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Medikationsmanagement

Trends und Perspektiven

08.10.2014  10:21 Uhr

Von Isabel Waltering, Frankfurt am Main / Medikationsmanagement und -analyse sind heiß diskutierte Themen. Im ABDA-Grundsatzpapier sind für Deutschland die Begrifflichkeiten geklärt. Unklar ist bislang, wie diese Analysen durchgeführt werden sollen. Auf der Jahrestagung der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) in Frankfurt am Main wurden erste Lösungsansätze und Optimierungsstrategien vorgestellt.

Evidenzbasierte Ansätze sind vor allem vor dem Hintergrund einer breiten Implementierung des Medikations­managements von großer Bedeutung. Aber auch in spezialisierten Bereichen wie beispielsweise der Onkologie, in denen eine enge Zusammenarbeit von Apothekern, Ärzten und Pflegern zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten führen kann, sind erprobte Ansätze sinnvoll und notwendig.

 

Evidenzbasierte Schulung für die Selbstmedikation

 

Anna Laven aus der Forschungsgruppe von Professor Dr. Stephanie Läer, Universität Düsseldorf, stellte die Ergebnisse der PHARMAGRIPS (Pharmazeutische Beratung in der Selbstmedikation des grippalen Infektes)-Studie vor. 

 

Vor dem Hintergrund, dass viele leichte Erkrankungen von Patienten selbst therapiert werden, verlangen Apotheker häufig nach mehr Schulungen zu Nebenwirkungen, Interaktionen und Kontraindikationen. »Dabei lassen sie häufig außer Acht, dass Patienten berichten, die Medikamente würden nicht wirken«, so Laven. Besonders häufig werde dies für den grippalen Infekt angegeben. Aufgrund dieser Tatsache wurde untersucht, ob mit einem systematischen Training für Offizin-Apotheker unter zusätzlicher Einführung evidenz­basierter Inhalte Beratung verbessert und falsche Abgabehinweise vermieden werden. Das Training bestand aus E-Learnings und Live-Seminaren von viermal zwei Stunden. Evidenzbasierte Empfehlungen zur Selbstmedikation des grippalen Infekts wurden aus zehn Cochrane-Reviews abgeleitet. Verglichen wurden die Scores einer Dokumentationsvorlage für das Interview vor und nach der Schulung in der Interventionsgruppe und von zwei Interviews in der Kontrollgruppe.

 

Laven konnte zeigen, dass sich der Beratungs-Score der Interventionsgruppe statistisch signifikant verbesserte. Das galt nicht nur für die Gesamtpunktzahl, sondern auch in jeder der einzelnen Kategorien Medikationsgeschichte, Grenzen der Selbstmedikation, evidenzbasierte Wirkstoffauswahl und Rückversicherung durch den Patienten. Die Referentin betonte, dass diese Art der strukturierten, evidenzbasierten Schulung auch auf andere Indikationsgebiete der Selbstmedikation ausgeweitet werden sollte, um eine einheitlich gute Beratungsleistung zu erzielen.

 

AMTS im Apothekenalltag

 

Das von Isabel Waltering koordinierte Apo-AMTS-Projekt der Uni Münster vermittelt mittels Schulungen zur Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) unter anderem die strukturierte Durchführung einer intermediären Medika­tionsanalyse vom Typ 2a. Im Rahmen einer Untersuchung wurde erforscht, welche arzneimittelbezogenen Probleme mit den Methoden und Lerninhalten der Apo-AMTS-Kurse erfasst oder übersehen werden. Dazu wurden die eingereichten Medikationsanalysen und Informationen von einer Medizinerin und einer Apothekerin kontrolliert und auf Übereinstimmungen und Abweichungen hin ausgewertet.

 

Es konnte gezeigt werden, dass die arzneimittelbezogenen Probleme, die mit einer Medikationsanalyse vom Typ 2a erkannt werden, fast vollständig von den Apothekern detektiert wurden. Die besten Ergebnisse wurden bei Adhärenz­problemen, Nebenwirkungen, Handhabungsproblemen und falschen Einnahmezeitpunkten erzielt, insbesondere bei der Dauermedikation. Bei Abweichungen der Dosierung und des Dosisintervalls war die Detektionsrate mit circa 30 Prozent relativ gering. »Das kann allerdings auch darauf beruhen, dass hier die Therapiehoheit des Arztes nicht infrage gestellt werden soll und daher auch zum Beispiel deutliche Überdosierungen nicht hinterfragt werden«, gab Waltering zu bedenken.

 

Multiprofessionelles Medikationsmanagment

 

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die Arbeitsgruppe von Professor Dr. Kristina Friedland von der Universität Erlangen in einer kontrollierten Interven­tionsstudie auf zwei psychiatrischen Stationen der Universitätsklinik Erlangen, an der 269 Patienten teilnahmen. Ziel war es, herauszufinden, ob mit einem Medikationsmanagement arzneimittelbezogene Probleme gelöst und speziell Adhärenz und die Einstellung psychiatrischer Patienten zu den Medikamenten vor und nach der Entlassung verbessert werden können.

Durchgeführt wurde das Medika­tionsmanagement von zwei Pharmazeuten, zwei Psychiatern und dem Stationspersonal. In der Interventionsgruppe konnten fast alle arzneimittelbezogenen Probleme gelöst werden, wohingegen bei der Kontrollgruppe die Probleme nur zu einem geringen Teil (15 Prozent) reduziert wurden. Die Adhärenz verbesserte sich – bei gleichen Ausgangswerten in den beiden Gruppen bei Krankenhauseinlieferung – deutlich in der Gruppe von Patienten, die pharmazeutisch betreut wurde. »Dieser Unterschied bestand auch noch drei Monate nach der Entlassung«, so Friedland.

 

Ebenfalls aus einem spezialisierten Gebiet präsentierte André Wilmer aus der Arbeitsgruppe von Professor Dr. Ulrich Jaehde von der Universität Bonn die Effekte des Medikationsmanagements. Auch hier wurde dieses multiprofessionell durchgeführt, und zwar im Johanniter Hospital in Bonn. Ziel war es, ein multimodulares Best- Practice-Modell, das für onkologische Patienten entwickelt wurde, auf dessen Wirksamkeit in Bezug auf Verbesserung von Patientensicherheit zu untersuchen. An dieser Studie nahmen 51 Patienten teil, die randomisiert einer Interventions- und einer Kontrollgruppe zugeordnet wurden. Erfasst wurde das erste Auftreten schwerer Nebenwirkungen wie Übelkeit/Erbrechen, Mucositis, Fatigue und Schmerzen nach Angabe des Patienten.

 

Es zeigte sich, dass mit dem Best-Practice-Modell Nebenwirkungen, für die Module entwickelt wurden, in der Interventionsgruppe später auftraten. Aufgrund der sehr kleinen Gruppen­größe war dieser Unterschied allerdings nicht signifikant. »Hier besteht Forschungsbedarf mit größeren Gruppen«, betonte Wilmer. Nichtsdestotrotz zeigte sich auch hier, dass mit einem strukturierten und standardisierten Vorgehen Medikationsmanagement Patientensicherheit verbessert werden kann. /

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