der Arzneibehandlung in Schwangerschaft und Stillzeit geht.

 

Weites Spektrum

 

Dabei ist Epilepsie nicht gleich Epilepsie. Das Spektrum reicht von einer weitestgehenden Symptom- und Anfallsfreiheit bis hin zu schwer beherrschbaren regelmäßigen und schweren Anfällen. Jede Epileptikerin sollte sich bereits bei aufkeimendem Kinderwunsch vom behandelnden Arzt ausführlich beraten lassen. Eine weitere Stelle, die für werdende Mütter mit Epilepsie von Interesse ist, ist EURAP, das Europäische Register für Schwangerschaften unter Antiepileptikatherapie (www.eurap.de). Hier können schwangere Epileptikerinnen sich anonym registrieren lassen. Das internationale Projekt sammelt Daten über Behandlung und Schwangerschaftsverlauf, um sichere Aussagen über mögliche Risiken – oder die Sicherheit – der verschiedenen Therapieregimes treffen zu können. Darüber hinaus erhalten die werdenden Mütter dort Informationen sowie Erfahrungsberichte ebenfalls betroffener Paare. So lassen sich begründete Befürchtungen von übertriebenen Ängsten trennen.

 

Besonders wichtig ist für Epileptikerinnen mit Kinderwusch Zeit für sinnvolle Vorbereitungen. Eine apothekenrelevante Vorbereitung vorweg: Folsäure. 400 µg zusätzlich pro Tag werden gesunden Frauen empfohlen, um beim Ungeborenen Neuralrohrdefekten wie einer Spina bifida vorzubeugen. Sinnvollerweise beginnt man spätestens einen Monat vor der Empfängnis mit der Einnahme, was naturgemäß nicht immer einfach zu planen ist. Diese Dosierung reicht für Patientinnen, die eine Antiepileptika-Behandlung erhalten, nicht aus. Hier lautet die Empfehlung 5 mg/Tag, da ein bescheunigter Abbau von Folsäure durch eine Enzyminduktion, die viele Antiepileptika verursachen, erfolgt. Allerdings findet sich in manchen Packungsbeilagen von Folsäurepräparaten in dieser Dosierung ein Hinweis auf eine mögliche Erhöhung der Krampfneigung. Hier kann man die Patientinnen dahingehend beruhigen, dass diese nur äußerst selten eintritt. Auch auf ausreichende Vitamin-D-Spiegel müssen die werdenden Mütter achten, entweder durch regelmäßigen Aufenthalt im Freien oder durch entsprechende Supplemente.

 

Am besten geplant

 

Durch eine Schwangerschaft steigert sich entgegen vieler Befürchtungen die Häufigkeit von Krampfanfällen in der Mehrzahl nicht, in manchen Fällen nimmt sie sogar ab. Nur in etwa 15 bis 20 Prozent wird sie erhöht. Häufig steckt die Angst der werdenden Mutter dahinter, ihrem Kind durch die Arzneimittel zu schaden – und so setzt sie diese ab oder reduziert die Dosis, was sich jedoch bei einer durch die Schwangerschaft veränderten Kinetik – größeres Verteilungsvolumen, erhöhte Ausscheidung – fatal auswirken kann. Ob die Anfälle selbst der Entwicklung des Kindes schaden, lässt sich noch nicht abschließend beurteilen. Man geht heute davon aus, dass dies – außer bei generalisierten tonisch-klonischen Anfällen – eher nicht der Fall ist. Bei diesen kann es zu einer Hypoxie/Acidose und einer Bradykardie beim Ungeborenen kommen.

 

Fehlbildungsrisiko

 

Mögliche Fehlbildungen gehören zu den am häufigsten genannten Befürchtungen – sicher nicht nur bei Epileptikerinnen. In der Tat ist die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Formen kleiner und großer Fehlbildungen erhöht, zum Beispiel für Neuralrohrdefekte. Die Gefahr arzneimittelbedingter Fehlbildungen durch Antiepileptika besteht praktisch ausschließlich im ersten Trimenon. So hoch wie häufig angenommen ist sie allerdings nicht. Sie liegt durchschnittlich bei vier bis sieben von Hundert Geburten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Rate bei gesunden Frauen bereits 2 bis 3 Prozent beträgt. Allerdings steigt das Fehlbildungsrisiko, wenn mehrere Arzneimittel eingenommen werden. Eine Montotherapie ist daher stets zu bevorzugen.

