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Grippeimpfung

Junge und alte Immunsysteme

26.10.2010  14:13 Uhr

Von Maria Pues, Frankfurt am Main / Kinder, Herz-Kreislauf-Kranke und Senioren – sie infizieren sich besonders leicht mit einer Grippe. Allerdings mit unterschiedlichen Konsequenzen. Um die Gründe und Folgen ging es auf einer Pressekonferenz des Marburger Impfstoffherstellers Novartis Vaccines in Frankfurt am Main.

Kinder erkranken an Infektionskrankheiten, obwohl sie eigentlich mit einem guten Immunsystem ausgestattet sind. Allerdings ist es noch nicht ausreichend auf seine Aufgaben vorbereitet. Je mehr die Kinder mit ihren Altergenossen zusammen sind, umso häufiger bringen sie Infektionskrankheiten nach Hause. »Daher sind bis zu zwölf Infektionen im Jahr bei Kindern vollkommen normal«, sagte Dr. Lothar Maurer, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin aus Frankenthal. Seine Praxis gehört zu den Grippe-Meldepraxen des Robert-Koch-Instituts.

Ebenso leicht infizieren sich Kinder mit der Grippe. Zu fast 90 Prozent erkranken sie jedoch nur leicht, sodass eine Grippe zuweilen unerkannt bleibt. Folglich bleiben sie nur wenige Tage zu Hause und besuchen dann wieder die Schule oder den Kindergarten. »Da ihr unreifes Immunsystem die Erreger nicht ausreichend bekämpft, scheiden Kinder die Viren zudem länger aus als Erwachsene«, erläuterte Maurer. So tragen besonders Kinder maßgeblich zur Verbreitung der Grippe bei. Regelmäßig beobachte er einen »Vorpeak« vor der Haupt-Grippewelle. »Wenn sich die ersten Schulklassen leeren, weil die Kinder die Grippe haben, kommt zwei Wochen später garantiert die Epidemie«, so seine Erfahrung.

 

»Kinder sind das Feuer der Influenza«

 

Eine Ausnahme bildeten Kinder unter fünf Jahren, sagte er. Bei ihnen sei die Komplikationsrate vergleichsweise hoch. Wie bei den Senioren kommt es bei ihnen häufiger zu Krankenhauseinweisungen als in der Normalbevölkerung. »Von 100 000 Kindern, die an Grippe erkranken, müssen 125 in eine Klinik eingewiesen werden«, berichtete Maurer. Komplikationen verliefen bei diesen zum Teil schwer und könnten zu langwierigen Problemen führen, vor allem wenn die Kinder bereits an Vorerkrankungen wie Asthma oder einem Herzfehler litten.

 

Eine große Rolle spielen dabei Superinfektionen durch andere Erreger, die leichtes Spiel haben, da Grippeviren das Immunsystem schwächen. Dies zeigt ein Laborversuch, bei dem man gesunde Mäuse zunächst mit Pneumokokken infizierte. Unbehandelt starben 10 bis 20 Prozent der Tiere. Infizierte man sie zunächst mit Grippeviren und eine Woche später mit Pneumokokken, überlebte keine einzige Maus den Versuch.

 

Die STIKO sieht eine grundsätzliche Impfung von Kindern nicht vor. Nicht nur sie würden jedoch von einer Impfung profitieren, meinte Maurer, sondern auch all jene, die von ihnen nicht mehr infiziert werden würden. Allerdings sprechen Kinder häufig auf eine Impfung nur unzureichend an. Daher erhalten Kinder bis sieben Jahre, die vorher noch nie gegen Grippe geimpft wurden, üblicherweise zwei Impfungen im Abstand von vier Wochen. Ein spezieller Impfstoff mit einem Wirkverstärker, wie es ihn für Senioren bereits gibt, könnte dieses Problem lösen, so Maurer. Er plädierte für eine generelle Impfempfehlung, wie es sie in anderen Ländern bereits gibt. So schütze man auch die Jüngsten und jene, bei denen mit einer hohen Komplikationsrate zu rechnen sei, betonte der Mediziner. Kinder, die jünger als sechs Monate sind, können noch nicht geimpft werden.

 

Grippe im Gefäßendothel

 

Senioren erkranken leichter an Grippe nicht wegen der Unreife, sondern wegen des Alters ihres Immunsystems. Die sogenannte Immunseneszenz zeigt sich zum Beispiel in der Rückbildung der Thymusdrüse. Bereits ab einem Alter von etwa 30 Jahren besteht sie vorwiegend aus Fettgewebe. Die Veränderungen zeigen sich auch im Blut: Die Menge an jungen, naiven T-Zellen nimmt mit zunehmendem Alter ab. So sind Senioren einerseits anfälliger für eine Grippeinfektion. Gleichzeitig ist für sie unter anderem aufgrund von möglicherweise bereits bestehenden Erkrankungen die Komplikationsrate deutlich erhöht. Für Personen über 65  Jahre gibt es daher seit 2000 in Deutschland einen wirkverstärkten Impfstoff (Fluad ®). Das Adjuvanz erhöht die Immunantwort an der Einstichstelle, indem es zu einer lokalen Gewebeentzündung führt.

