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FIP-Kongress

Deutsche Projekte der Welt vorgestellt

09.10.2012  16:06 Uhr

Von Annette Mende und Sven Siebenand, Amsterdam / Überall auf der Welt sind Apotheker bereit und willens, mehr Verantwortung für die Arzneimitteltherapie zu übernehmen. In einigen Ländern müssen dazu noch erhebliche Hindernisse überwunden werden, andernorts ist man bereits auf einem guten Weg. Auch aus Deutschland wurden beim 100. Weltkongress der Apotheker vielversprechende Projekte vorgestellt.

Die Erkenntnis ist nicht neu, aber heute so aktuell wie eh und je: Medikamente sind keine Bonbons. Die richtige Arzneimittelanwendung erfordert Sachverstand; doch daran hapert es nur allzu oft, wie die Fédération Internationale Pharmaceutique (FIP) im Vorfeld ihres Jubiläumskongresses beklagte. Weltweit würden Arzneimittel sogar häufiger falsch als richtig angewendet (lesen Sie dazu auch FIP-Kongress: Apotheker fordern mehr Verantwortung). Für die Apotheker ein klarer Auftrag, sich noch mehr in die Planung und Optimierung der Arzneimitteltherapie einzubringen.

 

Medikation im Pflegeheim verbessern

 

Wie das in enger Zusammenarbeit mit den verschreibenden Ärzten gelingen kann, zeigte Isabel Waltering, Dozentin für Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) an der Uni Münster. Die Apothekerin stellte in Amsterdam ein Projekt vor, in dem sie die Medikation von knapp 200 Pflegeheim-Bewohnern aus Nordrhein-Westfalen auf mögliche arzneimittelbezogene Probleme (medication-related problems, MRP) analysierte. Für die ermittelten MRP erarbeitete sie Lösungsvorschläge, die sie dem Pflegepersonal und den betreuenden Ärzten der Patienten unterbreitete. Waltering fand bei jedem Patienten im Schnitt neun MRP, die jedoch nicht alle klinisch relevant waren. Die häufigsten Probleme bereiteten Arzneimittel mit Wirkung auf das kardiovaskuläre System, allen voran die ACE-Hemmer. Aber auch Protonenpumpenhemmer, das Neuroleptikum Risperidon und das Antidepressivum Amitriptylin waren häufige Problemkandidaten.

In der Mehrzahl der Fälle setzten die Ärzte die Interventionsvorschläge der Apothekerin um, sodass von etwa 1500 MRP lediglich knapp 300 ungelöst blieben. Die Anzahl der Medikamente, die die Patienten dauerhaft einnahmen, konnte von durchschnittlich acht auf dann sechs gesenkt werden. Das brachte nicht nur eine Erleichterung für Patienten und Pflegepersonal mit sich, sondern auch eine Kostenersparnis um durchschnittlich 23 Prozent pro Patient und Woche.

 

»Dieses Projekt zeigt, dass Apotheker, Pfleger und Ärzte erfolgreich zusammenarbeiten können«, fasste Waltering zusammen. Das Medikationsmanagement von Pflegeheim-Bewohnern sei jedoch ein Extra-Service, den Apotheker in öffentlichen Apotheken nicht ohne eine vertiefende Ausbildung leisten könnten. Dazu gehöre auch eine gesonderte Bezahlung dieser Dienstleistung.

 

Ausbildungsapotheken in Deutschland

 

Offizin-Apotheker fit in Sachen Arzneimitteltherapiesicherheit zu machen, ist auch das Ziel von Dr. Oliver Schwalbe, Abteilungsleiter Aus- und Fortbildung der Apothekerkammer Westfalen-Lippe (AKWL). Schwalbe war beim FIP-Kongress mit einem Poster vertreten, auf dem er das Konzept der Ausbildungsapotheken vorstellte. »Wir akkreditieren Apotheken, die besser qualifiziert werden wollen, Pharmazeuten im Praktikum auszubilden«, erklärte er gegenüber der PZ. Damit ließe sich einerseits die Qualität der Ausbildung verbessern, auf der anderen Seite aber auch AMTS in diesen Apotheken implementieren.

 

Um den Status einer Ausbildungsapotheke zu erhalten, müssen die Apotheken eine ganze Reihe Anforderungen erfüllen. Dazu gehören ein gültiges Fortbildungszertifikat des Ausbilders, QMS, Teilnahme am ZL-Ringversuch und Pseudo-Customer-Besuche genauso wie regelmäßige Fachgespräche mit dem auszubildenden Pharmazeuten im Praktikum (PhiP) und dessen mindestens tarifliche Bezahlung. Während des Praktischen Jahres können die PhiP und ihre Ausbilder begleitende Seminare besuchen und einen zusätzlichen Abschluss als AMTS-Manager erwerben.

