Pharmazeutische Zeitung online
Arbeitskreis 2

Wir wollen die Vollapotheke

11.10.2011  18:56 Uhr

Es war nicht nur ein Antrag, sondern eine klare politische Forderung: Die Hauptversammlung der deutschen Apothekerinnen und Apotheker fordert den Verordnungsgeber auf, bei der Novellierung der Apothekenbetriebsordnung den Erhalt der Vollapotheke zu gewährleisten. Regelungen, die die unabhängige Einzelapotheke gefährden, lehnt sie ab.

Der Grundsatz dürfe nicht angetastet werden, dass alle Apotheken – auch Filialapotheken – räumlich, sächlich und personell als Vollapotheken auszustatten sind. Das Ministerium solle sich bei der Umgestaltung der Apothekenbetriebsordnung eindeutig am Grundsatz der Sicherstellung einer hohen Versorgungsqualität orientieren, forderten die Delegierten einstimmig. Angesichts des demografischen Wandels und der sich abzeichnenden Verdünnung der Versorgung in Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein gelte es, die flächendeckende, wohnortnahe und umfassende Versorgung durch Präsenzapotheken auch auf dem Land zu gewährleisten.

»Die Apotheke ist und bleibt ein Instrument des Staats«, hatte zuvor Lutz Tisch, Geschäftsführer Recht der ABDA, in seinem Eingangsstatement zum Arbeitskreis 2, gesagt, den Dr. Albrecht Kloepfer moderierte. Die Apotheke müsse Logistik, Sicherheit und Beratung sicherstellen. Dabei gehe es »vorrangig um den Schutz des Bürger vor Arzneimittelrisiken und um Verhinderung von Arzneimittelmiss- und -fehlgebrauch, nicht um Convenience«. Doch wie viel ordnungspolitischen Rahmen braucht der freie Heilberuf? Erhalt der Vollapotheke und der flächendeckenden Arzneimittelversorgung, Bewahrung des freien Heilberufs als Garant der Patienten­orientierung, Entwicklung von Qualitätsstandards und das alles bei vernünftigen ökonomischen Rahmenbedingungen: Dies sind wesentliche Positionen der Apotheker in der aktuellen Diskussion um die Weiterentwicklung der Apotheke. Apothekenpflicht, Berufsvorbehalt und Freiberuflichkeit seien bewährte Konzepte, die die flächendeckende und sichere Arzneimittelversorgung gewährleisten, sagte Tisch.

 

»Freiheit braucht einen adäquaten Rahmen«, vertrat auch Dr. Christiane Eckert-Lill, Geschäftsführerin Pharmazie der ABDA, in ihrem Eingangsstatement. Dabei müsse die Balance zwischen notwendigen Rahmenbedingungen und Freiheit der Berufsausübung sorgfältig gewahrt werden. Beispiel Rezeptur: Die Herstellung von Arzneimitteln in der Apotheke müsse nicht nach GMP-Regeln erfolgen, unterliege aber dennoch strengen Qualitätsanforderungen, wie sie die Leitlinien der Bundesapothekerkammer darstellen. »Leitlinien haben nichts mit Leid oder light zu tun, sondern entsprechen dem Stand von Wissenschaft und Technik in der Apotheke.«

Auch die Kernaufgaben der Apotheke – Information und Beratung – unterliegen strengen Qualitätsregeln. Aber es könne nicht sein, dass die Apotheke bei jeder Arzneimittelabgabe einen Katalog von Beratungsinhalten abarbeiten muss und damit den Patienten vergrault, sagte Eckert-Lill. Die Beratung müsse individuell und heilberuflich orientiert erfolgen, denn sie ist die »Basis für das Medikationsmanagement«.