Dass eine Grippeinfektion bei Patienten, die an Grunderkrankungen leiden, schwerer und komplikationsreicher verläuft als bei ansonsten Gesunden, beobachten Mediziner in jedem Jahr. Die Influenzaviren schädigen nicht nur Lungenepithelzellen, sondern besitzen auch eine hohe Affinität zum Gefäßendothel, erläuterte Dr. Peter Lehmann, Facharzt für Innere Medizin und Anästhesie, Gräfelfing. Bei Patienten mit vorgeschädigtem Endothel, zum Beispiel durch eine Arteriosklerose, kommt es durch die Infektion zu einer Überlagerung einer bereits bestehenden, langsam verlaufenden, mit einer schnellen Entzündung, die durch die Grippeviren angestoßen wird. Die Erreger zerstören die Zellen, die sie befallen haben, komplett. Das gilt für Endothelzellen ebenso wie für die Zellen des Lungenepithels. Über den Blutweg erreichen die neugebildeten Grippeviren anschließend sämtliche Gewebe und Organe. Die Entzündungsreaktion führt unter anderem zu einen Anstieg der Konzentration verschiedener Entzündungsmediatoren. Bei Intensivpatienten habe man einen wahren »Zytokinsturm« beobachten können, berichtete Lehmann. Bei einer Grippe handele es sich daher nicht um einen lokal begrenzten Infekt, sondern um eine echte systemische Erkrankung.

STIKO-Empfehlung

Neu im diesem Jahr ist die Impfem­pfehlung für alle Schwangeren ab dem zweiten Trimenon. Schwangere mit Grunderkrankungen können auch schon im ersten Trimenon geimpft werden. Die Datenlage zu Nutzen und Risiko finden Sie in hier (PZ 34/2010).

Herzinfarkte und Schlaganfälle zählen daher nicht zufällig zu den möglichen Folgen einer Influenza. Das Risiko für einen Myokardinfarkt könne sich bei einer Influenza um das Fünffache erhöhen, so Lehmann. Einer Studie zufolge senkt eine Impfung bei Senioren das Risiko für eine Krankenhausbehandlung aufgrund einer Lungenentzündung um 69 Prozent, wegen eines akuten Koronarsyndroms um 87 Prozent und wegen eines Schlaganfalls um 93 Prozent (doi: 10.1016/j.physletb.2003.10.071). »Daher ist die Grippeimpfung für Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein Muss«, betonte er. »Herzpatienten profitieren von ihr am stärksten.«

 

Niedrige Impfraten

 

Einen Durchimpfungsgrad von mindestens zwei Dritteln der Bevölkerung empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation. Deutschland sei davon teilweise noch weit entfernt, sagte Professor Dr. Thomas Weinke, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie und Infektiologie am Klinikum Ernst von Bergmann, Potsdam. Besonders gering ist die Impfbereitschaft ausgerechnet bei medizinischem Personal, wo sie nur bei 25 bis 30 Prozent liegt. »Ein Skandal, wenn man mit immunsupprimierten Patienten zu tun hat«, sagte Weinke. Bei chronisch Kranken liege sie ähnlich niedrig – im Gegensatz zu Großbritannien oder Irland, wo sich immerhin 50 Prozent der Chroniker impfen lassen. Bei der Über-60-Generation betrage die Impfrate immerhin rund 60 Prozent. Der beste Zeitpunkt für eine Impfung liegt im Oktober und November, da hierzulande die Hauptgrippewelle meist erst im Januar und Februar stattfindet. Zwei Wochen benötigt der Organismus durchschnittlich, um den vollen Schutz aufzubauen. Eine abgeschwächte Infektion finde dabei nicht statt, betonten die Experten auf Anfrage, da es sich nicht um einen Lebendimpfstoff handelt. Auch die Gefahr, dass man sich als Impfwilliger in einer Arztpraxis mit Grippe infiziere, wie manche befürchten, komme praktisch nicht vor. Der Grund ist simpel: »Geimpft wird, bevor die Grippe da ist«, so Maurer. Nur 4 bis 10 Prozent der Bevölkerung haben sich im vergangenen Jahr gegen Schweinegrippe impfen lassen.

 

Er sei froh, dass die Pandemie glimpflicher verlaufen sei, als mancher anfangs befürchtet habe, sagte Weinke. Dass mancher sich heute darüber fast zu beklagen scheine, dass es doch nicht so schlimm gekommen sei, könne er nicht nachvollziehen. »Schließlich beschwert man sich ja am Ende des Jahres auch nicht bei seiner Feuerversicherung, wenn es nicht gebrannt hat«, sagte er. / 

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