 

»Guten pharmazeutischen Nachwuchs zu bekommen, ist gar nicht so leicht«, sagte Schwalbe. Für die Apotheken sei die Akkreditierung eine Möglichkeit, sich für künftige Mitarbeiter interessant zu machen. Die AKWL mache an den drei Unis des Landes Nordrhein-Westfalen auf die Ausbildungsapotheken aufmerksam. Bisher hätten sich in Westfalen-Lippe bereits 100 Apotheken akkreditieren lassen.

 

Kontrollierte Studien nötig

 

Wie wichtig es ist, das Augenmerk verstärkt auf die AMTS zu richten, machte auch Professor Dr. Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker und ABDA-Geschäftsführer Arzneimittel, in seinem Vortrag deutlich. Dass Apotheker viel zur Verbesserung der Therapietreue (Adhärenz) bestimmter Patientengruppen beitragen können, hätte in diversen Studien klar gezeigt werden können. Kompliziertere Untersuchungen, die beispielsweise den Wert Pharmazeutischer Betreuung von Asthmapatienten, Diabetikern oder Patienten mit Bluthochdruck belegen sollten, hätten jedoch in der Regel weiche Endpunkte.

 

»Eine Verbesserung der Lebensqualität oder anderer Surrogatendpunkte reicht aber nicht aus, um Krankenkassen, Politiker oder sogar die Patienten selbst vom Wert Pharmazeutischer Betreuung zu überzeugen«, sagte Schulz. Notwendig seien daher randomisierte, kontrollierte Studien (randomised controlled trials, RCT) mit harten Endpunkten und großer Teilnehmerzahl. Diese hätten ausreichend statistische Aussagekraft, um die erforderliche Evidenz zu erbringen. Als Beispiel für eine solche RCT nannte Schulz die PHARM-CHF-Studie (Pharmacy-based Interdisciplinary Program for Patients with Chronic Heart Failure), die er in Kürze auf einer Pressekonferenz in Berlin vorstellen wird.

 

ABDA-KBV-Modell findet Gehör

 

Zwei deutsche Apothekerinnen leiteten beim FIP-Kongress eine Session rund um das Thema Adhärenz. Als Chairwoman und Mitglied der FIP-Sektion »Community Pharmacy« war Karin Graf tätig. »Non-Adhärenz stellt weltweit ein großes Problem dar«, führte die Apothekerin aus Weinheim und Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der ABDA in die Thematik ein. Gerade alte Menschen sind Graf zufolge prädestiniert für Non-Adhärenz. Sicher: Einige Patienten wollen ihre Medikamente einfach nicht einnehmen. Aber nachlassende Sehkraft und Gedächtnisfunktion, Probleme bei der Entnahme von Tabletten und ein höheres Risiko für Nebenwirkungen sind mögliche Gründe, warum insbesondere alte Menschen ihre Medikamente auch nicht so einnehmen können wie vorgesehen. Graf verwies darauf, dass es weltweit verschiedene Projekte gibt, um dies zu verhindern oder zumindest zu verbessern. Einige davon wurden im Laufe der Sitzung vorgestellt. Unterstützt wurde Graf von Dr. Nina Griese-Mammen. Sie leitet die Abteilung »Wissenschaftliche Evaluation« im ABDA-Geschäftsbereich Arzneimittel.

Beim FIP stellte die Apothekerin das ABDA-KBV-Modell vor und stieß damit bei den ausländischen Kolleginnen und Kollegen auf großes Interesse. Das Konzept setzt sich aus drei Bestandteilen zusammen: dem Medikationskatalog, der Wirkstoffverordnung und dem Medikationsmanagement. Das Medikationsmanagement richtet sich an chronisch kranke Patienten, die mindestens fünf systemisch wirkende Arzneimittel dauerhaft einnehmen. Jeweils ein Arzt und ein Apotheker übernehmen gemeinsam die Betreuung. Sie erstellen und aktualisieren unter anderem den vollständigen Medikationsplan. Griese-Mammen betonte, dass im Zuge der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker auch die Überwachung der Adhärenz bei den Patienten eine Rolle spielen soll. Sie informierte, dass eine Softwarespezifikation entwickelt wurde, die deutsche Apotheker dabei unterstützen soll, ihren Patienten einen Medikations-Erinnerungs-Service anzubieten. In einer Pilotstudie wurde diese in neun öffentlichen Apotheken erfolgreich getestet. Auf Nachfrage der PZ teilte Griese-Mammen mit, dass die Spezifikation Apotheken zukünftig eine Möglichkeit bieten könnte, im Rahmen des Medikationsmanagements die Adhärenz der Patienten zu fördern.

 

E-Mail vom Apotheker

 

Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass vielerorts Einiges unternommen wird, um die Adhärenz der Patienten zu verbessern. In den Niederlanden bieten viele Apotheken bereits einen Medikations-Erinnerungs-Service an. Das ist aber noch nicht alles, wie Dr. Foppe van Mil aus dem niederländischen Zuidlaren deutlich machte. Mit der Einwilligung des Patienten fordern Apotheken bei den Ärzten bereits das Folgerezept an, überprüfen die Verordnung, stellen die Medikamente zusammen und informieren anschließend die Patienten – zum Beispiel per E-Mail –, dass sie diese in der Apotheke abholen können.

