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Medikationsmanagement

Andere Länder, andere Sitten

21.07.2016  13:25 Uhr

Das Medikationsmanagement ist nicht nur in Deutschland ein wichtiges aktuelles Thema. Auch anderswo in Europa und auf anderen Kontinenten macht man sich darüber Gedanken. Auf dem FIP-Kongress stellten Referenten unterschiedliche Modelle und Projekte vor.

Im Eröffnungsvortrag der Veranstaltung informierte Professor Dr. Kurt Hersberger von der Universität Basel, dass es verschiedene Typen der Medikationsanalyse gibt. Bei der einfachen Medikationsanalyse (Typ 1) wird nur die Medikationsdatei als Informationsquelle herangezogen. »Auch dabei kann der Apotheker relevante Probleme entdecken, zum Beispiel Interaktionen und Doppelverordnungen.«

 

Stehen dem Apotheker neben der Medikationsdatei als zweite Informa­tionsquelle entweder ein Patienten­gespräch (Typ 2a) oder klinische Daten zur Verfügung (Typ 2b), spricht man von einer erweiterten Medikationsanalyse. Eine umfassende Medikationsanalyse (Typ 3) ist laut dem Referenten möglich, wenn Medikationsdatei, das Gespräch mit dem Patienten und klinische Daten als Informationsquellen herangezogen werden können. »Pharmazeutische Betreuung beginnt immer mit einer Medikationsanalyse«, sagte der Referent. Es sei aber ein kontinuierlicher Prozess, der regelmäßige Medikationsanalysen notwendig mache.

Dr. Christiane Eickhoff von der ABDA stellte den inter­nationalen Kollegen das deutsche Projekt ARMIN vor, die Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen. »Die Apothekerverbände und die Kassenärztlichen Vereinigungen in Sachsen und Thüringen haben das Projekt gemeinsam mit der Krankenkasse AOK Plus im Jahr 2014 gestartet.« Das Angebot richte sich vor allem an chronisch kranke Patienten, die dauerhaft mehr als fünf Arzneimittel gleichzeitig einnehmen müssen. »Andere Patienten, zum Beispiel solche mit Adhärenz- Problemen, dürfen aber auch daran teilnehmen«, sagte Eickhoff.

 

Die Apothekerin betonte, dass Apotheker und Ärzte gemeinsam die Betreuung der teilnehmenden Patienten übernehmen und dass sie auch gleich dafür honoriert werden. Derzeit seien circa 1500 Apotheker und Ärzte in das Projekt eingeschrieben. Fernziel sei es natürlich, das Projekt in ganz Deutschland einzuführen. Selbstverständlich werde es auch wissenschaftlich begleitet.

 

Ein Blick in die Nachbarländer Deutschlands zeigt, dass auch andere mitteleuropä­ische Länder beim Medikationsmanagement aktiv sind. So können etwa Apotheker in der Schweiz ihren Patienten einen Polymedikations-Check anbieten – unabhängig davon, ob ein Arzt dem zustimmt oder diese Intervention befürwortet. Wie Hersberger informierte, ist der Check auf Patienten abgestimmt, die mindestens vier Medikamente über mindestens drei Monate einnehmen.

 

Die Kosten für diese Leistung könnten zulasten der Krankenkassen abgerechnet werden. Der Referent bedauerte, dass noch längst nicht alle öffentlichen Apotheken diesen Service anbieten und dass das dafür zur Verfügung gestellte Geld der Kassen bislang nur wenig abgerufen werde. Im Jahr 2014 seien es nur 4,5 Prozent des Budgets gewesen.

 

Viel weiter als in der Schweiz und in Deutschland ist man in Sachen Medika­tionsanalyse in den Niederlanden. Das machte Apotheker Foppe van Mil aus Zuidlaren deutlich. Quasi alle Apotheken in den Niederlanden führten jährlich zwischen 50 und 100 Medikationsanalysen vom Typ 3 durch. »Für eine solche Analyse benötige ich zwei bis drei Stunden Arbeitszeit«, informierte van Mil. Er kritisierte, dass die Apotheken nicht ausreichend für diese Leistung honoriert würden. »Mit 70 bis 80 Euro können wir je nach Versicherer rechnen, brauchen würden wir aber mindestens 150 Euro.«

 

Unterschiedliche Softwaresysteme sowie die Tatsache, dass die zur Verfügung stehenden Medikationslisten nicht immer vollständig sind, stellen laut van Mil weitere Herausforderungen der Medikationsanalyse in seinem Heimatland dar. Angesichts der steigenden Zahl älterer und multimorbider Patienten wachse zudem die Zielgruppe für diese Dienstleistung: Selbst wenn man die Einschlusskriterien auf Mindestalter 75 Jahre, mindestens sieben Medikamente in der Dauertherapie und geschätzte glomeruläre Filtrationsrate kleiner als 50 ml/min/1,73m2 erhöht, erwartet man für das Jahr 2017 rund 200 Medikationsanalysen pro Jahr in jeder Apotheke.

