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Glaukom

Augenärzte wollen screenen

25.09.2012  17:14 Uhr

Von Annette Mende, Berlin / Etwa die Hälfte der Patienten mit Glaukom weiß nichts von ihrer Erkrankung. Augenärzte fordern daher regelmäßige Früherkennungsuntersuchungen für alle ab 40. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) verlangt, die Zielgruppe genauer zu definieren.

Schätzungsweise 1 Million Menschen in Deutschland leiden am Grünen Star (Glaukom). Die Erkrankung macht lange Zeit überhaupt keine Beschwerden, kann aber unbehandelt sogar zur Erblindung führen. »Nach der altersabhängigen Makuladegeneration ist das Glaukom die zweithäufigste Ursache für Erblindung im Alter«, sagte Professor Dr. Franz Grehn, Präsidiumsmitglied der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), beim Kongress der DOG in Berlin. Diese Erblindung sei irreversibel, aber nicht unvermeidbar.

Fälschlicherweise werde ein erhöhter Augeninnendruck häufig mit Glaukom gleichgesetzt. »Zur Krankheitsdefinition des Glaukoms gehört der Augeninnendruck streng genommen aber gar nicht dazu«, so der Ophthalmologe. Der erhöhte Druck im Augeninnern sei vielmehr zugleich der wichtigste als auch der einzige beeinflussbare Risikofaktor für die Erkrankung. Andere Risikofaktoren sind Alter, familiäre Belastung und Hornhautdicke.

 

Das Glaukom ist eine chronisch fortschreitende Augenerkrankung, bei der der Sehnerv allmählich zugrunde geht. In der Folge hat der Patient Sehausfälle, die zunächst nur den Rand des Gesichtsfelds betreffen. Auf Schaubildern werden diese blinden Flecken zur Illustration in der Regel schwarz eingefärbt. »Das ist aber nicht das, was der Patient sieht. Das Gehirn füllt die Lücke mit der benachbarten Information. Daher merkt der Pa­tient zunächst überhaupt nicht, dass er diese Ausfälle hat«, erklärte Grehn.

Augenärzte können das Glaukom durch eine Untersuchung des Sehnervs am Augenhintergrund frühzeitig erkennen. Diese Untersuchung sei zur Diagnosestellung unabdingbar. Ein erheblicher Teil der Glaukomerkrankungen entstehe nämlich bei statistisch normalem Augen­innendruck, so Grehn. Umgekehrt gebe es Menschen mit erhöhtem Augeninnendruck, die kein Glaukom entwickeln.

 

Steht die Diagnose fest, muss der Augen­innendruck medikamentös gesenkt werden. Arzneistoffklassen, die hier zum Einsatz kommen, sind Betablocker, Sympatho- und Parasympathomimetika, Carboanhydrasehemmer und Prosta­glandinderivate. »Es ist belegt, dass die drucksenkende Therapie das Fortschreiten der Glaukomerkrankung stoppen oder zumindest verlangsamen kann«, sagte Grehn. Das gelte auch für Patienten mit Normaldruckglaukomen.

Für die DOG ist daher der Nutzen einer Glaukom-Früherkennungsuntersuchung unstrittig. Da das Alter ein wichtiger Risikofaktor ist, empfiehlt die Fachgesellschaft, ab 40 alle drei Jahre zur Kontrolle zu gehen, ab 65 sogar alle ein bis zwei Jahre. Augenarztverbände scheiterten jedoch beim Gemeinsamen Bundesausschuss mit dem Antrag, das Screening zur Kassenleistung zu machen. Gesetzlich Krankenversicherte müssen daher die Kosten der kombinierten Untersuchung des Augeninnendrucks und des Sehnervs von ungefähr 20 Euro selbst tragen.

 

Im Vorfeld ihres Kongresses hatte die DOG in einer Pressemitteilung scharfe Kritik am IQWiG geübt. Darin hieß es, das Institut fordere, »dass zunächst durch Vergleich mit unbehandelten Glaukompatienten belegt werden müsse, dass Glaukomvorsorge Erblindungen verhindert«. Diese Behauptung wies das IQWiG jedoch seinerseits in einer Pressemitteilung als falsch zurück. Die vom IQWiG veröffentlichten Informationen stellten vielmehr fest, dass Studien fehlen, aus denen sich zuverlässig ableiten lässt, für wen welche Glaukomvorsorge mehr Vor- als Nachteile hat.

 

»Solche Studien gibt es tatsächlich nicht«, gab Professor Dr. Bernd Bertram, Sprecher der Leitlinien-Kommission der DOG, zu. Das liege aber daran, dass bei jedem Glaukom-Screening weniger Patienten mit manifester Erkrankung entdeckt würden als Patienten mit auffälligem, aber nicht eindeutigem Befund. »Weil die Zahl der Patienten in der Grauzone höher ist als die der manifesten Glaukome, bekommen Sie bei solchen Studien schlechte Ergebnisse«, so Bertram.

 

Für ihn als Augenarzt sei aber auch ein nicht eindeutiger Befund eine wichtige Information, da er ihn dazu veranlasse, den Patienten engmaschiger zu kontrollieren. »Dann muss der Patient vielleicht einmal häufiger zur Kontrolle kommen. Aber das ist doch nichts im Vergleich zu den Schäden, die möglich wären, wenn ein Glaukom unentdeckt geblieben wäre«, betonte er. / 

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