Pharmazeutische Zeitung online

Nachgefragt

23.09.2014  15:49 Uhr

Ich finde die ganze Diskus­sion völlig übertrieben. Am Anfang habe ich noch versucht, mich damit zu beschäftigen, später habe ich die entsprechenden Artikel dann gar nicht mehr gelesen. Das Ganze hat nichts mit mir zu tun, es betrifft mich nicht. Im kleinen Rahmen mache ich das, was ich gerne mache, aber ich habe nicht das Gefühl, dass das Perspektivpapier für die Apothekerschaft im Allgemeinen irgendetwas bringt.

Wir finden es grundsätzlich toll, dass wir die Möglichkeit hatten, an der Entstehung des Perspektivpapiers teilzunehmen, und haben selbst auch mitgemacht. Allerdings sind ja viele Apotheker Individualisten, die sich von so etwas von vorneherein ausgrenzen, und deshalb finden sich wahrscheinlich einige in dem Papier nicht wieder, auch solche, die eigentlich gute Ideen für die Zukunft haben. Aber einen Versuch war es wert.

 

Was das Ergebnis angeht, halten wir es für wichtig, dass sich die Apothekerschaft mehr auf die Beratung als ihre Urkompetenz konzentrieren will. Wir erleben immer wieder, wie Patienten bei der Entlassung aus der Klinik irgendwelche obskuren Medikationen mitbringen, die dann vom Hausarzt absolut unreflektiert übernommen werden. Da ist pharmazeutischer Sachverstand gefragt. Eigentlich wäre es auch wünschenswert, dass für OTC-Präparate wieder eine Preisbindung gilt, aber das ist ja leider Geschichte. Dann könnten wir Apotheker zeigen, dass wir der Gesellschaft viel mehr nutzen, wenn wir ordentlich beraten, als wenn wir uns nur mit Dumpingpreisen beliebt zu machen versuchen. Dass wir von den Kassen Geld bekommen für unsere Beratung und für ein Medikationsmanagement, für eine gute pharmazeu­tische Betreuung, das ist die Zukunft. Es ist gut, dass das als Ziel in dem Perspektiv­papier steht.

Ich meine, dass unsere Standesführung ziemlich viel über unsere Köpfe hinweg entscheidet, und das ist beim Perspektivpapier auch der Fall gewesen. Man konnte zwar online seine Kritik äußern, aber man weiß ja nie, wie die Ergebnisse solcher Online-Befragungen dann verarbeitet werden. Das war beim Notdienst-Fonds genauso. Da hieß es auch erst, er sei für uns bestimmt, aber am Ende ist das jetzt nicht der Fall. Der ganze Entstehungsprozess war zu wenig transparent.

Dass pharmazeutischer Sachverstand in Zukunft eine noch größere Rolle spielen soll, finde ich absolut richtig. Ich selbst bin Fachapotheker für Klinische Pharmazie und für Offizinpharmazie und beliefere mit meiner Apotheke mehrere Kliniken. Wenn wir da mit den Chefärzten und Professoren zusammensitzen, brauchen wir ein solides pharmazeutisches Wissen. Meine Mitarbeiter und ich setzen deshalb jetzt schon zuallererst auf unsere Fachkompetenz und werden dafür anerkannt und ständig gelobt. Das sind doch die Hauptqualitäten, die wir als Apotheker haben. Insofern kann ich sagen: Das Leitbild vom Apotheker als Arzneimittelfachmann haben wir eigentlich schon längst.

Die inhabergeführte Apotheke erfordert einen Apotheker, der vor Ort ist. Der hat in der Regel sein eigenes Leitbild, der braucht dazu keine Vorschriften. Dass in der heutigen Zeit auch offiziell ein Leitbild für die Apotheker erstellt werden muss, sehe ich ein, aber letztlich hat jeder, der erfolgreich eine Apotheke führt, seine eigene Vorstellung davon, wie er das machen möchte. Sonst ist er heutzutage im Markt völlig deplaziert. Dazu gehören für mich eine gute Beratung und keine Schnäppchenangebote. Die Billigheimer haben noch nie Geld verdient.

