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Modellrechnungen

So könnte Gebärmutterhalskrebs eliminiert werden

Als fast zu 100 Prozent virusbedingte Erkrankung könnte Gebärmutterhalskrebs ausgerottet werden, wenn die Durchimpfungsraten hoch genug wären. Kurzfristig könnte aber eine andere Maßnahme mehr bewirken.
Theo Dingermann
13.02.2020  13:00 Uhr

Fast alle Fälle von Gebärmutterhalskrebs werden durch humane Papillomaviren (HPV) verursacht. Diese klare Genese sollte es möglich machen, das Virus und damit auch die Krankheit auszurotten. Denn eine Impfung schützt zuverlässig vor einer Neuinfektion und einer neuen Untersuchung zufolge könnte dabei sogar die einmalige Immunisierung ausreichen.

Allerdings bietet nicht nur die Impfung Schutz vor der Krankheit. Man kann den Tumor auch verhindern, wenn man regelmäßig zur Vorsorge geht. Denn ein Gebärmutterhalskrebs kündigt sich in Form einer gut erkennbaren Präkanzerose an, die relativ einfach entfernt werden kann.

Auf dieser Basis haben nun Forscher der Harvard TH Chan School of Public Health Modellrechnungen angestellt und im Fachjournal »The Lancet« publiziert, um vorherzusagen, wann bei der gegenwärtigen Akzeptanz von Impfung und Früherkennung Gebärmutterhalskrebs in den USA eliminiert sein könnte. Dieses Stadium wäre erreicht, wenn sich die Inzidenz von Gebärmutterhalskrebs auf weniger als vier Fälle pro 100.000 Frauen einpendeln würde. Nach den Berechnungen der Forscher könnte dies zwischen 2038 und 2043 in den USA der Fall sein.

Vorsorge beschleunigt Krankheitselimination

Allerdings, und hier lässt die Studie aufhorchen, ließe sich der Eliminationsprozess auch signifikant um circa 10 bis 13 Jahre beschleunigen, und zwar nicht etwa durch die Erhöhung der Impfrate, sondern durch eine Ausweitung der Screening-Abdeckung auf 90 Prozent im Jahr 2020. Dadurch könnten zwischen 2019 und 2100 zusätzlich jährlich 1.400 bis 2.088 Fälle von Gebärmutterhalskrebs vermieden werden.

»Obwohl die HPV-Impfung mit der Zeit einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung von Gebärmutterhalskrebs leisten wird, haben wir festgestellt, dass das Vorsorge-Screening auf kurze Sicht weiterhin eine entscheidende Rolle bei der Reduzierung der Gebärmutterhalskrebs-Inzidenz in den USA spielt«, so Dr. Emily Burger, Erstautorin der Studie.

»Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Bemühungen, die Impfrate zu erhöhen, derzeit nicht erforderlich sind«, schließen die Autoren in ihrer Publikation. Zweifelsohne werden so auf lange Sicht sehr positive Effekte erzielt, weshalb das Impfen nicht vernachlässigt werden darf. Allerdings führen Vorsorge-Screenings zu viel schnelleren Erfolgen, da auch die Frauen erfasst werden und vor einem Gebärmutterhalskrebs geschützt werden können, die nicht geimpft sind.

310.000 Todesfälle jährlich

Im Jahr 2018 wurde weltweit schätzungsweise bei 570.000 Frauen Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert. Ungefähr 310.000 Frauen starben an dieser Krankheit. Dabei ist der Gebärmutterhalskrebs dank der HPV-Impfung und der Früherkennung eine der am besten vermeidbaren und behandelbaren Krebsarten.

Man schätzt, dass in den USA derzeit etwa 75 Prozent der Mädchen bis zum Alter von 26 Jahren geimpft sind. Bei Jungen bis zum Alter von 21 Jahren liegt die Durchimpfungsrate bei circa 62 Prozent. Das gynäkologische Vorsorge-Screening wird hingegen oft vernachlässigt. 14 Prozent der Frauen sind noch nie zu einer Vorsorge-Untersuchung gegangen, obwohl diese alle drei Jahre gemacht werden sollte.

Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kündigte im Mai 2018  einen weltweiten Vorstoß zur Eliminierung der Krankheit an. Um das zu erreichen, sollten bis zum Jahr 2030 90 Prozent der Mädchen im Alter von 15 Jahren gegen HPV geimpft sein, 70 Prozent der Frauen sollten zweimal in ihrem Leben untersucht worden sein, und die Compliance-Rate bei einer Behandlung sollte bei 90 Prozent liegen.

Einige Länder, zum Beispiel Australien, sind auf einem sehr guten Weg, das Ziel von weniger als vier Fällen pro 100.000 Frauen zu erreichen. Selbst die derzeitige Rate in den USA von sieben Fällen pro 100.000 Frauen ist nicht allzu weit davon entfernt. Wie so häufig sind es die Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, die Probleme machen. Denn in diesen Ländern sind 90 Prozent der gesamten Todesfälle durch Gebärmutterhalskrebs zu beklagen.

Die vorliegende Studie ergänzt zwei weitere Untersuchungen, die in der vergangenen Woche in »The Lancet« veröffentlicht wurden (DOI: 10.1016/S0140-6736(20)30068-4 und DOI: 10.1016/S0140-6736(20)30157-4). In diesen beiden Studien standen 78 Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen im Fokus. Es wurden die Auswirkungen der HPV-Impfung und des Gebärmutterhalskrebs-Screenings auf die Mortalität und die Elimination von Gebärmutterhalskrebs untersucht.

Zusammengenommen zeigen alle drei Studien, dass 72 Millionen Fälle von Gebärmutterhalskrebs im nächsten Jahrhundert verhindert werden könnten, wenn sich die Zielmarken der WHO erreichen ließen. Dies würde einem Rückgang der Gebärmutterhalskrebs-Inzidenz von 97 Prozent entsprechen – ein bemerkenswertes Resultat moderner Gesundheitsvorsorge.

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