 

Van Mil machte auf wichtige Unterschiede zwischen Deutschland und den Niederlanden aufmerksam. Zum einen haben Ärzte und Apotheker in unserem Nachbarland Zugriff auf eine gemeinsame Datenbank und können so die Medikationshistorie der Patienten austauschen. Der Apotheker informierte zudem, dass Ärzte in den Niederlanden auf allen Verschreibungen angeben müssen, wie oft und in welcher Dosis die Patienten ihre Medikamente einnehmen sollen. So können die Apotheker leicht errechnen, bis wann die verschriebene Arzneistoffmenge ausreicht. Die Apothekensoftware alarmiert das pharmazeutische Personal, wenn sie bei der Einreichung einer Folge-Verordnung Mehrgebrauch oder Untergebrauch feststellt. Das Apothekenteam kann diesem Hinweis dann nachgehen. Van Mil räumte ein, dass es auch Fälle gibt, in denen der Alarm nicht berechtigt ist, zum Beispiel wenn der Arzt in der Zwischenzeit die Dosis geändert hat.

 

Um die Adhärenz der Patienten zu verbessern, kommen in den Niederlanden noch weitere Technologien zum Einsatz. Van Mil informierte zum Beispiel, dass einige Patienten in der Apotheke befüllte Wochenbehälter erhalten. Diese können auch mit einer Erinnerungsfunktion ausgestattet sein. Einige Devices registrieren, ob ein Behältnis geöffnet wird oder nicht. Ist Letzteres der Fall, können sie zum Beispiel Apotheker oder einen Familienangehörigen per SMS darüber informieren.

 

Beratungsservice in England

 

Seit Oktober 2011 bieten Apotheken in Großbritannien den sogenannten New Medicine Service (NMS) an. Ziel ist, Patienten, die neue Medikamente gegen chronische Erkrankungen verordnet bekommen, bei der Förderung der Adhärenz zu unterstützen. Wie Apotheker John Gentle aus London informierte, beteiligen sich 83 Prozent der Apotheken in England daran. In den ersten neun Monaten wurden insgesamt 369 000 NMS durchgeführt. Gentle betonte, dass die Patienten diesen Service sehr schätzen und die Apotheken ihn gerne anbieten.

 

In den Jahren 2011/2012 sowie 2012/2013 wurde der NMS mit jeweils 55 Millionen britischen Pfund (etwa 68 Millionen Euro) honoriert. Im März 2013 endet das Modellprojekt. Danach, so Gentle, wird es nur weitergeführt, wenn sich alle Seiten über den Nutzen einig sind. Laut Gentle wird zum Beispiel untersucht, ob es dank NMS weniger Krankenhauseinweisungen aufgrund von Nebenwirkungen gibt und ob damit letztlich Einsparungen im Gesundheitswesen möglich sind. Bislang wird NMS nur bestimmten Patienten angeboten, zum Beispiel Asthmatikern oder Typ-2-Diabetikern, denen der Arzt ein neues Medikament verordnet hat.

 

Willigt der Patient ein, vereinbart der Apotheker mit ihm einen Termin für ein persönliches Beratungsgespräch. Dieses findet meist in einer Beratungsecke der Apotheke oder telefonisch statt, so Gentle. Der Patient kann dabei alle Fragen rund um das neue Arzneimittel und mögliche Probleme besprechen. Ziel sei auch, herauszufinden, ob der Patient noch weitere Informationen und Unterstützung für die Umsetzung der Therapie benötigt. Nach 14 bis 21 Tagen findet, so Gentle, ein zweites Gespräch statt, um zu überprüfen, ob noch weiterer Beratungsbedarf besteht. / 

Kongressteilnahme gewonnen

Jedes Jahr präsentieren auf dem FIP-Kongress Apotheker Projekte mit einem Poster. In diesem Jahr konnten dafür englische Zusammenfassungen zu einem Projekt aus dem Bereich der öffentlichen Apotheke bei der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände eingereicht werden. Eine Jury wählte die beiden besten Projekte/Arbeiten aus, wobei folgenden Kriterien Berücksichtigung fanden: Relevanz des Projektes für die öffentliche Apotheke, Qualität des Abstracts, Praxisbezug, Kreativität sowie Innovation. Als Anerkennung für ihre Arbeit und ihr Engagement erhielten die Gewinner Isabel Waltering und Dr. Oliver Schwalbe (Projekte siehe Text) je 1500 Euro für Kongressteilnahme und Reisekosten. Ermöglicht wurden diese Preise durch die Werbe- und Vertriebsgesellschaft Deutscher Apotheker.

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