Wie Dr. Cristín Ryan von der Queen’s University Belfast informierte, gibt es in Großbritannien gleich mehrere verschiedene Projekte zum Medikationsmanagement. So bieten schottische Apotheken beispielsweise seit 2010 den sogenannten Chronic Medication Service an, während es in Wales und England seit einigen Jahren den Medicines Use Review gibt. »Die Ärzte setzen etwa 90 Prozent der von Apothekern vorgeschlagenen Therapieänderungen um«, sagte Ryan. Die Projekte hätten allesamt zu verbesserter Adhärenz geführt und seien kostenneutral. »Möglicherweise kann der nationale Gesundheitsdienst im Vereinigten Königreich dadurch sogar letztlich Krankheitskosten sparen«, so die Referentin.

 

Seit 2013 läuft auch in Nordirland ein neues Projekt zur Medikationsanalyse. Anders als in den anderen Teilen des Vereinigten Königreichs müssen sich die nordirischen Apotheker nicht speziell zertifizieren lassen, um daran teilnehmen zu können. Für die erste Medika­tionsanalyse bei einem Patienten erhalten die Apotheken 28 Britische Pfund (etwa 38 Euro), für jede weitere 9 Pfund (12 Euro). »Aufgabe der Apotheken ist es, die Patienten herauszufiltern, die besonders von dieser Dienstleistung profitieren.« Denn jede Apotheke kann, so Ryan, pro Jahr nur 120 erste Analysen und 60 Folgeanalysen abrechnen. Dazu müssen die Apotheken Kopien der Dokumentationsbögen von den Analysen jedes Monats an den nationalen Gesundheitsdienst schicken.

 

Die beiden letzten Referate der Veranstaltung führten von Europa auf andere Kontinente. Professor Dr. Timothy Chen von der University of Sydney zufolge gibt es in Australien bereits seit 1995 den sogenannten Residential Medication Management Review. Er richtet sich an ältere Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen. Auf Wunsch eines behandelnden Arztes wird das Programm von einem akkreditierten Apotheker in Zusammenarbeit mit dem Arzt und Pflegern durchgeführt.

 

Zusätzlich gibt es seit 2001 mit dem sogenannten Home Medicines Review einen Service für Patienten, die noch zu Hause leben. Er soll sie in die Lage versetzen, von ihrer medikamentösen Therapie maximal zu profitieren. Zudem sollen damit Arzneimittel-induzierte Probleme verhindert werden. Die Teilnehmer dieses Projekts werden von den Apothekern zu Hause besucht. »Die Patienten haben oft so viele Fragen, dass der Apotheker Schwierigkeiten hat, das Haus in angemessener Zeit wieder zu verlassen«, wies der Referent auf die hohe Akzeptanz der Dienstleistung hin. Positiv sei ferner, dass 95 Prozent der Empfehlungen der Apotheker evidenzbasiert sind, wie Untersuchungen belegen. Generell komme die Dienstleistung auch bei den Ärzten sehr gut an. In regelmäßigen Workshops arbeiten sie mit Apothekern zusammen an aktuellen Patientenfällen.

 

Das US-amerikanische Modell Medication Therapy Review stellte Professor Dr. Lawrence von der Chapman University in Kalifornien vor. Auch dabei gehe es darum, die medikamentöse Therapie zu optimieren. Wie Brown erklärte, schauen Apotheker zum Beispiel darauf, ob der Patient ein medizinisches Problem hat, für das er kein Arzneimittel erhält. Anders herum achte man auch darauf, ob Medikamente eingenommen werden, die nicht benötigt werden. Das könne zum Beispiel bei Doppelverordnungen durch unterschiedliche Ärzte der Fall sein. »Apotheker beleuchten auch Wirksamkeit und Sicherheit der Medikation«, so der Referent.

 

Last but not least widmen sich die Apotheker der Adhärenz und prüfen, ob die Patienten die Mittel richtig applizieren. »Die Patienten denken, sie machen alles richtig, was aber oft nicht so ist«, betonte Brown. Auch in diesem Bereich gebe es für Apotheker viel zu tun. /

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