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Mundgesundheit

Intensive Pflege für strahlende Zähne

13.10.2008
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Mundgesundheit

Intensive Pflege für strahlende Zähne

Von Sabine Schellerer

 

Zahnbürste, Zahnpasta, Zahnseide und Zahnzwischenraumbürsten, vor allem aber ausreichend Zeit: Das sind die »fünf Z«, die bei der häuslichen Zahnpflege unumgänglich sind.

 

Gepflegte Zähne machen nicht nur attraktiv und dienen somit als Visitenkarte, sie halten auch den Körper gesund. Die neuesten statistischen Zahlen stimmen da positiv. Entzündungen oder Karies haben heute weniger Chancen als noch vor circa zehn Jahren: Der vierten deutschen Mundgesundheitsstudie 2005 zufolge ist bei 12-Jährigen das zahnzerstörende Treiben durch entsprechende Pflege im Vergleich zu 1997 um beinah 60 Prozent zurückgegangen (1).

 

Auch im internationalen Vergleich stehen die Bundesdeutschen gut da. Während ein deutscher 12-Jähriger mit durchschnittlich 0,7 kariösen Beißern aufwartet und sich damit zusammen mit englischen, direkt gefolgt von dänischen (0,8) und schweizerischen Kindern (0,9) die Spitzenposition teilt, zeichnet sich bei Gleichaltrigen aus Ungarn, Polen und der Slowakischen Republik mit durchschnittlich 3,3, 3,8 und 4,3 löchrigen Zähne ein düsteres Bild ab (2).

 

Auch die Zahnreihen einheimischer Erwachsener können sich sehen lassen (1). Nur in puncto Wurzelkaries sieht es bei diesen nicht ganz so rosig aus, was wohl auf die demografische Entwicklung zurückzuführen ist. Immerhin bleiben die Zähne moderner Senioren etliche Jahre länger im Mund als früher.

 

Täglich und lebenslang

 

Wer seine Zähne und damit auch seinen Körper gesund halten will, muss ein Leben lang täglich gegen eine Heerschar von Mikroben kämpfen, die sich mit stets gleichbleibendem Engagement in der feucht-warmen Mundhöhle ansiedeln und vermehren. Nach dem Motto »Gemeinsam sind wir stark« rotten sich die Keime bevorzugt an Zahnfleischrändern, approximalen Seitenflächen und Fissuren zu einem weichen, variabel dicken, weißen bis gelblichen sub- oder supragingivalen Biofilm zusammen. Experten schätzen, dass sich mehr als 400 Millionen Bakterien in einem Kubikmillimeter dentaler Plaque tummeln.

 

Damit sich die Erreger an der Zahnfläche, genauer gesagt dem exogenen Schmelzoberhäutchen oder Pellikel als dünner Überzug der Zähne anheften können, brauchen sie Adhäsine und Lektine sowie geißelartige Fimbrien als wichtige Anhangsgebilde, die die Kolonisation von Bakterien an Oberflächen ermöglichen. Noch leichter fällt den Schmarotzern die feindliche Übernahme, wenn mithilfe der Glykosyltransferase aus Zucker Glukan freigsesetzt und so zwischen Pellikel und Bakterienzellen Glukanbrücken ausgefahren werden können.

 

Selbst nach gründlicher Reinigung besiedeln bereits nach vier Stunden mit Actinomyces naeslundi beziehungsweise Actinomyces viscosus sowie Streptokokkus sanguis, oralis oder salivarius und Bakterien der Gattung Neisseria zunächst harmlose apathogene Pioniere das Schmelzoberhäutchen. Schon bald jedoch bekommen sie schlechte Gesellschaft von bösen Buben wie Streptococcus mutans und Streptococcus sobrinus, die nunmehr mit Leichtigkeit an den vorproduzierten Film andocken und dem Zahn mit Säuren aufs Übelste zu Leibe rücken. 

 

Niedermolekulare Zucker werden von den Eindringlingen in schmelzauflösende Milch-, Propion- und Essigsäure zerlegt. Zudem werden kurze Zucker in höhermolekulare Polysaccharide verwandelt, die weitere Säureattacken ermöglichen, auch wenn der Mensch seinen Zuckerkonsum herunterfährt. Die Übeltäter sind keinesfalls, wie oftmals angenommen, Teil der natürlichen Mundflora. Vielmehr steckt sich der Mensch meist bereits als Baby an, wenn Mutter, Vater oder Kinderschwestern zum Beispiel beim Füttern den Löffel oder den Sauger der Trinkflasche beziehungsweise den Schnuller ablecken. Erstaunlicherweise ist das den wenigsten Eltern bekannt.

