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Arzneimittelinformationsstellen

Arzneimittel und Informationen nur einen Mausklick entfernt

27.09.2011
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Von Sonja Mayer / Bei schwierigen fachlichen Fragen und Problemstellungen stehen der bayerischen Apothekerschaft seit über zehn Jahren die Arzneimittelinformationsstellen (AMI) der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK) beratend zur Seite. Durch den Know-how-Transfer stärken sie die fachliche Kompetenz der Apotheken vor Ort und die praxisorientierte Ausbildung der angehenden Apotheker.

Donald E. Francke hat bereits 1963 postuliert, dass der Bedarf an zentralisierter Arzneimittelinformation innerhalb eines Krankenhauses sehr hoch ist. Ein paar Dutzend Krankenhausapotheker können die Bedürfnisse Tausender Ärzte, die Millionen Patienten behandeln, decken. Die erste in der Literatur beschriebene Arzneimittelinformationsstelle wurde 1962 an der Universität Kentucky ins Leben gerufen. Das Ziel ist, für alle Heilberufe sehr zeitnah Arzneimittelinformationen verfügbar zu machen, um einen sicheren und rationalen Gebrauch von Arzneimitteln zu ermöglichen. Arzneimittelinformation zählt zu den unzweifelhaft wichtigsten Verpflichtungen des pharmazeutischen Personals.

Dabei ist zu unterscheiden zwischen »standardisierter« Information und der individualisierten, auch klinisch-wissenschaftlich ausgerichteten Arzneimittelinformation. Im Zeitalter wachsender Informationsflut, irreführender und von Werbung geprägten Informationen sowie erhöhter Komplexität von Therapieregimes hat der Service Arzneimittelinformation mit gut ausgebildeten und hoch motivierten Kollegen höchste Priorität für die Bayerische Landesapothekerkammer. Diese Dienstleistung beinhaltet die Erfassung arzneimittelbezogener Anfragen, Bearbeitung komplexer Fragestellungen, Bereitstellung umfangreicher und durch valide Referenzen belegter Information und Weitergabe der individuell bewerteten Information.

 

Der im Rahmen der Arzneimittelinformation tätige und verantwortliche Apotheker muss Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen insbesondere im Umgang mit wissenschaftlicher Literatur sowie bei der Bewertung verschiedener Informationsquellen nach den Kriterien der Evidenz-basierten Medizin (EbM) haben. Er ist für die Qualität und Richtigkeit der Arzneimittelinformation sowie für die ordnungsgemäße Weitergabe verantwortlich und steht als Ansprechpartner zur Verfügung. »Unser Grundprinzip lautet Qualität – es ist besser, gar nichts zu sagen, als irgendetwas. Unsere Antworten müssen in jedem Fall auf der Grundlage validierter Informationen nach höchstmöglichen Qualitätskriterien gegeben werden«, so Dr. Frank Dörje, Leiter der Universitätsklinikapotheke in Erlangen und der dortigen Arzneimittelinformationsstelle.

Ursprünglich etabliert wurde die Dienstleistung im Juni 1998 im Klinikum der Universität München. Es wurden schriftliche Anfragen von Kollegen aus Offizin und Krankenhaus angenommen, recherchiert und qualitätsgesichert beantwortet. München wurde 2001 durch eine Kooperation der Apotheke des Klinikums der Universität Regensburg mit dem dortigen Institut für Pharmazie abgelöst, da hier der Bereich der Arzneimittelinformation der Kammer mit der studentischen Ausbildung verzahnt werden konnte. So werden zukünftige Apotheker verpflichtend in Theorie und Praxis der Arzneimittelinformation ausgebildet.

 

Die Hospitation in der Krankenhausapotheke zeichnet sich durch die problemorientierte Darstellung realer arzneimittelbezogener Fragen aus der täglichen Praxis aus, die die Studenten in die Lage versetzt, die Lösung selbstständig zu erarbeiten oder sich durch einen erfahrenen Apotheker führen zu lassen. Neben Regensburg sind die Universitäten Erlangen/Nürnberg und Würzburg mit ihren Klinikapotheken vertreten: die Apotheke des Universitätsklinikums Würzburg mit dem Institut für Pharmazie seit dem 1. Januar 2003 und die Apotheke des Universitätsklinikums Erlangen seit dem 1. Januar 2006.

