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Ausstellung

Sprechende Häupter

04.10.2011
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Von Ulrike Abel-Wanek, Mannheim / Ein bedeutendes Thema der Kultur- und Religionsgeschichte zeigt das Museum Weltkulturen in Mannheim zurzeit: Die Ausstellung »Schädelkult« präsentiert über 300 Schädel und Kopftrophäen aus der Zeit der Neandertaler bis heute. Darunter auch den berühmten Descartes-Schädel aus dem Musée de L’Homme in Paris.

Kopf und Schädel sind etwas Besonderes: Hier sieht, riecht, hört, schmeckt und spricht der Mensch, hier denkt und träumt er, hier zeigt er sein Gesicht. Mit einem Porträt-Foto identifiziert man sich – und meistens ist es das Gesicht eines Verstorbenen, das in Erinnerung bleibt. In vielen Kulturen der Welt erfahren Kopf und Schädel der Toten zum Teil bis heute eine besondere Wertschätzung. »Nur nördlich der Alpen ist das Thema etwas aus dem Gesichtsfeld gerückt«, sagte der Projektleiter der Ausstellung, Dr. Wilfried Rosendahl, am vergangenen Donnerstag kurz vor Eröffnung der Schau. Grund sei die hiesige Tabuisierung des Themas »Tod und Sterben«. Auf 1500 Quadratmetern widmet das Mannheimer Museum dem Menschheitsthema »Schädel« nun eine Ausstellung, die in dieser Größe noch nie gezeigt wurde, so Rosendahl. Von A wie Anatomie bis Z wie Zuckerschädel steht hier der Kopf als zentraler Teil des menschlichen Körpers im Mittelpunkt.

Anlass der Ausstellung war die Wiederentdeckung der umfangreichen Schädelsammlung des Künstlers Gabriel von Max (1840 bis 1915) im Jahr 2008. Sie gilt als eine der größten Sammlungen dieser Art und gehörte früher zum Bestand der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt sie als verschollen. Erst vor drei Jahren wurde die Max’sche Sammlung als Teil einer anderen Schädelsammlung in Freiburg ausfindig gemacht. Erstmals konnte nun damit begonnen werden, die Schädel mit noch in Mannheim befindlichen Dokumenten zusammenzuführen und mit modernen Methoden zu untersuchen. Für die Ausstellung kamen Leihgaben renommierter Museen aus Europa und Übersee hinzu.

 

»Ich denke, also bin ich«. Mit diesem Ausspruch lieferte René Descartes eine treffende Zusammenfassung für die wohl größte Leistung des menschlichen Kopfes: das Denken. Zu Beginn des gedämpft beleuchteten Rundgangs durch die Ausstellung steht der Schädel des großen französischen Philosophen und Naturwissenschaftlers in einer Vitrine. Hier im ersten Raum gibt es auch eine kleine Einführung in die Anatomie: Aus 22 bis 30 verschiedenen Teilen besteht beispielsweise ein Schädel, je nachdem, wie seine kleinsten Knochenbestandteile gezählt werden.

 

Viele Funde aus den Anfängen des Schädelkults zeugen von der mythischen Bedeutung des Kopfes in der frühen Menschheitsgeschichte. Er war ebenso Ausdruck der Totenverehrung wie ein Symbol der Macht über den besiegten Feind. Dass die Menschen schon früh ihrer Verstorbenen gedachten, indem sie deren Antlitz aus Lehm über den Schädel des Toten modellierten, zeigt ein rund 9000 Jahre altes Exponat aus Israel, das hier erstmals außerhalb dieses Landes zu sehen ist. Ohne die heutigen Forschungs- und Untersuchungsmethoden blieben viele Geschichten der Funde im Verborgenen. An einem Monitor kann der Besucher einem Kelten direkt ins mit CT-Technik rekonstruierte Antlitz schauen.

 

Ein Gang durch die Kulturen beweist: Kopfjagd- und Schädelrituale gab es in Afrika- und Asien ebenso wie in Amerika, Ozeanien und Europa. Die Ausstellung vereint zahlreiche Beispiele aus den verschiedenen Regionen. Darunter auch der Kopf eines Maori-Häuptlings, den James Cook von einer seiner Reisen in den Pazifik mitbrachte.

 

In Europa tritt der Totenschädel in sehr unterschiedlichen Darstellungen auf. Bei Leonardo da Vinci als unverwechselbare wissenschaftliche Zeichnung, als memento mori – insbesondere in der Barockzeit – sowie als Kettenanhänger, Pfeifenkopf oder Briefbeschwerer. Einen makaberen Schädelkult gab es um 1800 in Europa. Der Arzt Franz Joseph Gall (1758 bis 1828) glaubte, anhand der knöchernen Gestalt des Schädels eines Menschen seine Charaktereigenschaften ablesen zu können. Berühmte Persönlichkeiten schienen geeignet, dies zu belegen. Aus diesem Grund verloren einige vermutlich nach dem Tod ihren Kopf, darunter Josef Haydn, Descartes, Mozart und Schiller.

 

Trophäe, Forschungsobjekt oder bunte Zuckerschädel, mit denen die Mexikaner noch heute am 1. November ihrer Verstorbenen gedenken – die Mannheimer Exponate sind Zeugen einer Jahrhunderte alten, facettenreichen Geschichte und sehr sehenswert. /

Schädelkult: Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen. 2. Oktober 2011 bis 29. April 2012. Reiss-Engelhorn-Museen, Museum Weltkulturen D5, 68159 Mannheim, www.rem-mannheim.de.

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