 

Säureattacken auf Zahnschmelz

 

Im Zahnschmelz als härteste und somit scheinbar unanfechtbare Substanz des menschlichen Körpers bilden Calcium und Phosphat sowie Magnesium, Natrium, Carbonat und Fluorid Hydroxylapatit-Kristallite, die sich zu größeren Schmelzprismen zusammenlagern. Die Säureattacken schaffen es, Calciumionen aus dem Kristallgitter zu lösen und den Schmelz so zu demineralisieren. Zwar liefert Speichel neue Calciumionen, die die Löcher im Gitter rasch wieder flicken. Allzu heftigen und lang anhaltenden Angriffen vermag der Schmelz auf Dauer dennoch nicht standzuhalten und das empfindliche Gleichgewicht verschiebt sich unaufhaltsam weiter in Richtung Demineralisation.

 

Die Symptome bei Karies als kohlenhydratmodifizierte Infektionserkrankung reichen von submikroskopischen Veränderungen des Zahnhartgewebes vorrangig im Kristallgitterbereich über mikroskopisch nachweisbare Oberflächendestruktionen bis hin zu klinisch diagnostizierbaren initialkariösen Veränderungen beziehungsweise offenen Kavitäten, also Hohlräumen im Zahn nach Entfernen der Karies (3).

 

Die beliebte Ausrede, Karies oder kariesanfällige Zähne seien erblich, zieht nach heutigem Wissensstand nicht mehr. Die Entstehung von »Zahnfäule« wird durch die chemische Zusammensetzung und kristalline Struktur des Schmelzes, die Morphologie und Stellung der Zähne, die Menge und Qualität des Speichels sowie die Schlagkraft der körpereigenen Abwehr beeinflusst ­ alles Faktoren, die der Mensch durch sein Verhalten weitgehend beeinflussen kann.

 

Höheres Risiko durch Übergewicht

 

Während die Statistik bei Karies ein positives Bild zeichnet, sieht es in puncto Parodontalerkrankungen eher düster aus. Mittelschwere und schwere Formen haben bei bundesdeutschen Erwachsenen und Senioren seit 1997 um 26,9 beziehungsweise 23,7 Prozent zugenommen. Ursache sind auch hier Mikroben, zum Beispiel Actinobacillus actinomycetemcomitans beziehungsweise Porphyromonas gingivalis und Bacteroides forsythus, die an vorderster Zahnfront ihr Unwesen treiben (4).

 

Machen sich die Keime den Mundraum untertan, kommt es zunächst zur Gingivitis. Diese ist besonders tückisch. Sie bereitet keinerlei Schmerzen, sondern lediglich Zahnfleischbluten, das die wenigsten Menschen besonders ernst nehmen. Hier ist besonders der Apotheker in der Pflicht, aufzuklären und leichtfertige beziehungsweise unwissende Patienten zu informieren und zu sensibilisieren.

 

Erhalten Endprodukte des bakteriellen Stoffwechsels wie Ammoniak, Indol, Schwefelwasserstoff, Fettsäuren und Polyamine im Zusammenspiel mit Enzymen und Exotoxinen (2) die Chance, das Wirtsgewebe weiterhin unermüdlich zu attackieren, so verwandelt sich eine vermeintlich harmlose Gingivitis schließlich in eine gefährlich Parodontitis. Der Zahnhalteapparat wehrt sich verzweifelt, indem er neutrophile Granulozyten, Antikörper und das Komplementsystem auf die Angreifer hetzt.

 

Tatsächlich gibt es vom Schicksal begünstigte Menschen, die dank ihrer schlagkräftigen Abwehrarmada ein Leben lang »lediglich« unter entzündetem Zahnfleisch leiden. Doch den meisten ergeht es weniger glimpflich. Im Zuge der Entzündung löst sich der Zahnhalteapparat von den Wurzeln. Es fräsen sich Taschen zwischen Zahn und Zahnfleisch, die noch mehr ungebetene Mikroben beherbergen können. Am Ende gibt es für den Zahn kein Halten mehr; er lockert sich und fällt aus.

 

Zahlreiche hoch signifikante Risikofaktoren wie Nikotinkonsum, männliches Geschlecht, niedriges Bildungsniveau beziehungsweise die Anwesenheit von supragingivalem Zahnstein und Plaque erleichtern das Entstehen einer Parodontitis (5). Zu viel Speck auf den Rippen und besonders auf der Taille schadet dem Zahnfleisch ebenfalls. Amerikanischen Studien gemäß ist die Prävalenz von Parodontalerkrankungen bei übergewichtigen Männern und Frauen um 76 Prozent höher als bei normalgewichtigen Zeitgenossen (6).

