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Kindersterblichkeit in Industrienationen

Viele Todesfälle sind vermeidbar

08.10.2014
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Von Ulrike Viegener / In Ländern mit hohem Einkommen gibt es auch heute noch eine relevante Kindersterblichkeit. Jeder fünfte Fall wäre zu verhindern, wie aus einer im Fachjournal »The Lancet« veröffentlichten Beitragsserie hervorgeht.

Die moderne Medizin und andere zivilisatorische Errungenschaften haben zu einem massiven Rückgang der Kindersterblichkeit geführt. Sie liegt in Nationen mit hohem Einkommen heute um ein Vielfaches niedriger als in Entwicklungsländern. Trotzdem erscheinen die jetzt veröffentlichten Zahlen gerade angesichts des hohen Lebensstandards doch überraschend hoch. Laut Unicef starben im Jahr 2009 in Ländern mit hohem Einkommen weltweit 66.000 Kinder unter fünf Jahren, was etwa 8 Prozent der Fälle weltweit ausmacht (doi: 10.1016/S0140-6736(13)61089-2).

 

Viele dieser Todesfälle in Industrienationen wären zu verhindern, oder es gäbe doch zumindest in der oft mehrdimensionalen Geschichte vermeidbare Faktoren, betonen die Autoren der im Lancet publizierten Beitragsserie. Den Anteil der verhinderbaren Todesfälle im Kindes- und Jugendalter veranschlagen sie nach ihrer eingehenden Literaturrecherche auf 20 Prozent.

 

Die Forscher haben eine Fülle von Datenmaterial zur Kinder- und Jugendsterblichkeit in verschiedenen hochentwickelten Ländern beziehungsweise Kontinenten wie den USA, England, Australien und Neuseeland gesichtet und ausgewertet. Die Todesfälle im Kindes- und Jugendalter teilten sie nach Ursachen in fünf Kategorien ein: perinatale Todesursachen, angeborene (kongenitale) Anomalien, erworbene Gesundheitsprobleme, äußere Einwirkungen und unerklärliche Todesfälle. Auch Einflussfaktoren des psychosozialen und sozioökonomischen Umfelds wurden bei der Analyse unter die Lupe genommen.

 

Für England und Wales stellten die Forscher modellhaft die Häufigkeitsverteilung von Todesfällen im Kindes- und Jugendalter dar: Hier werden jedes Jahr rund 5000 Todesfälle in dieser Altersklasse registriert (doi: 10.1016/S0140-6736(13)61090-9). Der Gipfel der Sterblichkeit liegt im Säuglingsalter (vor allem in der ersten Lebenswoche) mit 4,46 Todesfällen auf 1000 Lebend­geburten. Die Haupttodesursache in dieser Gruppe ist Unreife bei Frühgeburten, hypoxisch-ischämische Verletzungen unter der Geburt sowie angeborene Anomalien wie etwa Herzfehler.

 

Höchste Sterblichkeit bei Säuglingen

 

Im weiteren Verlauf der Kindheit nimmt die Zahl der Todesfälle dann deutlich ab, die jetzt in erster Linie durch erworbene Gesundheitsprobleme wie degenerative ZNS-Erkrankungen, Infektionen, Krebs oder Atemwegsprobleme verursacht werden. Die Sterblichkeit liegt bei den Ein- bis Vierjährigen bei 0,18 pro 1000 und bei den 5- bis 14-Jährigen noch darunter. In der Adoleszenz steigt die Sterblichkeit schließlich wieder an, wobei in dieser Altersklasse äußere Einwirkungen wie Unfälle, Morde oder Suizide für mehr als die Hälfte der Todesfälle verantwortlich sind. Jungen sind hier bis zu dreimal häufiger betroffen als Mädchen.

 

Da die Sterblichkeit bei Neugeborenen noch am höchsten ist, wären Maßnahmen zur Reduktion von Risikofaktoren in der Schwangerschaft wünschenswert. Die Autoren fokussieren hier vor allem auf Rauchen und Übergewicht werdender Mütter. Inwieweit solche Lebensstilfaktoren zu embryonalen Entwicklungsstörungen beitragen, müsse noch viel genauer erforscht werden. Und auch die Faktoren, welche die Erfolge gesundheitlicher Aufklärung bislang limitieren, gelte es besser zu verstehen. Dennoch sei der Großteil der Todesfälle bei Neugeborenen durch verfügbare Interventionen nicht zu verhindern. Hier sei weitere Forschung zu Präventionsmaßnahmen nötig.

 

Viele verschiedene Ursachen

 

Die Ursachen kindlicher Todesfälle sind oft komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Das ist eine weitere wichtige Botschaft der Artikelserie (doi: 10.1016/S0140-6736(14)60581-X). Eindimensionale Erklärungsmodelle können den Blick auf vermeidbare Aspekte einer eventuell vielschichtigen Genese verstellen. Die Bedeutung von Lebensstilfaktoren, die bei embryonalen Entwicklungsstörungen möglicherweise mit genetischen Faktoren interferieren, ist da nur ein Beispiel.

 

Ein weiteres Beispiel ist der Einfluss sozioökonomischer Parameter. Verschiedene Untersuchungen haben übereinstimmend gezeigt, dass hinsichtlich der Kindersterblichkeit ein starkes sozioökonomisches Gefälle existiert. Laut einer großangelegten britischen Studie trägt ein Kind der untersten sozioökonomischen Klasse im Vergleich zu einem Kind aus der Oberschicht ein um 40 Prozent erhöhtes Risiko, im Kindesalter zu sterben.

 

Komplexe Maßnahmen erforderlich

 

In einer anderen Studie, in der Daten aus 175 Nationen zur Auswertung kamen, erwies sich die Kindersterblichkeit als umgekehrt proportional zum Bildungsniveau von Frauen im reproduktionsfähigen Alter. Ein Ausbildungsjahr mehr war mit einem rund 10- prozentigen Rückgang der Kindersterblichkeit verbunden. Es stellte sich weiter heraus, dass das Bildungsniveau eine vom Einkommen unabhängige Einflussgröße ist.

 

Speziell kindliche Todesfälle infolge häuslicher Gewalt haben oft einen komplexen Hintergrund. Häusliche Gewalt ist assoziiert mit psychischen Auffälligkeiten oder Erkrankungen der Eltern beziehungsweise eines Elternteils. Auch Alkoholmissbrauch oder andere Suchterkrankungen sind oft mit im Spiel. Dieses Szenario wird als toxische Triade bezeichnet. Außerdem steigt das Risiko kindlicher Todesfälle deutlich an, wenn im Haushalt ein nicht verwandter Erwachsener lebt. In Singlehaushalten dagegen wurde keine erhöhte Kindersterblichkeit registriert.

 

Es brauche weitere Studien, um das Problem der Kindersterblichkeit in hochentwickelten Ländern differenzierter zu erforschen und effektive Lösungsstrategien zu entwickeln. Das fordern die Autoren in ihrem Resümee. Eine Forderung von ethischer Brisanz, gilt doch der Schutz von Kindern als eine der Messlatten für den Zivilisa­tionsgrad einer Gesellschaft. /

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