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Hilfsmittel

Beske-Studie schlägt Festzuschüsse vor

18.10.2011
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Von Werner Kurzlechner, Berlin / Das Kieler IGSF plädiert dafür, Bandagen, Einlagen und Kompressionsstrümpfe in der Gesetzlichen Krankenversicherung künftig auf der Grundlage von Festzuschüssen mit Zuzahlung anzubieten. Für Apotheken würde dies einen beträchtlichen Beratungsmehraufwand bedeuten.

Bandagen, Einlagen und medizinische Kompressionsstrümpfe – klingt unspektakulär und mitnichten so, als ob sich hierauf eine Revolution im Gesundheitswesen gründen ließe. Professor Dr. Fritz Beske, Leiter des Instituts für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) in Kiel, ist das wohl klar. Dennoch ließ der Forscher vergangene Woche in Berlin durchschimmern, dass sich seiner Ansicht nach auf dieser Basis zumindest ein Schlüsselgefecht im Kampf um eine langfristig finanzierbare gesetzliche Gesundheitsversorgung gewinnen ließe.

 

Orthopädietechnikverband finanzierte die Studie

 

Beske legte den 120. Band der Schriftenreihe seines Instituts vor, entgegen den sonstigen Gepflogenheiten des IGSF fremdfinanziert vom Bundesinnungsverband für Orthopädietechnik und von Eurocom, der Europäischen Herstellervereinigung für Kompressionstherapie und orthopädische Hilfsmittel. Die Studie geriet letztlich zu einem Plädoyer, das bestens in Beskes allgemeine Stoßrichtung passt.

 

Empfohlen wird die Umstellung von den bisher zumindest für Einlagen und Strümpfe geltenden Festbeträgen in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) – Bandagen sind in der Regel einzelvertraglich geregelt – auf Festzuschüsse nach dem Vorbild der Erstattung von Zahnersatz.

 

Das Segment der Untersuchung ist in der Tat relativ klein. 2009 betrugen die Ausgaben für Hilfsmittel nach Angaben Beskes 3,25 Prozent der Leistungsausgaben der GKV. Summa summarum machte das 4,2 Milliarden Euro aus, für 2010 wird ein moderater Anstieg auf knapp 4,4 Milliarden Euro erwartet. Die in der Studie untersuchte Gruppe stellt davon aber nur einen Teil dar, wie Beske einräumte.

 

Dr. Ernst Pohlen, Geschäftsführer der Eurocom, bezifferte den Anteil von Bandagen, Einlagen und Kompressionsstrümpfen auf ein Drittel der Gesamtausgaben für Hilfsmittel, was eher großzügig geschätzt sein dürfte. Für Beske geht es dennoch um einen Teil eines grundsätzlichen Problems.

 

»Die Wunschvorstellung, das Defizit der GKV künftig über Steuermittel zu decken, ist angesichts der Überschuldung des Staates schlicht eine Illusion«, sagte der Wissenschaftler. Zudem sei es unmöglich, den heutigen Leistungskatalog der GKV auch in Zukunft zu finanzieren. Priorisierung und Rationierung hält Beske für unausweichlich: »Man muss sich auf vorhersehbare Entwicklungen vorbereiten, was in Deutschland leider nicht stattfindet.« Beske unterfütterte diese These mit Kahlschlagtendenzen in Ländern wie Italien, Spanien und Großbritannien und lobte die beiden Paten der Studie als Vorreiter unter den Verbänden in Sachen Realitätsbezug.

 

Weniger bürokratischer Aufwand

 

Eine Umstellung auf Festzuschüsse brächte aus Sicht des IGSF nur Gewinner. Die Krankenkassen müssten nur noch den im Vergleich zum Festbetrag geringeren Zuschuss zahlen. »Außerdem sinkt der bürokratische Aufwand«, so Beske. Die Hersteller hätten eine bessere Chance, Investitionen in Qualität und Innovation zu refinanzieren.

 

Beske spannte hier den Bogen hin zu den Pharmafirmen, die aus Unsicherheit wegen befürchteter negativer Auswirkungen des Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes (AMNOG) innovative Arzneimittel vom deutschen Markt nähmen. Die Patienten schließlich hätten im Falle von Festzuschüssen die Möglichkeit, das für sie bestmögliche Produkt auszuwählen. Gewiss müssten die Versicherten dann in jedem Fall zuzahlen, aber für sozial Schwächere gebe es schließlich bewährte Härtefallregelungen.

 

Nicht wirklich zu den Gewinnern würden auch die Apotheker zählen, wie Beske einräumte. Denn sie müssten neben den Sanitätshäusern zusätzliche Beratung erbringen, damit die Patienten sich im Wust der angebotenen Produkte überhaupt erst zurechtfinden. /

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