 

Anderen Untersuchungen zufolge sind besonders jüngere Übergewichtige gefährdet (7). Wer viel Stress hat oder gern Trübsal bläst, bringt sein Hormon- und Immunsystem aus dem Lot und leistet so dem zerstörerischen Treiben im Mund Vorschub. Auch die empfindlichen hormonellen Veränderungen während einer Schwangerschaft können negative Auswirkungen auf die Gingiva haben (8, 9). Schwangere mit Entzündungsherden am Zahnfleisch riskieren vorzeitige Wehentätigkeit und damit Frühgeburten. Gerade werdende Mütter sollten daher auf einen besonders sauberen Mundraum achten (10).

 

Diabetiker haben in puncto Parodontitis besonders schlechte Karten. Die Zuckerstoffwechselstörung erhöht das Risiko für Plaque im Mundraum, die wiederum die Blutzuckereinstellung erschwert (11). Patienten mit unbehandelter Parodontitis haben zudem ein erhöhtes Risiko für die Entstehung einer Bakteriämie und damit Endokarditis. Zahlreiche klinische und epidemiologische Belege assoziieren Parodontiden mit Fettstoffwechselstörungen, Herz- und Kreislaufleiden, Schlaganfall, Atemwegserkrankungen, Osteoporose, Alzheimer oder rheumatoider Arthritis. Auch ein Zusammenhang mit der Entstehung von Krebserkrankungen wird postuliert (12). Gerade für Nierenkranke und Dialysepatienten ist es wichtig, der bakteriellen Dauerbelastung entschieden entgegenzuwirken.  

 

Zähne brauchen Zuwendung und Zeit. Sie wollen einige Minuten am Tag umsorgt werden. Das scheint ein Großteil der Bevölkerung erkannt zu haben. Gemäß der bereits zitierten Mundgesundheitsstudie 2005 putzen sich 74,2 Prozent der Kinder, 73,4 Prozent der Jugendlichen, 72,8 Prozent der Erwachsenen und 60,0 Prozent der Senioren diese zweimal am Tag (1).

 

Beliebt beim Verbraucher jeder Alterklasse sind Zahnbürste, Zahncreme, Mundwasser und -spüllösung sowie der Zahnpflegekaugummi. Ein eher kümmerliches Dasein fristen Zwischenraumgerätschaften wie Interdentalbürsten oder Zahnseide. Nur etwa ein Prozent der Deutschen nehmen das Fädelgarn zur Hand. Während Experten einen Pro-Kopf-Verbrauch von etwa 180 m pro Jahr als angemessen ansehen, bringt es der normale Bundesbürger nur auf wenige Meter.

 

Zahnärzte raten, zweimal am Tag die Bürste zu schwingen, nicht viel öfter. Wer häufiger mit Bürste und Zahncreme zugange ist, laufe Gefahr, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben, sprich: die Zahnoberfläche buchstäblich abzurubbeln und den Entmineralisierungsprozess auf diese Weise zu beschleunigen (13). Es gibt verschiedene Zahnputztechniken, die sich gegebenenfalls auch beim Zahnarzt erlernen lassen (2, 14).

 

Die Technik nach Bass wird als besonders geeignet für die effektive Zahnreinigung von Erwachsenen und Jugendlichen empfohlen: Danach soll die Zahnbürste so gehalten werden, dass die Borstenachse zur Zahnkronenachse einen Winkel von 45 bis 65 Grad bildet. Das Borstenfeld bedeckt Zahnoberfläche und Zahnfleisch zu gleichen Teilen. Mit kleinen, mindestens zehn Rüttelbewegungen pro Zahnabschnitt wird die Plaque gelöst. Zum Reinigen der Rückseite der Frontzähne wird die Zahnbürste senkrecht gehalten und es werden ebenfalls kleine Rüttelbewegungen gemacht. Die Kauflächen werden mit senkrecht gerichteten Borsten gereinigt.

 

In kleinen Kreisen putzen

 

Als gut geeignet bei freiliegenden Zahnhälsen gilt die Zahnputztechnik nach Stillmann. Auch hier wird das Borstenfeld in einem Winkel von 45 Grad zu Zähnen und Zahnfleisch angesetzt. Geputzt wird von Rot nach Weiß mit mindestens fünf abrollenden Bewegungen pro Zahnabschnitt. Zur zusätzlichen Reinigung zwischen den Zähnen insbesondere bei Parodontalerkrankungen wird die Zahnputztechnik nach Charters genutzt: In einem Winkel von 45 Grad wird die Bürste so am Zahn angesetzt, dass sich die Borsten leicht in die Zwischenräume fräsen. Sie wird dann von der Kaufläche zum Zahnfleisch vor- und zurückbewegt.