 

Das Projekt der Arzneimittelinformationsstellen wird von der Dr. August und Dr. Anni Lesmüller-Stiftung gefördert. Sie trägt zur Förderung der Klinischen Pharmazie bei, bewirkt eine qualitätsgesicherte Beratung der Kollegen in öffentlichen Apotheken und Krankenhausapotheken und erweitert das Ausbildungsspektrum der künftigen Apotheker. Somit wird langfristig die Professionalität des Berufsstandes, aber auch deren Wahrnehmung außerhalb des Berufsstandes gesteigert. Die Arzneimittelinformationsstellen unterstützen die Kammer darüber hinaus qualitätssichernd bei der Erstellung von Informationsmaterialien der Qualitätszirkel »Pharmazeutische Betreuung« und des WIPIG – Wissenschaftliches Institut für Prävention im Gesundheitswesen.

 

So hat zum Beispiel der Qualitätszirkel Pharmazeutische Betreuung Allgäu-Kempten im Jahr 2010 ein umfangreiches Poster zu den 30 wichtigsten Laborwerten erarbeitet. Es enthält in alphabetischer Reihenfolge zu den Laborwerten die Kurzbezeichnung, die genaue Bezeichnung, das Probenmaterial, den Referenzwert, die Bedeutung/Indikation sowie Anmerkungen. Die Arzneimittelinformationsstelle am Universitätsklinikum in Erlangen hat dazu Arzneimittel recherchiert, die die genannten Laborwerte erhöhen oder erniedrigen. Das Laborwert-Poster ist nur für die Beratung der Kunden in der Apotheke gedacht und soll dem pharmazeutischen Apothekenpersonal einen fachlichen Überblick über die häufigsten Werte geben (Download). Aufgrund der fachspezifischen Ausrichtung ist eine Weitergabe an Kunden (Laien) nicht vorgesehen!

Fragen an Dr. Claus Gassner, Universitätsapotheke

Mayer: Was passiert mit einer Anfrage, die die Kollegen vorzugsweise per E-Mail (Online-Formular) oder per Fax an die Arzneimittelinformationsstelle richten?

 

Gassner: Alle Fragen werden nach Eingang gleichmäßig auf die drei Infostellen verteilt. Dort wird die Frage zunächst unter folgenden Gesichtspunkten betrachtet:

 

Wer ist der Anfragende? Ein Apotheker, ein Kunde/Patient oder ein Arzt?

Was ist der Kern der Anfrage? Um was geht es eigentlich?

Ist die Frage eindeutig und verständlich formuliert? Eventuell fragen wir telefonisch zurück.

Dringlichkeit der Anfrage

Thema der Anfrage. Dies kann zum Beispiel Arzneimittelsicherheit, Interaktion, Therapie oder Phytotherapie sein.

 

Mayer: Welche Information erhalten Sie daraus?

 

Gassner: Bei der Aufnahme einer Frage wird das Thema bereits analysiert und die Suchbegriffe definiert. Damit wird oft schon entschieden, welche Suchstrategie im Folgenden benutzt wird, um eine rasche und gezielte Recherche durchzuführen. Je nach Art der Frage erfolgt die Recherche in Büchern oder Fachzeitschriften (Print/nonprint), in Online- oder CD-ROM-Datenbanken oder mit speziellen Suchmaschinen/Internetseiten.

 

Mayer: Wenn Ihnen viele Fundstellen vorliegen, wie grenzen Sie diese ein?