 

»Wir wollen und brauchen die Voll­apotheke!« Dieses Statement zog sich wie ein roter Faden durch die Podiumsdiskussion im Anschluss an die Referate der beiden Geschäftsführer. Die Apotheker wollen keine abgespeckte, reduzierte Apotheke, und dies solle die Politik bei der Novellierung der Apothekenbetriebsordnung beachten. Sie wollen auch nicht auseinanderdividiert werden in Stadt- und Landapotheken, denn sie hätten gleiche Aufgaben. »Patientensicherheit und -versorgung sind der Maßstab für jede Apotheke«, unterstrich Eckert-Lill.

 

Doch der finanzielle Rahmen muss stimmen, damit Apotheker ihre umfänglichen pharmazeutischen Leistungen erbringen können, ohne ständige Sorge um ihre Existenz. »Wir brauchen wirtschaftlich starke Apotheken, auch um die Versorgung auf dem Land gewährleisten zu können«, forderte Erika Fink, Präsidentin der Bundesapothekerkammer. Die wirtschaftliche Basis dürfe durch den Versandhandel nicht ausgehöhlt werden.

Das Labor sei für Stadt- und Landapotheken gleichermaßen nötig, denn »jede Apotheke muss eine korrekte Rezeptur sicherstellen«, sagte Jutta Rewitzer, Vizepräsidentin der Bayerischen Landesapothekerkammer. Als Beispiel führte sie die Herstellung von speziell dosierten Arzneimitteln für kranke Kinder an. Das sei patientenindividuelle Therapie; »das ist unsere Aufgabe, das haben wir gelernt.« Rezeptur brauche hohe Qualität, aber kein GMP.

 

Für Ministerialdirigent Dr. Erhardt Schmidt vom Bundesministerium für Gesundheit sollte jede Filialapotheke eine vollständige Versorgung der Patienten und Kunden sicherstellen – auch wenn sie kein Labor hat. Standard solle aus Sicht des Ministeriums aber die Vollapotheke sein. Dennoch müsse man über neue Möglichkeiten nachdenken, wenn Versorgungslücken, zum Beispiel auf dem Land, auftreten. Not- und Zweigapotheken sind bereits jetzt erlaubt. Versandhandel mit Arzneimitteln und Pick-up-Stellen sind aus Apothekersicht naturgemäß keine Antwort. »Versandhandel wildert immer im Gebiet der Apotheke; man erzeugt Lücken, wenn Präsenzapotheken eingehen«, monierte Tisch.

 

Zudem wandere über den Versandhandel Geld ins Ausland, und »damit bin ich nicht einverstanden«, ergänzte Dr. Klaus Kreuschner vom Arbeitsministerium Sachsen-Anhalt. Die Präsenzapotheke schaffe viele wohnortnahe Arbeitsplätze und bringe dem deutschen Staat Steuereinnahmen. Alle 16 Gesundheitsminister hätten bei der letzten Gesundheitsministerkonferenz für ein Verbot von Pick-up-Stellen votiert. Die Abschaffung der Pick-up-Stellen müsse man zumindest anstreben. /

Kommentar

Da platzt der Kragen

Der Alltag in der Offizin hat meist nicht mehr viel mit originärer Pharmazie zu tun. Rabattverträge, Importquoten, Aut-idem-Kreuze, Retax-Berge, Dokumentationswust – das vermiest selbst eingefleischten Apothekern die Freude am Beruf. Und die Patienten verstehen nicht, warum der Heilberufler erstmal lang im Computer sucht und dann doch nicht das vertraute Arzneimittel bringt. Die Beratung zum Medikament kommt häufig zu kurz, das Gespräch von Mensch zu Mensch bleibt auf der Strecke. Ich verstehe, wenn vielen Kollegen da der Kragen platzt. Was Apotheker brauchen, ist Abrüstung von Bürokratie und Gängelei, von Regelwahnsinn und unerfüllbaren Abgabevorschriften. Sie brauchen faire Politiker und keine vagen Beteuerungen, an die sich morgen keiner mehr erinnern will. Vor allem aber sollten sie endlich angemessen und ehrlich honoriert werden. Damit auch künftig Vollblutapotheker in Vollapotheken arbeiten können.

 

Brigitte M. Gensthaler, Redakteurin

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