 

Die sogenannte KAI-Methode soll besonders Kindern ab viereinhalb Jahren das schrittweise Erlernen der richtigen Technik erleichtern. K steht für Kauflächen, die, beginnend im hintersten Zahn der oberen und unteren Zahnreihe, mit horizontalen Hin- und Herbewegungen der Zahnbürste gereinigt werden. A steht für Außenflächen. Der Sprössling stellt sich beim Putzen vor, mit der Zahnbürste Bälle oder Kreise auf die Zähne zu malen und arbeitet sich dabei am besten von hinten nach vorn vor. I steht für Innenflächen, die ebenfalls von rot nach weiß mit kleinen Kreisen geputzt werden.

 

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Eltern sollten  mindestens bis zur Einschulung ein Auge auf die tägliche Zahnpflege ihres Nachwuchses werfen. Noch einmal putzen ist gegebenenfalls  nie verkehrt. Spätestens, wenn der erste Milchzahn durchkommt, ist Zähneputzen oberstes Gebot. Egal welche Technik: Die Putzzeit sollte stets mindestens zwei Minuten betragen. Nach dem Genuss von Saurem wie zum Beispiel Orangen- oder Zitronensaft ist zum Schutz des Zahnschmelzes stets eine Putz-Karenzzeit von etwa einer Stunde einzuhalten.

 

Für Kinder empfehlen sich Borsten aus Kunststoff mit einem kurzen Kopf und planem, kleinen Borstenfeld, am besten mittelhart bis weich. Kinderzahnbürsten sollten mindestens drei Borstenreihen aufweisen. Vielen Menschen fällt das Erlernen spezieller Techniken schwer. Sie greifen gern auf Alternativen, sprich: elektrische Zahnbürsten zurück. Studien zeigen, dass die Plaquebildung im Vergleich mit Handzahnbürsten verringert werden kann.

 

Ob Jung oder Alt: Die Bürste muss spätestens, wenn sich die Borsten unschön nach außen biegen, ansonsten alle acht Wochen ausgewechselt werden. Moderne Zahnbürsten mit Indikationsborsten zeigen an, wann sie in den Müll müssen. Auch nach einer Erkältung oder Magen-Darm-Infektion gehört die Bürste in den Abfall. Niemals sollten Zahnbürsten nach Gebrauch in einem geschlossenen Behälter aufbewahrt werden, es sei denn, sie gehen auf die Reise.

 

Mit Seide, Holz und Faden

 

Zahnseiden punkten da, wo Borsten nicht hinkommen. Wem die klassische Methode des Fädelns mit der zwischen zwei Zeigefingern oder Mittelfingern gespannten Seide nicht gelingen will, kann sich heute spezieller Halter bedienen. Egal ob vor oder nach dem Putzen: Einmal am Tag muss die gegebenenfalls gewachste Seide zur Reinigung von Interdentalräumen auch unter Brücken ran. Interdentalbürsten sind unverzichtbar bei festsitzenden kieferorthopädischen Spangen und Implantaten.

 

Zungenschaber oder -bürsten reduzieren Keime, die sich gern auch zwischen den Papillen ansiedeln, auf ein Minimum und verhindern dadurch Mundgeruch. Zahnhölzchen machen sich bei beginnender parodontaler Veränderung besonders im Bereich von Füllungsrändern verdient. Beim Kauf sollte der Verbraucher insbesonders auf den dreieckigen, dem Zahnzwischenraum angepassten Querschnitt achten (14).

 

Mundspülungen versprechen viel, halten aber nicht alles. Der Kunde muss wissen, dass der Einsatz dieser Lösungen die mechanische Mundpflege nicht ersetzen kann. Sie bleiben weder lang genug noch in ausreichend hoher Konzentration am Wirkort, um gegen den stabilen Film aus Bakterien, klebrigen Polysacchariden und Speichelproteinen ankommen zu können. Ihren Platz haben sie vorübergehend vor allem vor oder nach chirurgischen Eingriffen zum Beispiel im Rahmen einer Parodontalbehandlung sowie bei akuten oralen Erkrankungen oder übersensiblen Zahnhälsen. Längerfristig bietet sich ihr Einsatz zur Keimreduktion im Mund vor allem bei Menschen mit Behinderungen, pflegebedürftigen Senioren, Schwangeren oder aber bei freiliegenden Zahnwurzeln an (2).