 

Gassner: Durch eine genaue Definition der Suchbegriffe können die Treffer auf ein überschaubares Maß reduziert werden. Die erzielten Ergebnisse werden nun nach ihrer Relevanz sortiert und bewertet. Dann formulieren wir die Antwort folgendermaßen: Nach einer kurzen Einleitung wird die Ergebnisfindung unter Angabe von Zitaten und Literaturquellen nachvollziehbar dargestellt und das Ergebnis kurz in verständlicher Form und maximal auf einer halben Seite als Fazit zusammengefasst. Der Umfang des Antwortschreibens liegt je nach Anfrage bei drei bis fünf DIN-A4-Seiten. Bevor das Antwortschreiben nun an den Anfragenden übermittelt wird, wird dieses noch einmal von einem Kollegen kritisch gegengelesen. Die Rücksendung erfolgt in der Regel per Fax oder E-Mail.

 

Mayer: Ist damit Ihre Arbeit erledigt?

 

Gassner: Im Anschluss daran werden alle Anfragen systematisch dokumentiert (in elektronischer und Papierform) um bei ähnlichen Fragen einen schnellen Zugriff auf die entsprechende Antwort zu ermöglichen. Zur Bewertung und Verbesserung der Qualität wird bei jedem Antwortschreiben die Zufriedenheit des Anfragenden mit einem Feedbackbogen evaluiert und ebenfalls dokumentiert. /

Die Kollegen der Arzneimittelinfostellen referieren in Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen und informieren regelmäßig im Kammerrundschreiben über aktuelle Fragen. Die drei Informationsstellen der Kammer gehören dem Verbund der Arzneimittelinformationsstellen Nord-Ost (AMINO) an, in dem zahlreiche regionale Arzneimittelinformationsstellen der Apothekerkammern, Krankenhausapotheken und weitere Kooperationspartner häufig gestellte arzneimittelbezogene und apothekenrelevante Fragen erfassen und dokumentieren. Die bayerischen Kollegen sind in der Eingabe der beantworteten Anfragen im deutschlandweiten Verbund führend.

 

Vorteile in der Praxis

 

Die internationale Literatur belegt, dass die praxisorientierte Arzneimittelinformation zum Erfolg einer Therapie beiträgt und die Anwendung von Arz­neimitteln sicherer und effektiver macht. Valide Arzneimittelinformation senkt die Kosten; so waren in Krankenhäusern mit Arzneimittelinformation in den USA die Gesamtkosten/Haus/Jahr um 5,2 Millionen Dollar niedriger. Zusätzlich hat diese Dienstleistung Einfluss auf die Mortalität der Patienten – in 237 Krankenhäusern (USA) konnten über 10 000 Todesfälle verhindert werden.

Ein Beispiel aus der Praxis

Anfrage eines Apothekers: Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse über Cayenne-Pfeffer-Kapseln zur Blutverdünnung? Der Patient möchte es statt ASS einnehmen.

 

Bewertung/Kern der Frage: Wahrscheinlicher Hintergrund der Anfrage ist, dass die lokale Anwendung von Cayenne-Pfeffer die Hautdurchblutung fördert. Kann daher durch die innerliche Anwendung ein ähnlicher Effekt wie durch ASS (Durchblutungsverbesserung, Blutverdünnung) erzielt werden?

 

Thema der Anfrage: Phytotherapie/alternative Therapie

 

Literatur:

 

1. Hagers Handbuch

 

2. Wichtl, Teedrogen

 

3. PubMed; Literaturdatenbank

 

Fazit: Cayenne-Pfeffer-Kapseln werden in der Laienpresse zur Behandlung von vielerlei Beschwerden angepriesen. Dabei werden Effekte wie Blutverdünnung, verbesserte Fettverdauung und Schmerzlinderung erwähnt. Bei den im Handel erhältlichen Präparaten handelt es sich um Nahrungsergänzungsmittel deren Wirksamkeit und Unbedenklichkeit für die beanspruchten Indikationen nicht durch kontrollierte klinische Studien belegt ist. Die bei der lokalen Anwendung von Cayennepfeffer beobachtete »Durchblutungsförderung« (Hyperämisierung) beruht auf ganz anderen Mechanismen, als die Thrombozytenaggregationshemmung durch ASS und kann diese wegen der erhöhten Gefahr von thromboembolischen Ereignissen auf keinen Fall ersetzen.

