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Pharmastandort Deutschland

Am House of Pharma wird gebaut

25.09.2012
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Von Elke Wolf, Frankfurt am Main / Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel steigen seit Jahren, doch die Zahl neu zugelassener Medikamente nimmt stetig ab. Hier will das House of Pharma gegensteuern, eine Plattform, die Vertreter aus Politik, Industrie, Universität und Fraunhofer-Gesellschaft an einen Tisch bringt.

Das Rhein-Main-Gebiet, mit der Hoechst AG einst der Kern der »Apotheke der Welt«, soll wieder das Aushängeschild des Pharmastandorts Deutschland werden. »Durch die Gründung des House of Pharma soll der Pharmastandort Deutschland wieder international sichtbar und an große Zeiten angeknüpft werden«, sagte Professor Dr. Werner Müller-Esterl, Präsident der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, bei der ersten Jahrestagung der neuen Dach­organisation.

Das House of Pharma – in Anlehnung an die erfolgreich laufenden House of Finance an der Goethe- Universität und das House of Logistics and Mobility – führt Vertreter aus Politik, Forschung und Pharmaindustrie unter einem Dach zusammen. Ziel ist die Gründung eines Fraunhofer Instituts für »anwendungsorientierte Arzneimittelforschung«. »Durch diese Bündelung von Wissen soll die Wertschöpfungskette von der Forschung und Entwicklung eines Arzneimittels bis zu seiner Vermarktung wieder besser werden«, steckte Müller Esterl die Vorgabe ab. Hier besteht in der Tat Handlungsbedarf.

 

Weichen stellen

 

Deutschland gelingt es immer weniger, am Erfolg der Gesundheitsbranche teilzuhaben. So setzte der Pharmamarkt 2009 weltweit 808 Milliarden US-Dollar um, 2020 werden es voraussichtlich 1,7 Billionen US-Dollar sein. Dass der Gesundheitsmarkt nicht nur ein Kosten-, sondern auch ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, daran ließ Ulrike Flach (FDP), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit, keinen Zweifel aufkommen. »Der Gesundheitssektor ist eine zentrale Säule der volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. So werden in Deutschland mehr als 10 Prozent des Bruttoinlandproduktes im Gesundheitssektor erwirtschaftet.« Und auch als Jobmotor sei die Gesundheitsbranche unverzichtbar. »2010 arbeiteten 4,8 Millionen Menschen in der Gesundheitswirtschaft, das ist etwa jeder neunte Erwerbstätige.«

 

Die Bedeutung für den Arbeitsmarkt in Deutschland zeige sich indes besonders in Krisenzeiten. Flach: »So ist in den Zeiten der Rezension von 2000 bis 2009 die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Deutschland über den gesamten Zeitraum um rund 450 000 Personen gesunken, dagegen ist die Zahl der Personen in den Gesundheitsberufen um rund 400 000 gestiegen.«

 

Flach stellte allerdings klar, dass dies kein Selbstläufer ist. »Wenn wir die Wirtschaftskraft erhalten wollen, müssen wir in die Gesundheit der Bevölkerung investieren.« So sieht sie die betriebliche Gesundheitsförderung als wichtigen Beitrag für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit. »Wir werden es uns nicht mehr leisten können, erwerbsfähige Arbeitnehmer durch vermeidbare Krankheiten ausscheiden zu lassen.«

 

Output verbessern

 

Was lässt den Pharmastandort Deutschland schwächeln? »Uns mangelt es nicht an Ideen, sondern an der Translation. Es ist eine bittere Erkenntnis, dass die Ausbeute unserer Forschungsarbeit eher mau ist«, sagte Dr. Martin Siewert, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Sanofi-Aventis Deutschland, auf der sich anschließenden Podiumsdiskussion. Nur eine von 25 präklinischen Substanzen schafft es bis zur Marktreife. Und die klinische Bewährungsprobe besteht nur einer von zehn Arzneistoffen. »Das heißt, neun Arzneistoffe scheitern erst dann, wenn schon viel Geld in die Hand genommen wurde.« Dabei scheitern zwei Drittel der Arzneistoffe aufgrund ihrer mangelnden Wirksamkeit, der Rest fällt meist wegen Nebenwirkungen durchs Raster.

 

Professor Dr. Gerd Geisslinger, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie an der Frankfurter Universität und neben Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz einer der beiden Promotoren des Baus des House of Pharma, konnte dem nur beipflichten: »Ich bin mir sicher: Wir betreiben hierzulande eine gute Grundlagenforschung. Aber uns gelingt es derzeit nicht, die Ergebnisse in Innovationen zu übersetzen.«

 

Staatliche Anschubgelder

 

Wie verfolgt man dieses Ziel im Rhein-Main-Gebiet? »Die Universität Frankfurt hat sich mit der Fraunhofer-Gesellschaft einen starken Partner geholt, immerhin die größte Forschungsorganisation Europas«, so Geisslinger. Das Land Hessen unterstützt mit Geld der Landesoffensive zur Entwicklung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz, kurz Loewe genannt. »Von Anfang nächsten Jahres bis 2015 sollen knapp 8 Millionen Euro fließen.« Doch so wichtig diese Anschubfinanzierung von staatlicher Seite auch ist: Ein Projekt dieser Größenordnung kommt nicht um die Finanzierung aus privater Hand umhin, darauf wies Dr. Thomas Schäfer, hessischer Finanzminister, in seinem Grußwort hin. So beteiligen sich denn auch viele Arzneimittelhersteller am House of Pharma. Als Lobbyverein ist die neue Dachorganisation jedoch nicht zu sehen.

 

Drei konkrete Projekte

 

»Die Fraunhofer-Projektgruppe wird sich daran messen müssen, wie sie es schafft, an der Schnittstelle von Universität und Wirtschaft Projekte auf den Weg zu bringen«, sagte Schubert-Zsilavecz, Vizepräsident der Frankfurter Universität. Geisslinger, auch Sprecher der derzeitigen Loewe-Fraunhofer-Projektgruppe, nannte konkret drei Projekte. So arbeite man derzeit daran, neuartige antiinflammatorische Substanzen zu entwickeln. Daneben soll die Sepsis­therapie verbessert und eine neue, perorale Behandlungsmöglichkeit für Multiple-Sklerose-Patienten geschaffen werden. Daneben gelte es, prädiktive präklinische und klinische Modelle zu entwickeln und für alte Substanzen aufgrund ihrer Nebenwirkungen neue Indikationsideen zu entwickeln.

 

Durch die Struktur des House of Pharma ist das Arbeiten im Team möglich. Die Doktoranden arbeiten nicht allein, sondern vernetzt. Unterschiedliche Fachrichtungen arbeiten in einem Labor zusammen. Geisslinger: »Erfolgreich forschen, heißt im Team forschen. Wir glauben, damit die Innovations­lücke schließen zu können.« / 

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