 

In puncto Effektivität liegt Chlorhexidin-Digluconat ganz vorn, da es ein breites antibakterielles Wirkspektrum besitzt beziehungsweise fähig ist, bereits in niedriger Dosierung  von idealerweise 0,2 Prozent bakterizid gegen Mutans-Keime zu agieren. Die im Vergleich zu anderen Lösungen relativ lange Verweildauer auf Zahnoberfläche und Mundschleimhaut auch nach Ablauf der Spülzeit, machen das kationische Detergens zu einem Renner. Wer allerdings Angst um sein strahlend weißes Gebiss hat, sollte nach drei Wochen kontinuierlicher Anwendung pausieren, da sich ansonsten Zähne, Füllungen und Zungenpapillen unschön verfärben können. 

 

Da anionische Tenside aus Zahnpasten Chlorhexidin inaktivieren, bedarf es zudem einer zweistündigen Karenzzeit zwischen Chlorhexidin-Spülung und Zahncreme. Andere plaquehemmende Substanzen sind Triclosan, quarternäre Ammoniumbasen, Hexetidin, phenolische Substanzen, Sanguinarin, anionische Tenside, Delmopinol und Wasserstoffperoxid. Bis auf Triclosan findet keines der Mittel Gnade vor Expertenaugen (2).

 

Fluor hält den Schmelz im Fluss

 

Als Maßnahme für gesunde Zähne gelten neben der Zahnpflege und einer für die Zähne gesunden zuckerfreien Ernährung Fluoridanwendungen, die die natürliche Fluoridkonzentration im Zahnschmelz zum Zweck der Prophylaxe erhöhen. Fluorid soll nicht nur eine Reihe bakterieller Enzyme und damit die Entstehung von Plaque, sondern auch die Bildung von Säuren aus Zucker reduzieren können.

 

Bei Säureattacken auf den Zahnschmelz wird bevorzugt Magnesium und Phosphat aus dem Kristallgitter des Zahnschmelzes gelöst. Bei der Remineralisation in Anwesenheit von Fluorid soll die hohe Ladungsdichte des Ions den Wiederaufbau des Gitters und so die Stärkung der äußeren Schmelzschicht erleichtern. Wird der kristalline Schmelzanteil durch Säureeinwirkung aus dem Zahnschmelz ausgewaschen, so soll Fluor zum Teil selbst durch Austausch gegen Hydroxylionen und Verankerung in der obersten Apatit-Schmelzschicht und somit Bildung von Fluor-Apatit zur Wiederherstellung des physiologischen Gleichgewichts des Zahnschmelzes beitragen (2).

 

Als Fluoride kommen in manchen Zahncremes beziehungsweise Mundwässern und fluoridhaltigen Gelen, aber auch Fluoridtabletten unter anderem Natriumfluorid (NaF), Zinn(II)-Fluorid (SnF2) oder Aminfluoriden zum Einsatz (15). In ihrer Leitlinie »Fluoridierungsmaßnahmen« verteilt die Zahnärztliche Zentralstelle Qualitätssicherung (ZZQ) im Institut der Deutschen Zahnärzte, Köln, Bestnoten nicht nur für die Fluoridierung von Speisesalz mit Kaliumfluorid (KF), sondern auch für die Fluoridierung mittels Zahnpasta mit ausreichendem Fluoridgehalt, Fluoridtabletten, Fluoridlack, Fluorid-Gelen und Mundspüllösungen (16). Zur Gewährleistung des idealen Ionenflusses an der Zahnschmelzoberfläche sollte die lokale Fluoridierung mit Zahncreme ein Leben lang und idealerweise zweimal täglich erfolgen.

 

Die Dritten nicht vergessen

 

Auch für Implantat- und Gebissträger ist die sorgfältige Mundhygiene mit Zahn- und Interdentalbürste, Zahnseide und -creme mit antibakteriellen Wirkstoffen unumgänglich. Bleiben Beläge auf Zähnen, Kronen und Implantaten zurück, drohen Mukositis und Periimplantitis als Infektion des implantatnahen Bindegewebes mit Verlust des Alveolarknochens, welcher wiederum zu einer Verminderung der Implantat-Integration und in letzter Konsequenz zum Implantatverlust führt. Weitere tragende Säulen bei der Implantatpflege sind der Verzicht auf Nikotinkonsum sowie der regelmäßige Besuch beim Zahnarzt alle drei bis sechs Monate.

