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Arbeitskreis 1

Viel Zustimmung zum Zukunftskonzept

11.10.2011
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Mit dem Zukunftsmodell von ABDA und Kassen­ärztlicher Bundesvereinigung (KBV) wollen Apotheker und Ärzte die Arzneimitteltherapiesicherheit stärken. Die Krankenkassen könnten davon deutlich profitieren. Sie sind dennoch skeptisch.

Seit Monaten machen sich ABDA und KBV für das gemeinsame Modell stark. In der Politik haben sie bereits Gehör gefunden. Die Bundesregierung will das Konzept in einer Modellregion testen, so zumindest steht es in einem Änderungsantrag zum Versorgungsstrukturgesetz. Für Ärzte und Apotheker ist dies ein erster Erfolg, auch wenn erklärtes Ziel bleibt, das Modell flächendeckend einzuführen.

Das ABDA-KBV-Modell setzt auf eine verstärkte Zusammenarbeit der Heilberufe. Der Arzt verordnet einen Wirkstoff, legt Stärke, Menge und Darreichungsform fest. Basis hierfür ist ein kassenübergreifender Medikationskatalog. Der Apotheker wählt anschließend das richtige Präparat aus und gibt es unter entsprechender Beratung ab. Patienten, die mindestens fünf Arzneimittel einnehmen, können auf Wunsch am Medikationsmanagement teilnehmen. Dabei prüfen Arzt und Apotheker die Gesamtmedikation, um Interaktionen zu vermeiden. Der Patient erhält einen Plan, der alle Arzneimittel einschließlich der Selbstmedikation aufführt und Auskunft darüber gibt, wann welches Präparat, zu welchem Zweck eingenommen werden soll.

 

Ziel ist, die Einnahmetreue der Patienten zu verbessern und Arzneimittelrisiken zu reduzieren. Non-Compliance ist heute ein großes Problem, wie ABDA-Vizepräsident Friedemann Schmidt anhand einiger Zahlen deutlich machte. Rund die Hälfte der Arzneimittel werde nicht so eingenommen wie verordnet, sagte Schmidt. »Das ist ein völlig inakzeptabler Zustand.« Zusätzliches Risiko ist die Polypharmazie: Ein Viertel der gesetzlich Versicherten nimmt mehr als fünf Wirkstoffe gleichzeitig ein. Für Verunsicherung sorgten außerdem die Rabattverträge, so Schmidt. »Das alles kann dazu führen, dass die Therapie nicht funktioniert.« Die Folge seien Zusatzbesuche beim Arzt und auch Krankenhausaufenthalte, verbunden mit hohen Kosten.

ABDA und KBV gehen davon aus, dass ihr Zukunftsmodell den Krankenkassen etwa 2,1 Milliarden Euro sparen könnte. Darin ist bereits die Vergütung berücksichtigt, die Ärzte und Apotheker für das Medikationsmanagement erhalten sollen. Vorgesehen sind 360 Euro pro Patient und Jahr, ein Honorar, das sich beide Partner teilen.

 

Nicht überall sorgt das Konzept für Begeisterung. So wurde der Medikationskatalog in den vergangenen Wochen immer wieder als Positivliste kritisiert. KBV-Vorstand Dr. Carl-Heinz Müller wehrte sich gegen diesen Vorwurf: Genau das sei der Medikationskatalog eben nicht. »Wir Ärzte möchten endlich ohne Angst vor Regressen leitliniengerecht verordnen können.« Der Katalog soll für alle versorgungsrelevanten Indikationen Mittel der Wahl sowie Reservewirkstoffe aufführen und für alle Krankenkassen gelten. Damit stünden bei der Verordnung die Versorgungsziele und nicht länger die Richtgrößenregelung im Vordergrund, sagte Müller.

 

Ganz besonders hob er die Wirkstoffverordnung hervor. Sie könne helfen, die Probleme mit den Rabattverträgen zu reduzieren. »Wenn ich als Arzt ein Arzneimittel verordne, weiß ich nicht, welches Präparat der Patient in der Apotheke erhält«, sagte Müller. Der Versicherte sei häufig verunsichert, wenn er ein anderes als das vom Arzt verschriebene Medikament erhalte. Bei der Wirkstoffverordnung gebe es diese Probleme nicht. »Voraussetzung ist, dass der Wirkstoff deutlich lesbar auf der Arzneimittelverpackung zu erkennen ist«, sagte Müller.

 

In der anschließenden Diskussionsrunde war die Sympathie für das Zukunftskonzept offensichtlich. Allein der stellvertretende Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Uwe Deh, hat größere Bedenken. Dem standen mit Friedemann Schmidt, Dr. Carl-Heinz Müller, der Vorsitzenden der thüringischen Kassenärztlichen Vereinigung (KV), Regina Feldmann, und ABDA-Geschäftsführer Professor Dr. Martin Schulz fünf Fachleute gegenüber, die auf das Versorgungsmodell setzen.