Die anfragenden bayerischen Kollegen werden gebeten, mit Hilfe von Evaluationsbögen die erhaltenen Informationen nach folgenden Kriterien zu bewerten: Antwort traf den Kern der Frage; ausreichender Umfang der Antwort; angemessene Beantwortungszeit; Antwort für die Praxis nützlich; Einfluss auf Produktauswahl, Verordnung beziehungsweise Therapieentscheidung. Im Jahr 2009 erhielten die Arzneimittelinformationsstellen 362 ausgefüllte Bewertungsbögen zurück. Das Ergebnis ist eindeutig: In jeweils über 90 Prozent der Fälle sind die Anfrager äußert zufrieden mit den Antworten. Dieser Service und die individuelle und fachmännische Information zum verordneten Arzneimittel werden von den Patienten, anfragenden Apothekern und Ärzten sehr geschätzt.

 

Nachgefragte Themengebiete

 

Das Thema Arzneimitteltherapiesicherheit nimmt den größten Stellenwert in der Themenkategorie ein, gefolgt von Fragen zur Therapie, Phytotherapie und alternativen Therapie. Dr. Wilhelm Brodschelm, Apotheker in der Universitätsapotheke Würzburg und Leiter der dortigen Arzneimittelinformationsstelle, hat aufgrund der zunehmenden Nachfragen nach Drogen der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) eine Übersicht über stark wirksame TCM-Drogen sowie deren mögliche Risiken bei der Anwendung erstellt.

 

Diese 13-seitige Liste enthält Informationen zu 61 Drogen nach folgenden Kategorien: lateinische Bezeichnung nach AB-TCM, chinesischer Name (Pinyin), Stammpflanze(n), Synonyme, wichtige Anmerkungen/Anwendungsbeschränkungen, Abgabeverbot/Bedenklichkeit, Empfehlung für Verschreibungspflicht, Inhaltsstoffe und pharmakologische Wirkung. Sie ist im passwortgeschützten Bereich der Homepage der Bayerischen Landesapothekerkammer eingestellt.

 

»Die Verwendung traditioneller chinesischer Drogen (TCM) ist als nicht unbedenklich einzustufen. Vor allem die Dosis und die Dauer der Einnahme sind für das Auftreten von Vergiftungserscheinungen von entscheidender Bedeutung«, so der Autor.

 

Diese Liste wurde nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt; erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit und für die gemachten Aussagen kann keine Haftung übernommen werden.

 

Im Jahr 2010 dauerte die durchschnittliche Beantwortung einer Anfrage 140 Minuten, wobei die Anfragen der Ärzte mit durchschnittlich 155 Minuten am zeitintensivsten waren. Die Anzahl der Anfragen pro Jahr ist leicht steigend. Durchschnittlich werden pro Monat circa 100 Fragen gestellt. Bezüglich der Dringlichkeit ist festzustellen, dass Anfragen von Apothekern und Patienten für einen Zeitraum von ein bis drei Tagen gestellt werden, während Ärzte in der Regel eine schnellere Beantwortung der Frage wünschen (dringend; eilt).

 

Die Bayerische Landesapothekerkammer bedankt sich bei den Mitarbeitern der bayerischen Arzneimittelinformationsstellen für die wertvolle, qualitativ hochwertige und fachkundige Leistung der letzten Jahre. Ihnen gelingt es hervorragend, die Beratungstätigkeit der Kollegen in öffentlichen wie in Krankenhausapotheken zu unterstützen und zu einer besseren Ausbildung der künftigen Apotheker beizutragen. Ihre Arbeit steigert die Professionalität unseres Berufstandes und stärkt die Position des Apothekers als Ansprechpartner in speziellen Arzneimittelfragen für Ärzte, Patienten und Pflegepersonal. /

Download Laborwert-Poster (5,6 MB)

Kontakt

Dr. Sonja Mayer

Bayerische Landesapothekerkammer

sonja.mayer(at)blak.aponet.de

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