 

Zur Pflege der Dritten, sprich: von Prothesen und Ersatzzahnreihen, sind spezielle Bürsten erhältlich. Zur Pflege ihrer Innenseiten eignen sich zudem in Seifenlauge getauchte Wattestäbchen oder Einbüschelbürsten, hier ist der Einsatz von Zahnpasta eher schädlich. Ihre Schmirgelstoffe können die Prothesenoberfläche zerstören. Die Nutzung von Chlorhexidin hingegen ist sinnvoll, da der Wirkstoff desinfiziert. Gegen kalkartige Ablagerungen auf Prothese und Zahnspange hilft verdünnter Essig. Beläge sollten im Anschluss mit einer Bürste abgeschabt werden. Weiche Beläge lösen auch Reinigungstabletten oder Pulver auf Peroxidbasis. Es empfiehlt sich, im Rahmen der Säuberungsaktion generell auch Gaumen, Zunge und Schleimhaut mit einer weichen Bürste zu schrubben.

 

Oft in der Hand von Pflegepersonal, Betreuern oder Anverwandten als »Fremdputzer« liegend, muss auch und gerade bei behinderten und pflegebedürftigen Menschen die konsequente Mund- und Zahnpflege Selbstverständlichkeit sein. Für motorisch-eingeschränkte Menschen, die dennoch selbst putzen, bietet der Fachhandel ein reiches Sortiment an Spezialgerätschaften und Griffhilfen (17, 18). »Selbst«- und »Fremdputzer« können mithilfe von Plaquefärbemitteln von Zeit zu Zeit die Effizienz der Zahnpflege kontrollieren.

 

Zum Sichtbarmachen der Plaque auf den Zahnflächen und der Mundschleimhaut werden Färbetabletten oder Lösungen verwendet. Diese sind auch unter dem Namen »Plaqueindikatoren« oder »Plaquerevelatoren« bekannt. Durch den Test verfärbt sich der Zahnbelag und zeigt somit an, wo die Zähne noch nicht ausreichend geputzt sind. Hierbei wird auf verschiedene Plaquefärbemittel zurückgegriffen.

 

Wenn Zähne Farbe bekennen

 

Die einfarbige Anfärbung macht sich die Wirkung von Erythrosin-Tabletten zunutze, die mit Plaque behaftete Bezirke auf den Zähnen und der Mundschleimhaut anfärben. Der stark iodhaltige, jedoch als Lebensmittelfarbstoff zugelassene Farbstoff steht allerdings im Verdacht, Allergien auszulösen, und sollte daher nicht auf Dauer gebraucht werden.

 

Der Test mittels zweifarbiger Anfärbung unterscheidet zwischen älteren und neueren Zahnbelägen mittels verschiedener Farbstoffzusätze. Stärker vernachlässigte Stellen am Zahn werden sichtbar und können zukünftig gründlicher gereinigt werden. Meist enthalten diese Färbemittel Brillantblau und Phloxin B (Tetrachlortetrabromfluorescein), wobei Letzteres zu den Xanthen-Farbstoffen gehört.

 

Speziell für die Zahnarztpraxis entwickelte Spüllösungen enthalten Fluorescein. Unter UV-Licht fluoresziert der Zahnbelag. Bei normalem Licht bleibt diese Anfärbung unsichtbar. Bei sachgemäßer Anwendung sind keine gesundheitlichen Risiken zu erwarten. Früher gebräuchliche Lösungen mit den Farbstoffen Fuchsin oder Kristallviolett können herstellungsbedingt gesundheitsschädliche Amine enthalten. Beim Dauergebrauch großer Mengen besteht ein kanzerogenes Risiko.

 

Bei schwer erkrankten, bettlägerigen Menschen ist ebenso wie die Zahnpflege auch das regelmäßige Anfeuchten der Mundschleimhaut von großer Bedeutung. Da das in der professionellen Pflege häufig eingesetzte Citronatstäbchen dieser auf Dauer Wasser entzieht, sollte das Stäbchen alternativ mit Kamillentee, Sonnenblumenöl oder auch Milch benetzt werden.

 

Einmal täglich muss die Mundschleimhaut mit einer Chlorhexidin-haltigen Lösung gereinigt oder einem entsprechenden alkoholfreien Spray benetzt werden. Dexpanthenol trägt zur Linderung von Entzündungen bei. 