 

Bei Patientinnen, die mit Valproinsäure behandelt werden, liegt die Gefahr für Fehlbildungen vergleichweise höher, und es zeigt sich eine Abhängigkeit von der Dosierung. Daher versuchen Mediziner, Patientinnen mit Kinderwunsch auf eine andere Therapie umzustellen. Dies muss allerdings frühzeitig erfolgen, da sich während der Umstellung die Wahrscheinlichkeit von Anfällen erhöhen kann. Wünschenswert ist, dass Patientinnen mit Kinderwunsch ein Jahr lang stabil sind und ihre Erkrankung gut einschätzen können. Nicht immer ist eine Umstellung möglich. In diesen Fällen versucht man, die Patientin auf eine möglichst niedrige Dosierung mit Valproinsäure einzustellen. Mithilfe von Retardzubereitungen versucht man zudem, Serumspitzen zu vermeiden. Die Wahrscheinlichkeit für Neuralrohrdefekte nimmt mit steigender Dosis zu, wobei es keinen definierten Schwellenwert für ein erhöhtes Risiko gibt. Viele Studien unterscheiden Dosierungen von über und unter 1000 Milligramm Valproinsäure täglich beziehungsweise Serumkonzentrationen niedriger oder höher als 70 µg/ml. Möglichst unter dieser Grenze zu bleiben, rät auch die Deutsche Gesellschaft für Epileptologie (DGFE). Zudem sollte die Kombination von Valproinsäure mit Lamotrigin unterbleiben.

 

Es gibt seit einiger Zeit Hinweise, dass es unter einer Valproinsäurebehandlung zu einer dosisabhängigen Intelligenzminderung beim Ungeborenen kommen kann. Die Studienlage lässt diesen Schluss zu, auch wenn er aufgrund methodischer Mängel noch nicht eindeutig ist. Die DGFE empfiehlt, die mögliche Intelligenzminderung in einem komplexen teratogenen Risikoprofil zu berücksichtigen.

Es gibt auch Patientinnen, die lange anfallsfrei geblieben sind, sodass man versuchen kann, bei ihnen ganz ohne Antiepileptikum auszukommen. Geht dies nicht, sollte man zumindest eine möglichst niedrig dosierte Monotherapie anstreben. Allerdings gibt es naturgemäß bezüglich der neueren Antiepileptika erst eine geringe Zahl zuverlässiger Daten. Immerhin lässt sich für Lamotrigin derzeit eine Fehlbildungsrate von 2,9 Prozent ableiten, die damit nicht höher liegt als jener des Bevölkerungsdurchschnitts. Für Levetiracetam und Topiramat ist die Datenlage noch eher schmal.

 

Auch die Befürchtung, dass Epileptikerinnen zwangsläufig Kinder bekommen, die ebenfalls an Epilepsie leiden, lässt sich weitestgehend widerlegen. Zwar wird eine Neigung möglicherweise weitervererbt. Es sind jedoch so viele Gene an dem Geschehen beteiligt, dass auch entsprechende äußere Auslöser hinzukommen müssen, um die Krankheit ausbrechen zu lassen. Daher existiert auch kein Gentest, mit dem sich eine mögliche »Epilepsiegefahr« diagnostizieren ließe.

 

Stillen und Antiepileptika

 

Hat der Nachwuchs das Licht der Welt erblickt, stellt sich die Frage: Stillen oder nicht? Die Antwort kann fast immer »ja« lauten. Dass sich dabei alle Arzneistoffe auch in der Muttermilch finden, muss zunächst kein Nachteil sein. Denn das Ungeborene war ihnen während der Zeit der Schwangerschaft ausgesetzt, sodass es zu Gewöhnungseffekten gekommen sein kann. Beim Stillen wird der Säugling – sozusagen ausschleichend – mit den Substanzen weiterversorgt, was Entzugsphänomenen vorbeugt. Diese können sich in Unruhe, Zittern oder ungewöhnlich ausdauerndem Schreien äußern. Umgekehrt können sedierende Substanzen jedoch auch dazu führen, dass der Säugling sich ungewöhnlich still verhält. Hier kann ein Abstillen notwendig werden, vor allem, wenn der Nachwuchs nicht in ausreichendem Maße trinkt. / 

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