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Fibromyalgie

Schmerzen lassen Körper und Seele leiden

07.10.2008
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Fibromyalgie

Schmerzen lassen Körper und Seele leiden

Von Nicole Schuster

 

Betroffene des Fibromyalgiesyndroms (FMS) leiden lebenslang unter chronischen Schmerzen, vor allem der Muskulatur und Sehnenansätze. Die Ursache der unheilbaren Krankheit ist bis heute nicht geklärt. Eine individuelle Therapie ermöglicht jedoch den meisten Betroffenen ein fast normales Leben. 

 

Wörtlich übersetzt heißt der Begriff Fibromyalgie »Faser-Muskel-Schmerz«. Da die Beschwerden auf einem Symptomenkomplex beruhen, sprechen Mediziner vom Fibromyalgiesyndrom (FMS). Leitsymptome sind Schmerzen in mehreren Körperregionen, die mehr als drei Monate anhalten. Hinzu kommen Steifigkeits- und Schwellungsgefühle in den Händen, Füßen und im Gesicht sowie körperliche und geistige Erschöpfung. Schlafstörungen und seelische Beschwerden wie Ängstlichkeit und Depressivität zählen ebenso wie vegetative Störungen (Reizdarm, Restless-Legs-Syndrom oder Kopfschmerzen) zu den Begleitsymptomen. Typisch ist, dass die Schmerzen bei Stress zunehmen.

 

Rund 1,6 Millionen Deutschen leiden an FMS. Die Diagnose stellt Ärzte vor eine Herausforderung. Dies liegt zum einen an dem vielgestaltigen Krankheitsbild, zum anderen an dem Fehlen eindeutiger Marker. Weder Röntgenbilder noch Laborwerte geben eindeutig Aufschluss. Im Vordergrund stehen der Ausschluss anderer Erkrankungen und die vom Patienten beschriebenen Symptome. Fakultativ kann die Druckschmerzempfindlichkeit anhand der Kriterien der amerikanischen Gesellschaft für Rheuma (ACR) bewertet werden: Von 18 Sehnenansätzen des Körpers, den sogenannten Tender Points, müssen für die Diagnose Fibromyalgie mindestens elf über einen Zeitraum von drei Monaten bereits auf leichten Druck schmerzhaft reagieren. Laut der neuen Leitlinie der DGRh ist jedoch ein Minimum von elf nicht mehr bindend (www.dgrh.de/leitliniefms.html). Auch eine Druckempfindlichkeit an anderen Stellen des Bewegungsapparates (Kontrollpunkten) gilt nicht mehr als Ausschlusskriterium für ein FMS.

 

Ursache bis heute unbekannt

 

Die genaue Ursache des FMS ist noch unklar. Bekannt ist, dass der Krankheit eine Störung der zentralen Schmerzverarbeitung zugrunde liegt und ein Übergewicht an proinflammatorischen systemischen Zytokinen besteht. Auch Störungen der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse wurden gefunden. Ebenso gibt es Hinweise auf Störungen im dopaminergen System, dem Serotoninsystem und dem Wachstumshormon-System. Wissenschaftler nehmen zudem eine genetische Komponente der familiär gehäuft auftretenden Krankheit an. Sie interessieren sich besonders für einen Polymorphismus auf dem COMT-Gen, einem Gen, das die Schmerzempfindlichkeit beeinflusst. Als Risikofaktoren für einen Ausbruch des FMS gelten Stress sowie eine anhaltende psychische und körperliche Überlastung.

 

Da ein FMS derzeit nicht heilbar ist und die Muskel- und Gelenkschmerzen ein Leben lang anhalten können, heißt das vorrangige Ziel, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Bewährt hat sich eine multimodale Therapie, bei der neben Medikamenten physikalische Therapien, Psychotherapie und Selbsthilfestrategien zum Einsatz kommen. Begonnen wird mit einer sechsmonatigen Basistherapie. Laut Leitlinie umfasst sie Patientenschulungen, kognitiv-verhaltenstherapeutische und operante Schmerztherapien, ein an die individuelle Leistungsfähigkeit angepasstes aerobes Ausdauertraining sowie eine kurzfristige und auf Wirksamkeit kontrollierte medikamentöse Therapie. Hier eignet sich Amitriptylin (25 bis 50 mg/d). Das trizyklische Antidepressivum konnte in mehreren placebokontrollierten Studien die Schmerzen reduzieren und die Schlafqualität verbessern.

 

Antidepressiva, Antikonvulsiva, Opioide

 

Besteht nach der Basistherapie weiterer Behandlungsbedarf, sollte eine erneut auf den Patienten abgestimmte multimodale Therapie für weitere sechs Monate ambulant durchgeführt werden. Falls erforderlich wird anschließend eine stationäre Langzeitbetreuung vorgenommen. Hier sind laut Leitlinie zeitlich begrenzt die Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer Fluoxetin (20 bis 40 mg/d) beziehungsweise Paroxetin (20 bis 40 mg/d) empfehlenswert. Auch der Noradrenalin-Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin (60 bis 120 mg/d) hat sich als wirksam erwiesen.

 

Des Weiteren kann der Arzt das Opioid Tramadol in Erwägung ziehen. Der Wirkstoff kann als Monotherapie (50 bis 400 mg/d) und in Kombination mit Paracetamol (1300 mg/d) verabreicht werden. Durch das Antikonvulsivum Pregabalin (450 mg/d) gingen in einer US-amerikanischen Studie von Crofford et al. Schmerzen, Schlafstörungen und Morgensteifigkeit signifikant zurück. Bei ungenügender Wirksamkeit der genannten Arzneistoffe kann der Arzt testweise den HT3-Rezeptorantagonisten Tropisetron (5 mg intravenös/d beziehungsweise 5 oder 10 oder 15 mg peroral/d) geben. Möglich ist laut Leitlinie auch die Gabe des Dopaminagonisten Pramiprexol. Für alle Wirkstoffe gilt, dass die Behandlung zeitlich begrenzt und kontrolliert erfolgen muss.

 

Literatur

... bei der Verfasserin

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