 

Weiche Handzahnbürsten, bei erhöhter Aspirationsgefahr Zahnbürsten, die über einen Saugschlauch an ein Absauggerät angeschlossen sind, helfen bei der Zahnpflege von Schwerstkranken. Ebenfalls mit  Dexpanthenol-Salbe lassen sich Borken auf dem Zungenrücken des Kranken anlösen, bevor man sie mit einem Zungenschaber abkratzt. Keinesfalls vergessen werden darf die Lippenpflege der Kranken mit einem Fettstift, Vaseline oder ebenfalls Dexpanthenol (9).

 

Eine schlechte Abwehrlage zum Beispiel im fortgeschrittenen Aids-Stadium oder aber bei Chemo- beziehungsweise Strahlentherapie kann zu Mundsoor als entzündliche Erkrankung der Mundschleimhaut führen, die zumeist durch  Candida albicans hervorgerufen wird. Ältere Menschen erkranken häufig aufgrund ungenügender Pflege von Zahnprothesen an der oralen Candidose. Von Mundsoor sind vor allem jedoch auch Kleinkinder und Säuglinge betroffen.  Hauptsymptome sind Brennen in Mund und Rachen sowie Schluckbeschwerden. Die Mundschleimhaut ist gerötet und von weißen, stippchenförmigen, abstreifbaren Belägen bedeckt. Die jungen Patienten fühlen sich schwach und verweigern die Nahrungsaufnahme.

 

Gegen Abszesse und Aphthen

 

Die lokale Antimykotika-Therapie besteht in der Gabe Nystatin- oder Amphotericin B-haltiger Suspensionen beziehungsweise Natamycin-haltiger Lutschtabletten oder Miconazol-haltiger Mundgels. Prothesenträger sollten zusätzlich auf eine Verbesserung der Mundhygiene achten. Die Behandlung muss auch nach Symptomfreiheit weitere 48 Stunden lang andauern. Lokale Antiseptika gelten als sinnvolle Zusatzmaßnahmen (14, 19).

 

Erst wenn die lokale Soor-Therapie versagt, ist die systemische Antimykotika-Therapie mit Itraconazol beziehungsweise Fluconazol angezeigt, wobei Letzteres auch für Kinder geeignet ist. Für die Therapie schwerer oropharyngaler Candidosen ist seit Oktober 2005 als Antimykotikum aus der Gruppe der Azole Posaconazol zugelassen. Es hemmt die Ergosterolbiosynthese und gilt als Antimykotikum, dass bei schweren beziehungsweise Itraconazol- oder Amphotericin B-resistenten Pilzinfektionen insbesondere immungeschwächter Patienten angewendet werden soll.

 

Bei Abszessen und Phlegmonen mit Schmerzen, Schwellung, Erythem, Fistelung und gegebenenfalls Fieber wird der Arzt zu Penicillinen, alternativ Lincosaminen, Cephalosporinen, Makroliden beziehungsweise Carbapenemen als »Reservemittel« greifen. Als lokal unterstützende Maßnahme empfiehlt sich der Einsatz einer Chlorhexidin- Mundspülung, bei Fieber und Schmerz kann die zusätzliche Gabe von Antiphlogistika, Analgetika und Antipyretika sinnvoll sein. Oftmals sind zur Behebung der Schmerzen chirurgische Maßnahmen, also Inzision, Drainage oder Extraktion unumgänglich (20).

 

Aphthen, also ebenfalls sehr schmerzhafte, von einem entzündlichen Randsaum umgebene und weißem Fibrinbelag bedeckte Erosionen der Mundschleimhaut, können unter anderem durch Traumen infolge des versehentlichen Beißens in die Mundschleimhaut, Lebensmittelunverträglichkeiten zum Beispiel durch Nüsse und Zitrusfrüchte, aber auch immunologische (Behcet-Syndrom) beziehungsweise virale Erkrankungen und hier unter anderem durch Herpes-Infektionen entstehen.

 

Als Entstehungsursache werden zudem auch Eisen-, Folsäure- oder Vitamin-B12-Mangel beziehungsweise Stress diskutiert. Aphthen können die ärztliche Konsultation, Diagnose und Therapie und den Einsatz unter anderem von Glucocortiociden  oder, sofern viral bedingt, Virustatika wie Aciclovir unumgänglich machen. Der oft starke Schmerz kann gegebenenfalls mit Lidocain-Mundgel gelindert werden (2).

