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Versandhandel

Gefahr aus dem Internet

15.10.2007  12:14 Uhr

Versandhandel

Gefahr aus dem Internet

Von Daniela Biermann, Bonn 

 

Eine Medikamentenbestellung im Internet ist mit unkalkulierbaren Risiken verbunden. Denn für Laien ist es schwierig, zwischen seriösen und unseriösen Händlern zu unterscheiden. Daher fordern Experten, den Versandhandel einzuschränken oder zu verbieten.

 

Ist der Versandhandel ein Fortschritt in der Arzneimittelversorgung oder stellt er eine Gesundheitsgefährdung dar? Mit dieser Fragestellung beschäftigten sich Experten aus Wissenschaft, Industrie, Verbraucherschutz und Bundeskriminalamt bei einem Symposium des Instituts für Drug Regulatory Affairs der Universität Bonn. Der Hintergrund: Mit dem GKV-Modernisierungsgesetz wurde 2004 der Versandhandel von apotheken- und verschreibungspflichtigen Medikamenten erlaubt. Die Politik versprach sich davon niedrigere Kosten und eine bessere Versorgung.

 

Diese Rechnung ist nicht aufgegangen: »Wir geben die Arzneimittelsicherheit auf, gewinnen aber nur sehr wenig«, lautet das Fazit von Professor Dr. Harald Schweim, Leiter des Instituts für Drug Regulatory Affairs. Der legale Internetversandhandel habe nur einen geringen Marktanteil und reduziere die Arzneimittelausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung kaum. Kai Vogel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen bestätigte, dass es selten echte Preisvorteile für die Kunden gibt.

 

Die Versorgungslage sei dank der Präsenzapotheken gut, sagte Schweim. Er hält auch deshalb den Versandhandel für unnötig. Vor allem hat der ehemalige Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte aber Sicherheitsbedenken. Zwar schätzte er wie auch die anderen Teilnehmer den Medikamentenbezug von legalen deutschen Versandapotheken als sicher ein. Doch die Legalisierung des Versandhandels habe die Hemmschwelle gesenkt, im Internet zu bestellen. Hier bestehe der überwiegende Teil der Anbieter aus illegalen Online-Apotheken, und diese liefern hauptsächlich gefälschte Medikamente. »Für die Patienten ist eine Unterscheidung zwischen seriösen und unseriösen Anbietern fast unmöglich«, sagte Schweim. Er forderte daher, den Versandhandel komplett zu verbieten. Letztlich werde so auch die Strafverfolgung erleichtert, die seiner Meinung nach viel zu zurückhaltend sei.

 

Heike Sürmann vom Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden bestätigte den starken Anstieg der Arzneimittelkriminalität. Gefälscht würden nahezu alle Arzneimittel, vor allem aus dem Lifestyle-Bereich. Vertrieben würden diese Fälschungen über das Internet. Das BKA arbeite zurzeit an Handlungsempfehlungen und prüfe, ob der Online-Handel auf nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel beschränkt werden sollte.

 

Ware besonderer Art

 

Dieser Forderung schloss sich Lutz Tisch an. Der ABDA-Geschäftsführer für Apotheken-, Arzneimittel- und Berufsrecht sieht die Patientensicherheit durch den Versandhandel nicht nur wegen Medikamentenfälschungen gefährdet. »Arzneimittelversorgung ist mehr als nur Beschaffung«, stellte er fest. »Arzneimittel sind eine Ware besonderer Art.« Dem stimmten alle Teilnehmer des Symposiums zu. Tisch forderte daher, die besondere Ware in einen Rahmen zu stellen, der ihren Schutz ermöglicht. »Dafür brauchen wir Präsenzapotheken und Apotheker als qualifizierte Vermittler.« So habe der Apotheker Gemeinwohlpflichten die nur über eine ortsgebundene Versorgung zu erfüllen sind, etwa die Dienstbereitschaft und das Verhindern von Arzneimittelmehr- und -fehlgebrauch. Versandhandel und Pickup-Stellen leisten diese wichtigen Dienste dagegen nicht und können somit wirtschaftlicher handeln.

 

Zustimmung erhielt Tisch von der Industrie: So forderte Michael Damman vom Verband forschender Arzneimittelhersteller gleiche Standards für Versandhändler und Präsenzapotheken. Verbesserungsbedarf sieht er insbesondere bei Versandhändlern aus dem europäischen Ausland. Diese müssen sich nicht an die Arzneimittel-Preisverordnung halten. »Es darf zu keiner Inländerdiskriminierung kommen.« Insgesamt schätzte er, dass der Versandhandel mittelfristig eine eher kleine Nische in der Arzneimittelversorgung besetzen wird: »Zu wichtig scheint für den Patienten der persönliche Kontakt mit dem Apotheker zu sein.«

 

Auch Dr. Frank Stollmann vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen betonte die Bedeutung einer Beratung vor Ort und die Leistungen der Präsenzapotheken. So werden hier Rezepte auf ihre Echtheit geprüft, die sachgerechte Anwendung von verschiedenen Arzneiformen erklärt und eine schnelle Akutversorgung sichergestellt. Johannes Mönter, Erster Vorsitzender des Bundesverbands deutscher Versandapotheken (BVDVA), räumte ein, dass im Akutfall die Bestellung bei einer Internetapotheke nicht sinnvoll sei.

 

Zu deren Zielgruppe gehörten vielmehr chronisch Kranke mit planbarem Medikamentenbedarf. Die Kunden würden telefonisch betreut. Stollmann war jedoch wie Tisch der Meinung, dass das persönliche Gespräch nicht zu ersetzen sei. Rezeptpflichtige Medikamente sieht der leitende Ministerialrat als Ware der ganz besonderen Art mit hohem Gefährdungspotenzial für den Verbraucher. Das Ministerium bereite daher eine Bundesratsinitiative vor, um den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten zu verbieten.

 

Aufklärung ist notwendig

 

Verbraucherschützer Vogel sorgt sich ebenfalls um die Patientensicherheit. »Aus Gründen der Praktikabilität sind die Möglichkeiten zur Beratung bei Versandapotheken eingeschränkt. Vielen Patienten ist nicht klar, dass jedes Arzneimittel auch Nebenwirkungen hat.« Eine besondere Bedeutung komme der Beratung im Bereich der Selbstmedikation zu, da hier kein Arzt dahinterstehe. Er sprach sich für eine umfassende Aufklärung der Verbraucher über die Gefahren des Versandhandels aus. Unseriöse Anbieter erkenne man unter anderem an aggressiver Werbung, einer Rezeptausstellung durch einen virtuellen Arzt und einem von Europa möglichst weit entfernten Firmensitz.

 

Es gibt mittlerweile durchaus Versuche, beim Versandhandel die Spreu vom Weizen zu trennen. Bei der Verbraucherzentrale NRW erhalten Patienten eine Liste unseriöser Anbieter. Der BVDVA hält eine Positivliste bereit und verteilt Gütesiegel für qualifizierte Versandapotheken. Es gibt allerdings auch berechtigte Zweifel daran, dass solche Initiativen ihr Ziel erreichen. So demonstrierte Schweim, wie leicht sich ein solches Siegel fälschen lässt: In nur zwei Tagen programmierte der Medizininformatiker einen täuschend echten Internetauftritt einer Versandapotheke, die Fake-Apotheke. Für Laien ist es praktisch unmöglich, diese Website von einer echten Versandapotheke zu unterscheiden.

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