 

Den Befürwortern ist klar, dass sie noch einige Überzeugungsarbeit leisten müssen, um die Kritiker auf ihre Seite zu ziehen. »Wir mussten Tabus brechen, um unser Konzept auf den Weg zu bringen«, sagte Müller. Abschrecken ließen sich ABDA und KBV davon nicht. Müller: »Als klar war, dass die Rabatteverträge so bald nicht abgeschafft werden, mussten wir etwas für die Arzneimitteltherapiesicherheit tun.«

 

Auch die KV-Vorsitzende Feldmann hält viel vom Zukunftskonzept. Es unterscheide sich von allen anderen Versuchen, die Versorgung zu verbessern, weil es keine Insellösung sei, sondern alle Beteiligten – Ärzte, Apotheker, Patienten und Krankenkassen – ins Boot hole. Feldmann: »Es gibt jetzt erstmals einen ganzheitlichen Ansatz.«

 

Hausärztin Feldmann wundert sich nicht darüber, dass der Hausärzteverband das Konzept ablehnt. Der Verband setze stark auf Selektivverträge zwischen den Krankenkassen und seinen Mitgliedern, sagte sie. Ein allen Ärzten offen­stehendes System wie das Zukunftskonzept unterminiere diese Selektivverträge. Das verschlechtere auch die Einkommensmöglichkeiten der Hausärzte.

AOK-Vize Deh machte im Verlauf der Diskussion einen moderaten Sinneswandel durch. Zu Beginn war er noch stark in der Diskussionskultur seines Verbandes verhaftet. Das Konzept habe die richtigen Ziele, es sei aber ungeeignet, diese zu erreichen, so seine Theorie. Sollte es Apothekern und Ärzten aber wider Erwarten gelingen, die von ihnen in Aussicht gestellten Einsparungen jährlich zu realisieren, dann sei dies keinesfalls eine honorierungswürdige Leistung, sondern lediglich der Beleg dafür, dass dieser Betrag bislang von den Heilberuflern ohne Not ausgegeben wurde. Ohnehin sieht Deh keine Innovationen in dem Konzept. Es würden keine Leistungen angeboten, die nicht heute schon erbracht würden. Der Unterschied sei nur, dass sie jetzt honoriert werden sollten.

 

Das konnte Schmidt so nicht stehen lassen. Das Konzept sei unbestreitbar eine Weiterentwicklung der Versorgung. Der Patient habe einen Rechtsanspruch auf eine Leistung, die es so zuvor nicht gegeben habe. Dies müsse selbstverständlich zusätzlich vergütet werden. Schmidt: »Man bekommt, was man bezahlt.« Wenn die AOK nun mehr Leistung bekomme, dann müsse sie dafür auch mehr bezahlen.

 

Der ABDA-Vize machte deutlich, dass die Honorierung der Leistung für die Apotheker nicht verhandelbar sei. Schon in dem geplanten Test dürften die Apotheker nicht unentgeltlich arbeiten. Die Apotheker würden nicht in Vorleistung treten mit der vagen Aussicht auf eine spätere Vergütung. Schmidt: »Die ABDA wird verhindern, dass die Teilnahme am Zukunftskonzept ein wirtschaftlicher Nachteil für die Apotheker ist.«

 

Die Teilnahme am Zukunftskonzept ist zwar für Apotheker, Ärzte und Patienten freiwillig, Schulz ist sich dennoch sicher, dass die meisten Apotheker dabei mitmachen werden. Schulz: »Apotheker wollen Heilberufler sein und nicht von der Bürokratie erdrückt werden. Unser Versorgungskonzept lässt die Apotheker wieder stärker Heilberufler sein.«

 

Das Modell lässt den Ärzten weiterhin die Möglichkeit, im Einzelfall anstelle eines Wirkstoffes ein konkretes Präparat zu verordnen und das Aut-idem-Kreuz zu setzen. Genau dies ist der AOK suspekt. Deh fehlt die Verbindlichkeit. Wenn am Ende der Arzt von den Vorgaben abweichen könne, dann sei auch der Nutzen fragwürdig. Bei Rabattverträgen gebe es klare Vorgaben, deshalb favorisiere die AOK dieses Instrument.

 

Immerhin gelang es Müller und Schmidt, Deh davon zu überzeugen, dass das Zukunftskonzept keine Gefahr für die Rabattverträge ist. Sie funktionieren reibungslos weiter. So war der AOK-Vize am Ende der Diskussion zwar nicht umgestimmt, aber zumindest graduell gewogener als zu Beginn. Wenn das Konzept die Versorgung verbessere, dann sei dies natürlich positiv. Ob es dieses Ziel erreichen könne, müsse es aber erst beweisen. /

Kommentar

Flexibilität

Der AOK ist das Zukunftskonzept der Apotheker und Ärzte zu unverbindlich. Der Medikationskatalog ist keine Positivliste, die Ärzte dürfen von den Empfehlungen abweichen. Sie können auch über das Aut-idem-Kreuz eine Substitution ausschließen und so von der Wirkstoffverordnung abweichen. Auch die Entscheidung über die Teilnahme am Konzept obliegt den Ärzten, Apothekern und Patienten. Für die AOK beginne hier die Beliebigkeit, deutete Uwe Deh an. Dem stellvertretenden Vorsitzenden der Krankenkasse, die bei ihren Rabattverträgen keine Abweichungen toleriert, ist so viel Eigenverantwortlichkeit der Akteure offensichtlich suspekt. Dabei ist die Flexibilität im Zukunftskonzept ein Teil seiner Stärke. Weil ein Patient nicht wie der andere ist, können Ärzte auch vom Medikationskatalog abweichen. Sie können andere Wirkstoffe oder statt eines Wirkstoffes ein konkretes Medikament verordnen. Mit Beliebigkeit oder Unverbindlichkeit hat dies wenig zu tun, mit Flexibilität dagegen viel. Hoffentlich gelingt es Ärzten und Apothekern, den Kassen diesen Unterschied klarzumachen.

 

Daniel Rücker, PZ-Chefredakteur

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