 

Wichtig für den Apotheker zu wissen ist, dass zahlreiche Medikamente Entzündungen der Mundschleimhaut hervorrufen können. Die Gabe von Alteplase, Chlorambucil, Phenprocoumon, Sultamicillin oder Cisplatin geht oft mit Zahnfleischbluten einher. Auch Methotrexat, Amoxicillin, Ampicillin, Clotrimoxazol, Ciclesonid, Fluorouracil sowie Vincaalkaloide können zu schmerzhaften Wunden im Mund führen. Eine Stomatitis medicamentosa kann Folge auch der Einnahme von Melperon, Metronidazol, Mezlocillin, Lansoprazol, Leflunomid, Doxycyclin, Procain, Piroxicam, Pankreatin vor allem bei Kindern und Probenecid sein.

 

Wer Ciclosporin A, Pyrimethamin, Saquinavir oder Calciumantagonisten einnehmen muss, leidet häufig unter Zahnfleischwucherungen. Auch Phenytoin geht oftmals mit charakteristischen Gingivaveränderungen daher. Bei Zidovudin muss mit einer Pigmentierung der Mundschleimhaut gerechnet werden. Soor überzieht gegebenenfalls auch die Mundhöhle im Rahmen einer Beclomethason- oder Budesonid- sowie Clarithromycin- und Ganciclovir-Medikation. Ein Missempfinden im Mund- und Rachenraum verspürt, wer Formoterol inhaliert (21, 22). Oftmals bilden sich die Reaktionen der Mundschleimhaut auch nach Absetzen des auslösenden Medikamentes nur langsam zurück. 

 

Phytos können lindern

 

Bei Entzündungen in der Mundhöhle hält Mutter Natur einige »Phytos« bereit, die adjuvant oder im Alleingang Linderung herbeiführen können (23, 24). Bei akuter Stomatitis haben sich Extrakte aus Eibischwurzel und -blättern, Isländisch Moos beziehungsweise Malvenblättern und -blüten bewährt, die die gereizte Schleimhaut mit einem sanften Schleimfilm überziehen.

 

Extrakte aus Salbeiblättern, Arnika- oder Kamillenblüten, Gewürznelken, Thymiankraut und Propolis hingegen wirken antiphlogistisch und antiseptisch. Zur Therapie der chronischen Stomatitis kommen  Adstringentien und hier Extrakte aus Heidelbeerfrüchten, Tormentillwurzelstock, Myrrhe, Ratanhiawurzel oder Syzygiumrinde zum Einsatz. Myrrhen- und Salbeiextrakte versprechen auch bei Aphten Linderung, während Tormentillwurzelstock, Ratanhiawurzel und Propolis zudem in der Gingivitis- und Parodontosetherapie ihren Platz haben. Sinnvoll kann die »Kombinationstherapie«, sprich: der Einsatz mehrerer Phytopharmaka mit adstringierenden, antiseptischen, antiphlogistischen und schmerzstillenden Eigenschaften im »Mix«, also einem pflanzlichen Heilpräparat, sein.

 

Zahnpflege ist nicht nur Kosmetik. Sie dient auch dem Erhalt der körperlichen Gesundheit. Viele ernste Krankheiten, die sich auf dem Boden pathogener Mikroben auf Zahn und Zahnfleisch entwickeln, können durch sorgfältige Pflege vermieden werden. Immer mehr Studien belegen, dass die Parodontitis als bakteriell bedingte Entzündung des Zahnhalteapparates Risikofaktor für die Entstehung von Allgemeinerkrankungen ist. Große Bedeutung kommt daher auch der professionellen Zahnreinigung und Dentalhygiene in der Zahnarztpraxis als private Einzelleistung zu.

 

Auch wenn die indivualprophylaktische Leistung von den Krankenkassen nicht übernommen wird: Entsprechend des individuellen Erkrankungsrisiko des Patienten sollte sie gemäß Empfehlung der Bundeszahnärztekammer mehrmals im Jahr durchgeführt werden. Wer wirklich Wert auf gute Zähne legt, kommt um professionelle Zahnreinigung nicht herum. Das Geld ist gut angelegt.

Literatur

... bei der Verfasserin

Die Autorin

Sabine Schellerer studierte in München Pharmazie und erhielt 1993 ihre Approbation. Von 1994 bis 2000 arbeitete sie am Institut für Rechtsmedizin der Universität München an ihrer Promotion und war während dieser Zeit auch in öffentlichen Apotheken tätig. Anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Fachzeitschriftenredakteurin sowie Praktika in mehreren Verlagen. Seit Mitte 2002 ist Dr. Schellerer freiberuflich als Wissenschafts- und Medizinjournalistin tätig. Derzeit lebt und arbeitet sie in Hongkong.

 

s.schellerer(at)web.de

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