Gastkommentar

Zukunftsperspektiven für alle Apothekenberufe

Mit der Verabschiedung des Perspektivpapiers für die Apotheke 2030 ist der Apothekerschaft ein großer Schritt in Richtung Zukunft gelungen. Das ist erfreulich für alle Beteiligten und nicht zuletzt für die Patienten. Berufspolitik, Apotheken und jeder einzelne, der in der Apotheke arbeitet, haben damit eine Messlatte für alle ihre künftigen Entscheidungen.

 

Das hat sich auch in den nachfolgenden Antragsberatungen auf dem Apothekertag in München gezeigt: in der Regel positiv, zum Beispiel bei der Abstimmung über eine Förderung evidenzbasierter Beratung in der Selbstmedikation.

 

Dass ein Ja zu neuen Aufgaben und Kompetenzen auch bedeutet, das ganze Apothekenteam in diese verantwortungsvolle Rolle einzubinden und entsprechend zu qualifizieren, muss sich allerdings noch stärker in den Köpfen durchsetzen. Ein »Weiter so wie bisher« kann nicht funktionieren. Das gilt fürs Pharmaziestudium – eine Herkulesaufgabe. Hier darf es keine Scheuklappen, keine Tabus geben! Stattdessen: erstens die klare Orientierung am Perspektivpapier, zweitens der Einbezug der jungen Approbierten, der PhiP und Studierenden sowie drittens die Berücksichtigung von Benchmarks, Best Practices und Erfahrungen aus dem Ausland. Und mit Blick auf den sich abzeichnenden Nachwuchsmangel ist außerdem wichtig: Nicht nur das Studium, sondern auch die Arbeitsplätze müssen attraktiv sein – und zwar nicht nur, aber auch finanziell!

 

Darüber hinaus hat die Apothekerschaft auch Verantwortung für die Ausbildung der nicht approbierten Mitarbeiter. Bei den PKA ist das für die Kammern systemimmanent. Aber bei den PTA darf man sich nicht verschanzen hinter dem Argument: Die sind ja nicht Mitglied in Kammern und Verbänden. Denn die Apotheker wollen ja wohl künftig nicht den Betrieb ganz allein schmeißen …? Der Bedarf an kompetenten PTA wird vielmehr noch steigen! Also muss die Ausbildung jetzt zügig entsprechend modernisiert werden. Das bedeutet, Inhalte gehören auf den Prüfstand: Was ist nicht mehr zeitgemäß? Was muss neu dazu kommen? Was ist nötig, um die oft mangelhaften schulischen Grundkenntnisse auszugleichen? Und außerdem müssen die Perspektiven verbessert werden: Was ist notwendig, um mit der Ausbildung eine Fachhochschulreife erlangen zu können?

 

Aus dieser Analyse ergibt sich die Forderung der Organisationen, die die PTA vertreten (ADEXA Fachgruppe PTA und BVpta), nach einer Verlängerung der PTA-Ausbildung um ein halbes Jahr, also auf drei Jahre. Damit dies für den Nachwuchs möglich ist, muss gleichzeitig das Thema Schulgeld angegangen werden! Es kann nicht sein, dass die Studierenden ohne Gebühren lernen, aber die deutlich niedriger bezahlten PTA Geld mitbringen müssen. Schulgelder von 200 bis fast 400 Euro pro Monat sind ein Skandal, gerade in einer Zeit, in der sich alle Regierungen das Thema bessere Bildungschancen auf die Fahne geschrieben haben. Aber die Frage nach einer Verlängerung muss inhaltlich geführt werden! Ein Adhoc- Antrag zur PTA-Ausbildung, den auch ADEXA-Vertreterinnen unterzeichnet hatten, wurde zwar – wie zuvor bereits der Antrag des Hessischen Apothekerverbands – in den Ausschuss verwiesen. Doch war dies ein wichtiger Anstoß zu Diskussionen, die auch nach der Sitzung weitergeführt wurden und geführt werden müssen.

 

Ellen Oetterer 

ADEXA-Landesvorsitzende Westfalen-Lippe

Delegierte der Apothekerkammer Westfalen-Lippe

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